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„Ich habe mein Schicksal öffentlich gemacht”
Donnerstag, den 08. Juli 2010 um 17:21 Uhr
Interview mit Michael Roth (Trainer der HSG Wetzlar) zum Buch über Krebs-Früherkenung!

Man kann den einen nicht ohne den anderen denken. Michael und Uli Roth waren viele Jahre das Vorzeige-Zwillingspaar nicht nur im Handball, sondern im gesamten deutschen Sport. Beruflich trennten sich die Wege nach der aktiven Zeit. Während Uli sich heute unter anderem um das Management der Popgruppe Pur kümmert, blieb Michael dem Handball als Trainer (Kronau/Östringen, Grosswallstadt und inzwischen Wetzlar) treu. Erst 2009 machten die heute 48-jährigen Roth-Zwillinge wieder bundesweit von sich reden. Beide erkrankten nahezu gleichzeitig an Prostatakrebs. Sie verarbeiteten die Erkrankung in dem Buch Unser Leben - Unsere Krankheit. Und beide nutzen ihre Prominenz nun dazu, dem Tabuthema Prostatakrebs den Kampf anzusagen. Der TOYOTA Handball-Bundesliga stand Michael Roth in einem ausführlichen Gespräch Rede und Antwort.

Sie waren jüngst im Fernsehen zu Gast. Bei Frank Plasberg traten Sie in der Sendung „Hart aber fair” auf, jedoch keineswegs als Handballer, oder?

Roth: Ich war als Betroffener des Themas Prostatakrebs dort. Das Thema ist selbst heute noch für viele Männer absolut tabu. Es ist ja auch nicht besonders angenehm, über Inkontinenz und Impotenz zu reden, wenn man darunter leidet. Ich habe mein Schicksal auch deshalb öffentlich gemacht – übrigens nicht nur bei Frank Plasberg, sondern auch noch in einigen anderen Talksendungen –, um darauf hinzuweisen, dass dank Früherkennung und Vorsorge eine Erkrankung gar nicht erst ausbrechen muss. Jährlich erkranken rund 60.000 Männer an Prostatakrebs Es ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern und von der Thematik vielleicht vergleichbar mit dem Brustkrebs bei Frauen. Eine Enttabuisierung dieses Themas wird ganz sicher helfen, diese dramatische Rate deutlich zu senken.

Sie haben aufgrund Ihres öffentlichen Umgangs mit der Erkrankung viel Aufsehen erregt.

Roth: Zu Beginn erfüllte das Reden über die Erkrankung durchaus einen Eigenzweck. Ich spürte, sobald ich darüber sprechen konnte, verbesserte sich auch meine psychische Verfassung deutlich. Zudem haben mein Zwillingsbruder Uli und ich immer nach einer Gelegenheit gesucht, im Leben irgendetwas Gutes zu tun. Jetzt also engagieren wir uns dafür, dieses wahnsinnige Tabuthema zu knacken und Männern zu erklären, nicht nur zur Reparatur, sondern auch zur Prophylaxe zum Arzt zu gehen. Das ist manchmal richtig schwer, weil noch immer viele Menschen verantwortungslos mit sich umgehen. Aber ich will ehrlich sein: Ich brauchte auch meine Zeit, um das zu begreifen.

Erstaunlich ist, dass Ihr Bruder Uli nahezu zeitgleich an Prostatakrebs erkrankte. Ist das genetisch bedingt, oder war es Zufall?

Roth: Die Ärzte sagen, dass bei einer familiären Vorgeschichte die Gefährdung, an Prostatakrebs zu erkranken, höher ist. Ein unmittelbarer genetischer Zusammenhang ist nicht bewiesen, aber auch nicht sehr unwahrscheinlich. Mein Bruder und ich sind eigentlich ungewöhnlich jung, um daran zu erkranken. Aber ich werde meinem zwölfjährigen Sohn nahe legen, bereits mit 30 zur Vorsorge zu gehen.

Wie sind Sie denn zunächst mit dieser niederschmetternden Diagnose umgegangen?

