„An keinem Tag bereut“

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Seit einem Jahr ist Björn Seipp Geschäftsführer der HSG Wetzlar

Dass sein Schritt damals durchaus risikoreich war, weiß Björn Seipp. Immerhin übernahm er einen Posten, auf dem sich seine Vorgänger nicht lange gehalten halten. Doch der 37-Jährige scheute das Wagnis nicht und wurde am 1. Januar 2011 Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar. Ein Schritt, den er bislang „an keinem einzigen Tag bereut“ hat. Eigentlich sah die berufliche Planung ganz anders aus. Beim privaten Radiosender FFH, wo er immerhin fast zehn Jahre lang tätig war, sollte er weiter aufsteigen. Vom Rhein-Main-Reporter zum Studioleiter in Fulda. Auf einen solchen Job hatte er einige Zeit hingearbeitet. Doch das Angebot lehnte er letztlich ab. Zugunsten der HSG Wetzlar.

Der Aufsichtsrat der Grün-Weißen kam im Herbst 2010 auf Seipp zu. Die Verantwortlichen kannten ihn, schließlich war der ausgebildete Journalist nicht nur knapp acht Jahre Hallensprecher, sondern auch seit 2004 für die Pressearbeit des heimischen Bundesligisten zuständig. „Da habe ich schon viel Zeit und Herzblut investiert. Ein solch großes Vertrauen hat mich aber doch überrascht“, sagt Seipp, der in mehreren Gesprächen mit den Aufsichtsratsmitgliedern Antonio Pardo, Martin Bender und Manfred Thielmann die Vorstellungen der neuen Führungscrew kennenlernte. „Das Konzept hat mich schnell überzeugt“, gibt Seipp zu und ergänzt: „Es gab klare Vorstellungen. Es wurden Vorgaben und Ziele formuliert, die nachvollziehbar, logisch und auch meiner Meinung nach zwingend notwendig waren.“

Diese waren allen voran die wirtschaftliche Gesundung des Vereins, aber auch eine bessere Verbindung zu den Fans und Sponsoren sowie eine höhere Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit. „Ich habe nicht lange gebraucht, um zuzusagen. Ich hatte die Unterstützung meiner Familie, großes Vertrauen in das unternehmerische Knowhow des Aufsichtsrates und die sportlichen Fähigkeiten unserer Mannschaft“, erklärt Seipp. Er übernahm den Geschäftsführer-Posten, der seit dem Rauswurf von Sascha Schnobrich im Oktober 2010 durch Norbert Weber nur interimsmäßig besetzt war.

In dem einen Jahr hat sich die HSG Wetzlar gut entwickelt. Sportlich wurde in der vergangenen Saison frühzeitig der Klassenerhalt gesichert und auch in der bisherigen Runde haben die Grün-Weißen eine gute Grundlage für die letzten 16 Spiele gelegt. „Wir haben 14 Punkte. Das ist einer mehr als zum gleichen Zeitpunkt im letzten Jahr. Die Mannschaft muss aber an den Leistungsschwankungen arbeiten, konstanter werden“, sagt Seipp, dem es imponiert hat, wie das HSG-Team in vielenHeimspielen aufgetreten ist. „Da waren im vergangenen Jahr viele tolle Spiele dabei.“ Die gelungenen Auftritte in der Rittal-Arena erleichtern dem Geschäftsführer natürlich die Arbeit mit den Sponsoren. Deren Betreuung hat Seipp gemeinsam mit seinen drei Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle verbessert. „Unsere Partner müssen sich bei uns auf allen Ebenen gut aufgehoben fühlen“, lautet der Anspruch des gebürtigen Pohlheimers. Immerhin: Die Anzahl der Geldgeber stieg in den vergangenen zwölf Monaten von 130 auf über 150 – und damit erstmals auch der Etat auf über 3 Millionen Euro.

Doch nicht nur das: Auch der Zuschauerschnitt erhöhte sich um annähernd 400 Besucher pro Partie. Erstmals verkaufte die HSG Wetzlar zudem mehr als 2000 Dauerkarten. „Darauf dürfen wir uns aber nicht ausruhen“, mahnt der ehemalige Spieler und Trainer des Fußball-Bezirksoberligisten SC Teutonia Watzenborn-Steinberg, der natürlich weiß, dass ein solcher Zuschauerzuwachs allen voran möglich war, weil die Mannschaft tolle Leistungen geboten hat.Deswegen soll das Team für die Zukunft noch besser aufgestellt werden. Diese Aufgabe liegt im wesentlichen in den Händen von Aufsichtsratssprecher Manfred Thielmann, der bei den Wetzlarern für den sportlichen Bereich zuständig ist. Für die wirtschaftliche Komponente sind es Martin Bender und Antonio Pardo, beides erfolgreiche Geschäftsleute. „Doch die Entscheidungen treffen wir zusammen“, sagt Seipp, der sich selbst als „Teamplayer“ bezeichnet und dankbar ist, dass die Aufsichtsratsmitglieder viele operative Aufgaben wahrnehmen. „Das ist keine Selbstverständlichkeit und den handelnden Personen in deren sowieso schon stressigen Tagesgeschäft nicht hoch genug anzurechnen“, so Seipp. „Wir haben fast jeden Tag Kontakt“, erklärt Manfred Thielmann, der es schätzt, in den entscheidenden Fragen „absolute Übereinstimmung“ mit dem HSG-Geschäftsführer zu haben.

Seipp sieht sich auch nach einem Jahr im Amt immer noch in der Lernphase, gerade weil er nicht aus dem Wirtschaftsbereich kommt. „Aber ich denke, dass ich mich schon gut reingearbeitet habe“, so der 37-jährige bescheiden. Für die kommenden Monate will er die Professionalisierung der HSG Wetzlar weiter vorantreiben. „Es ist unser klar formuliertes Ziel, in Zukunft mehr Geld einzunehmen als auszugeben. Aber erfolgsorientierter Profisport kostet Geld. Daher sind wir auf die Unterstützung der Fans, Wirtschaft und Stadt angewiesen. Nur so können wir unserem Anspruch gerecht werden, die Gesundung der HSG Wetzlar weiter voran zu treiben. Langfristig gilt es einen soliden finanziellen Background zu erwirtschaften, damit wir der sportbegeisterten Region langfristig Bundesliga-Handball bieten können.“ Doch das, und darauf weist Seipp immer wieder hin, „ist für uns alle viel, viel harte Arbeit“. Aber er hat Glück: „Ich gehe nicht mit dem Gefühl in mein Büro, zur Arbeit zu müssen.“ Ihm macht der Job Spaß. Dafür investiert er jede Menge Zeit. Ab März hat er dennoch täglich eine Stunde mehr für sein Privatleben übrig. Björn Seipp zieht mit seiner Frau Stephanie von Bad Nauheim nach Wetzlar. Allerdings nicht nur aus privaten Interessen. Sondern auch aus beruflichen Gründen: „Es ist besser“, so sagt er, „wenn man weiß, wie eine Stadt tickt. Und Wetzlar ist eine tolle Sportstadt!“

Arne Wohlfarth (Wetzlarer Neue Zeitung)