"Bist du der Müller aus Wetzlar?"

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Handball-Zwillinge wollen ab Sommer zusammen bei der HSG wirbeln

Philipp Müller bestellt einen Milchkaffee, sein Bruder Michael einen Kakao mit Sahne. Von wegen Zwillinge ticken immer gleich. Und wer genau hinschaut, kann die beiden auch ganz gut auseinanderhalten - zumindest, wenn sie zusammen unterwegs sind. Was ab Sommer wieder häufiger der Fall sein wird, denn dann müllerts doppelt bei Handball-Bundesligist HSG Wetzlar.

Grinsend schlendern die beiden über den Domplatz in Wetzlar. Vormittags hat Michael Müller noch bei den Rhein-Neckar Löwen trainiert, wo der 46-fache Nationalspieler bis zu seinem Wechsel an die Lahn unter Vertrag steht. Er freut sich, seinen Bruder zu sehen, der bereits seit eineinhalb Jahren für die Grün-Weißen aufläuft. Allzu oft können sich die 27-jährigen Profis nicht treffen. "Anfangs war das schon schwer für uns. Wir waren fast ein Leben lang zusammen und dann lagen plötzlich ein paar hundert Kilometer dazwischen. Aber wir haben uns daran gewöhnt und telefonieren oft", sagt Michael Müller. Die Bande sind eng. "Michi braucht mich bloß anzuschauen, dann weiß er genau, was los ist. Er kennt mich am besten, und über vieles kann ich auch mit ihm am besten reden", ergänzt Philipp.

Mutter Uschi nimmt ihre Söhne mit in die Halle und trainiert sie in der E-Jugend

Den Handball haben die Müller-Zwillinge, die in Bayreuth aufwuchsen, sozusagen in die Wiege gelegt bekommen. Mutter Uschi spielte, Tante Heidi ebenfalls und die große Schwester Kristina begann auch früh. "Wir sind quasi in der Halle aufgewachsen, unsere Mutter hat uns immer mitgenommen. Als meine Schwester dann anfing, sind wir einfach mal mitgegangen", erzählt Philipp. Coach war der Nachbar. Und als er aufhörte, übernahm Uschi Müller. So kam es, dass sie in der E-Jugend auch ihre Söhne trainierte. Schon früh wurden die beiden zur Selbstständigkeit erzogen. Ihre Eltern trennten sich, als sie in der vierten Klasse waren. "Unsere Mutter hat gearbeitet. Da mussten wir als Kinder zusammenrücken und auch mithelfen. Wir sind immer füreinander da. Vielleicht ist das bei uns etwas ausgeprägter als bei anderen", bemerkt Philipp.

Mit der A-Jugend von Haspo Bayreuth kamen die beiden Müllers bis ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft, mit den Männern stiegen sie in die Regionalliga auf. "Mit acht Spielern sind wir von den Jungs bis zu den Männern zusammengeblieben. Das gibt es total selten. Wir sind heute noch beste Freunde", betont Michael. Und Philipp fügt an: "Zwei Jahre lang haben wir in Bayreuth noch Regionalliga gespielt. In dieser Zeit kamen die ersten Angebote für Michi. Er war unser überragender Mann."

Die fast zwei Meter langen Profis mit den Dreitagebärten sind lustige und sympathische Typen, die immer bescheiden und bodenständig geblieben ist. Sie beendeten die Schule und absolvierten nach dem Zivildienst eine Ausbildung. "Das wollte unsere Mutter so", erklärt Michael, der Industriekaufmann lernte. "Manchmal war es ein bisschen anstrengend, aber im Nachhinein war alles richtig so. Wir haben eine Ausbildung in der Tasche und können uns nun beruhigt auf unser Leben als Profi konzentrieren." Sein Bruder machte eine Lehre als Verlagskaufmann. Seit drei Semestern legen die Franken ein Fernstudium in Medienmarketing und Medienmanagement ab. Natürlich gemeinsam.Mit Doppelspielrecht bei Zweitligist TuSpo Obernburg wechselten die Rückraumrecken 2006 zum TV Großwallstadt und Coach Michael Roth. Michael Müller startete durch. Schnell schaffte er den Sprung ins Bundesliga-Team des TVG. Im März 2008 lief der Linkshänder erstmals für die Nationalmannschaft auf, im Januar 2009 war er bei der WM in Kroatien dabei und schloss sich im darauffolgenden Sommer den Rhein-Neckar Löwen an.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Handballwege der Zwillinge bereits getrennt, da Philipp im Sommer 2008 zu HBW Balingen/Weilstetten gegangen war. Die erste große Trennung sei aber die schlimmste gewesen, bemerkt dieser mit einem Schmunzeln. "Es war in der siebten Klasse. Wir sind in die Schule gekommen und unsere Namen standen an zwei verschiedenen Tafeln. Da war das Geschrei groß. Wir haben alles versucht, sogar im Sekretariat einen Aufstand gemacht, aber konnten nichts mehr daran ändern."