Roth: Das war natürlich ein Rieenschock. Am schlimmsten war die kurze Phase der Ungewissheit, ausgehend von dem Satz des Arztes „Sa ist etwas, was mir nicht gefällt” bis zum Ergebnis der Biopsie. Ich habe am Mittwochabend noch ein Spiel in Nordhorn gecoacht, am Donnerstagvormittag teilte man mir das Ergebnis mit. Sie haben Krebs, hieß es, aber zum Glück sehr früh erkannt. Ich brauchte keine 15 Minuten, um mir klar zu machen, dass nun allein der Kampf gegen die Krankheit zählt. Ich bin damals auch direkt ausgestiegen aus dem Job. In der damaligen Presseerklärung haben wir noch von einer Harnwegserkrankung gesprochen, weil ich da noch nicht in der Lage war, öffentlich darüber zu sprechen. Es folgten die Operation in Hamburg und die Regeneration.

Gemeinsam mit Ihrem Bruder Uli haben Sie danach ein Buch darüber geschrieben. Darf man das als Lebenshilfe für Leidensgenossen betrachten?

Roth: Die Idee war, dass zwei Typen, die aufgrund ihrer sportlichen Vita zumindest noch ein wenig bekannt sind, zudem als Zwillinge dieselbe Krankheit hatten, mit ihren Appellen viel Positives bewirken können. Das haben wir mit dem Buch versucht. Ich denke, es ist in jeder Hinsicht ein persönliches Buch über uns und ein sehr informatives Buch über Prostaterkrankung. Ich spüre im Umfeld, dass dort vieles in Bewegung geraten ist. Ganz viele Menschen unterstützen uns und fragen auch um Rat. Bis auf einige wenige unverbesserliche Idioten.

Mit anderen Worten: Wer nicht zur Vorsorge geht, hat selbst Schuld, wenn er krank wird?

Roth: So ist es. Natürlich sieht man die Dinge als Betroffener anders. Aber es ist immens wichtig, sich zu trauen, über diese Krankheit zu reden und offen damit umzugehen. Wir haben Initiativen gegründet, werden ständig zu Seminaren oder zu Selbsthilfegruppen eingeladen. Auch der Auftritt bei Frank Plasberg zeigt, wie schwer es ist, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Aber es gibt auch viel Anerkennung. Von der Zeitschrift BUNTE wurden Uli und ich nun nominiert für die Wahl zum Gesundheitsmann 2010.

Dürfen Sie und Ihr Zwillingsbruder heute als völlig geheilt gelten?

Roth: Das kann ich noch nicht sagen. Erst nach fünf Jahren – so die Schulmedizin – gilt ein ehemals Prostatakrebskranker als geheilt. Drei Jahre lang werde ich alle drei Monate bei einem Urologen vorstellig, danach kann ich die Frequenz auf einmal im halben Jahr heruntersetzen. Aber bis dahin gelte ich nicht als geheilt.

Gibt es Folgeschäden?

Roth: Es gibt keine unmittelbaren Beeinträchtigungen. Ich muss keine Einlagen tragen, da die Blase dank der frühzeitigen Erkennung nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Verändert sich mit einer solchen Erkrankung auch die Einstellung zum Leben?

Roth: Die Krankheit war ein Wendepunkt in meinem Leben. Und das gilt auch für meinen Bruder. Wir haben viele Jahre lang das Leben von der leichten Seite genommen und es in vollen Zügen genossen, aber plötzlich setzt du dich mit Begriffen wie Tod, Lebenszeitverkürzung oder Chemotherapie auseinander. Es wird einem plötzlich vieles bewusst. Nicht, dass ich in meinem Leben so viel falsch gemacht hätte, aber nach einer solchen Erfahrung genießt man das Leben viel intensiver. Speziell diese Erkrankung hat auch mit Stress zu tun. Insofern haben Uli und ich beschlossen, auch ein paar Dinge in unserem Leben wegzulassen.

Sie sind jetzt ausschließlich Handballtrainer?

Roth: Stimmt. Zuerst wollte ich so schnell wie möglich wieder gesund werden, weil ich die ganze Zeit an meine Jobs gedacht habe. Jetzt aber bin ich nur noch Trainer und habe mehr Zeit, mich um meine Familie zu kümmern. Ich ärgere mich natürlich nach wie vor über verlorene Spiele. Das geht bei mir nicht anders. Aber ich nehme mir jetzt meine Auszeiten.

Welchen Rat geben Sie Ihren Mitmenschen?

Roth: Es geht einfach darum, sich um seinen Körper zu kümmern und beim Nachdenken darüber, die richtigen Rückschlüsse zu ziehen. Die Vorsorge ist unglaublich wichtig. Es lohnt sich, zum Arzt zu gehen, um zu hören, dass man gesund ist. Wenn es zu spät ist, wird es furchtbar…

Quelle: toyota-handball-bundesliga.de

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