Gute HSG Wetzlar verliert bei Rhein-Neckar Löwen mit 27:36 Michael Roth saß vor dem Gang zum letzten Gefecht in dieser so langen Saison vor der Karlsruher Europahalle, zog an einem Zigarillo und genoss die Sonne. Dabei hatte der Trainer des Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar personelle Sorgen, denn neben Sven-Sören Christophersen (Teilriss der Patellasehne im linken Knie) musste er im gestrigen Spiel bei den hochfavorisierten Rhein-Neckar Löwen auch auf Avishay Smoler verzichten, weil der Israeli mit einer Allergie zu kämpfen hatte.
Was die Grün-Weißen am Ende einer strapaziösen Runde auf die Platte zauberten, war dann zwar aller Ehren wert. Trotzdem haderte Roth nach der letztlich verdienten, aber zu hoch ausgefallenen 27:36 (17:17)-Niederlage seiner HSG mit dem Schicksal - und schimpfte auf die Unparteiischen: "Mit solchen Schiedsrichtern kannst du gar nicht gewinnen, egal, wie stark du spielst. Gut, dass ich die beiden jetzt einige Wochen nicht sehen muss", schickte der Wetzlarer Trainer eine klare Botschaft an Andreas und Marcus Pritschow. Die Zwillingsbrüder aus Stuttgart unterbrachen mit ihren umstrittenen Entscheidungen und mehreren diskussionswürdigen Zeitstrafen gegen die Gäste in der zweiten Halbzeit den Rhythmus, den sich der Außenseiter zuvor mit ehrlicher Arbeit erkämpft und verdient hatte.
Heute soll den Mittelhessen die Lizenz für die Saison 2010/11 erteilt werden
Angeführt von einem explodierenden Daniel Valo im rechten Rückraum bot der Tabellen-13. (dem nach Informationen dieser Zeitung heute offiziell die Lizenz für die kommende Saison erteilt wird) dem mit Stars gespickten Team von Coach Ola Lindgren lange Zeit die Stirn. Der Ex-Dutenhofener auf der Bank des Pokalfinalisten hatte seinerseits eine "ganz schlechte Abwehr von uns in der ersten Hälfte" gesehen und reagierte nach einer Viertelstunde mit der Herausnahme des völlig desolaten Karol Bielecki und des immer noch leicht angeschlagenen Olafur Stefansson.
Auf der Gegenseite nutzte die HSG nahezu alle ihre sich bietenden Chancen. "Das war fast hundert Prozent, und aus dem Grund hatten wir die Löwen schon fast so weit, dass sie unsicher wurden", blickte Torhüter Nikolai Weber auf die Phase zurück, als seine Vorderleute ab dem 12:11 (21.) von Timo Salzer ständig ein Tor vorlegten.
Als Valo Sekunden vor der Pausensirene die Nerven der Gastgeberfans unter den 4121 Zuschauern mit dem Treffer zum 17:17 noch mehr strapazierte, war eine Sensation für die Grün-Weißen weiter möglich. Aber mit Beginn des zweiten Durchgangs riss der Faden. Zum einen wegen der bereits erwähnten Pfiffe der Referees. Zum anderen, "weil wir uns gegen die umgestellte Abwehr der Löwen enorm schwergetan haben", konstatierte HSG-Kapitän Salzer. Gegen die 5:1-Variante (mit Kurzdeckung gegen Valo) kamen die Wetzlarer nicht zurecht. So vergrößerten die Badener dank der herausragenden Bjarte Myrhol am Kreis und Bielecki-Ersatz Grzegorz Tkaczyk im linken Rückraum ihren Vorsprung kontinuierlich.
Am Ende jubelten die Rhein-Neckar Löwen über einen 36:27-Pflichterfolg, den vierten Platz in der Abschlusstabelle und die damit verbundene Qualifikationschance zur Champions League. Sogar Wetzlars Kreisläufer Gregor Werum ("Ich gehe nach 16 Jahren erste und zweite Liga mit einem guten Gefühl in den Handball-Ruhestand") bekam nach seinem letzten Bundesliga-Auftritt eine Flasche Wein und einen Blumenstrauß - und nahm diese dankend an. Ganz im Gegensatz zu Andrej Klimovets, der die Löwen verlassen soll, den Gang zur offiziellen Verabschiedung aufs Podium verweigerte, nach Informationen dieser Zeitung aber eine Option gezogen hat, um noch eine Saison in Mannheim bleiben zu können.
"Okay, die wollen in die Champions League. Trotzdem verlange ich von den Schiedsrichtern, dass auch wir fair behandelt werden", schüttelte Michael Roth derweil noch Minuten nach der Partie den Kopf. Der Trainer der HSG Wetzlar hätte anstatt Geschenken und Lob für seine Jungs lieber Punkte aus der Karlsruher Europahalle mit in den Mannschaftsbus und heute Morgen um kurz vor zehn mit in seinen Urlaubsflieger nach Los Angeles genommen.
Rhein-Neckar Löwen: Szmal (21. bis 30.), Fritz - Gensheimer (8/3), Roggisch, Tkaczyk (7), Bielecki, Manojlovic, Gudjonsson (2), Stefansson (1), Müller, Klimovets (3), Myrhol (9), Bruhn (1), Groetzki (5)
Wetzlar: Nikolai Weber (ab 31.), Krasavac - Schmidt (4/3), Sebastian Weber (3), Salzer (3), Valo (5), Allendorf (2), Mraz (6), Schneider (1), Chalkidis, Werum, Ludwig, Rompf (n.e.), Jungwirth (3)
Schiedsrichter: Pritschow/Pritschow (Stuttgart) Zuschauer: 4121 (in Karlsruhe) Zeitstrafen: Rhein-Neckar Löwen eine (Groetzki), Wetzlar sechs (Jungwirth zwei, Valo, Allendorf, Schneider, Ludwig) verworfene Siebenmeter: Gensheimer (Rhein-Neckar Löwen) scheitert an Nikolai Weber (45.)
Volkmar Schäfer
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