Michael ist fünf Minuten älter und ganz klar der Ruhigere. Er grinst: "Philipp ist derjenige, der viel redet, aber auch ab und zu übers Ziel hinausschießt. Dann muss ich ihn schon mal ein bisschen bremsen. Auch im Handball, wo er phasenweise eine etwas härtere Gangart hat." Woraufhin der jüngere Bruder einwirft: "Ich war aber auch immer bei Vereinen, wo es um etwas ging. In Balingen und Wetzlar wird nicht um die Goldene Ananas gespielt, da geht es um den Klassenerhalt. Nach Spielende ist der Keks aber auch gegessen und einige sind überrascht, wenn sie mich dann kennenlernen."

"Pudelwohl" fühlt sich Philipp bei der HSG Wetzlar. "Ich habe den Spaß in den letzten Jahren ein bisschen verloren, auch weil ich viel auf der Bank saß", gibt derweil Michael zu, der sich im September 2010 das Kreuzband riss. "Aber ich weiß, dass ich, wenn ich nach Wetzlar und zu Philipp gehe, wieder viel Spaß haben werde. Es gab einige Angebote, aber ich habe mich für einen Verein entschieden, wo ich wieder mehr spielen kann und auch mehr Verantwortung habe. Wir werden nächste Saison eine gute Mannschaft haben. Darauf freue ich mich."

Die Freundinnen spielen ebenfalls Handball, sind aber gegen eine Müller-WG

Und natürlich auf die gemeinsame Zeit mit seinem Bruder, wobei es keine Müller-WG geben wird. "Es war eigentlich geplant, aber da sträuben sich unsere Freundinnen", lacht Philipp, der mit der Buxtehuder Bundesligaspielerin Katja Langkeit liiert ist. Michael ist mit Kaja Schmäschke, Tochter des Flensburger Managers Dierk Schmäschke, die in der Zweiten Liga für die SG Handball Rosengarten/Buchholz aufläuft, befreundet.

Die Zwillinge wollen die Liga mit der HSG Wetzlar aufmischen. Michael im rechten und Philipp im linken Rückraum. Bis dahin besteht noch erhöhte Verwechslungsgefahr. So wie zuletzt beim Länderspiel in Hamburg. "Eigentlich werde ich eher mal für Michi gehalten, nachdem er den Riesenaufstieg mit WM und EM hatte", berichtet Philipp. "Doch dann rief er mich lachend aus Hamburg an. Im VIP-Raum hatte ihn nämlich gerade jemand gefragt: Bist du der Müller aus Wetzlar?" Ab Sommer kann das nicht mehr passieren.

Das sagt Michael über ...

... Philipp: (lacht) Ein Chaot. Er ist ein sehr, sehr geselliger und sehr hilfsbereiter Mensch, der aber oft ein bisschen zu viel redet. Er ist ein lustiger Typ, aber manchmal etwas zu verbissen. Er gibt sich nie auf und ist seinen Weg überall gegangen. Das zieht sich durchs ganze Leben.
... den Handballer Philipp: Ich freue mich riesig, dass er sich so in den letzten eineinhalb Jahren entwickelt hat. Schön, dass er seinen Weg geht. Er hat noch Luft nach oben.
... Hessen: Die Leute, die ich bis jetzt kennengelernt habe, waren ein lustiges Völkchen. Ich bin gespannt.
... Wetzlar: Eine schmucke kleine Stadt, die erkundet werden muss.
... Rittal-Arena: Das ist eine sehr schöne Halle. Wenn ich bisher dort war, war die Stimmung immer sehr gut. Mit rund 4000 Zuschauern hat sie eine gute Größe.
... die Nationalmannschaft: Da möchte ich wieder hinkommen. 27 ist noch kein Alter. Ich werde wieder angreifen. Mein großer Traum ist Olympia.

Das sagt Philipp über ...

... Michael: Ein sehr lieber und im Gegensatz zu mir sehr ruhiger Mensch, den ich immer zu Rate ziehen kann, der zuhören kann und immer hilft, wenn’s brennt.
... den Handballer Michael: Ein hervorragender Halbrechter und einer der wenigen, die vorne und hinten spielen können. Wenn er wieder mehr Praxis hat, wird er sich noch steigern können.
... Hessen: Da kann man sich wohlfühlen.
... Wetzlar: Hat schöne Flecken, wo man im Sommer auch mal zwei, drei Getränke genießen kann.
... Rittal-Arena: Sie hat die besten Fans der Welt. Es herrscht eine Superstimmung und es ist immer schön, da aufzulaufen.
... Nationalmannschaft: (lacht) Oh ja, ich habe Angebote aus Liechtenstein, Luxemburg und Katar. Aber mal im Ernst, das ist schwierig. Die halblinke Position ist mit Christophersen, Kaufmann und Hens besetzt und es gibt auch noch einige, die nachdrängen. Aber wenn ich mal eingeladen werde, würde ich mich natürlich sehr freuen.

Christiane Müller-Lang