Björn Seipp: „Eine Handballmannschaft ist ein komplexes Gebilde!“

Geschäftsführer Björn Seipp.

DKB Handball-Bundesliga

Geschäftsführer der HSG Wetzlar äußert sich im Interview zur aktuellen Verletzten- und Personalsituation beim Handball-Erstligisten

Der Handball-Erstligist HSG Wetzlar ist in diesem Sommer in seine 19. Erstliga-Saison in Folge gestartet. Die Vorbereitung absolvierte das neuformierte Team der Grün-Weißen ohne Niederlage, doch dann warf eine bislang noch nie dagewesene Verletzungsmisere die Mittelhessen zurück. Gleich drei Leistungsträger fielen binnen kurzer Zeit langfristig aus. Trotzdem stehen die Domstädter derzeit mit 8:10-Punkten auf dem achten Tabellenplatz der DKB Handball-Bundesliga. Grund genug, um mit Geschäftsführer Björn Seipp über die Verletzten- und Personalsituation zu sprechen.   

Herr Seipp, Sie haben zuletzt gesagt, dass Sie lieber agieren anstatt zu reagieren – seit Saisonbeginn scheint das aber nicht anders zu gehen!

„Leider ist das so, bei so vielen Hiobsbotschaften. Die Verletzungsmisere ist schon extrem nervig – für uns alle! Mit Philipp Pöter auf der Mitte, Maximilian Holst auf Linksaußen und Joao Ferraz im rechten Rückraum fehlen uns drei Spieler, die sich in der tollen Vorbereitung auf die Saison als Säulen unseres Spiels heraus kristallisiert hatten und nun auf lange Zeit nicht mehr zur Verfügung stehen. Mit der Zusammenstellung der Mannschaft für die aktuelle Saison hatten wir meiner Auffassung nach alles richtig gemacht. Die Stimmung im Team, die Trainingsintensität und auch die sportlichen Ergebnisse waren in der Vorbereitung herausragend. Da kann man jetzt hinterher trauern, doch damit kommt man nicht weit. Es gilt das Hier und Jetzt und es zählt nur harte Arbeit! Das hat die Mannschaft absolut verinnerlicht und beweist eine tolle Moral und herausragenden Teamgeist.“

Klären Sie uns doch einmal auf! Wann ist beispielsweise mit der Rückkehr der verletzten Spieler zu rechnen?

„Mit Philipp Pöter und Maximilian Holst können wir diese Saison wohl nicht mehr planen! Max hat sich bereits einer vorbereitenden Operation unterzogen und muss laut der Ärzte im Winter dann ein zweites Mal unters Messer. Die Operation von Joao Ferraz ist gut verlaufen. Allerdings kann aus Sicht der Mediziner mit einer Ausfallzeit von bis zu 5 Monaten zu rechnen sein. Das heißt, dass Joao gegebenenfalls erst Mitte/Ende März wieder zur Verfügung steht und dann auch erst wieder in die gewohnte Form kommen muss. Auch das ist eine lange Zeit, in der viel passieren kann! Nach all diesen Rückmeldungen war es klar, dass wir reagieren mussten, um zu versuchen, den Qualitätsverlust zu kompensieren.“

Warum ist es so schwer, eigene Nachwuchsspieler ins „kalte Wasser Bundesliga“ zu werfen?

„Das hat unterschiedliche Gründe und ist ein komplexes Thema. Spieler wie Till Klimpke, Hendrik Schreiber oder auch Lukas Gümbel trainieren schon seit längerer Zeit regelmäßig mit der Bundesliga-Mannschaft und machen unter Trainer Kai Wandschneider und Jasmin Camdzic auch große Fortschritte. Allerdings sind gerade die beiden Feldspieler körperlich noch nicht auf dem Level in der „stärksten Liga der Welt“ mithalten zu können. Dazu kommt, dass Lukas Gümbel seinen Fokus klar auf sein neu begonnenes Studium legt, um sich für die Zukunft ein berufliches Standbein aufzubauen. Er kann deshalb nur selten mit der 1. Mannschaft trainieren, was wir bedauern, aber respektieren. Hendrik Schreiber hatte zuletzt eine schwere Verletzung, die ihn über 4 Monate außer Gefecht gesetzt hatte. Sein Kahnbeinbruch lies kein Handball- und Krafttraining zu. Bis dahin war er auf einem guten Weg, doch jetzt muss er sich erst wieder an seine alte Form heranpirschen und vor in allem viel in Sachen Athletik aufholen. Dazu hat er mit unserer Unterstützung zuletzt eine Ausbildung begonnen. Die Entwicklung von Till Klimpke, der auch eine Ausbildung absolviert, ist toll. Er arbeitet hart im Training und ist derzeit sicherlich unser hoffnungsvollstes Talent für die Zukunft. Alle sind tolle Jungs und geben nach ihren Möglichkeiten und unter der Anleitung unserer Trainer alles, um ihr Ziel Bundesliga-Spieler zu werden, zu verwirklichen, aber das braucht unter den genannten Umständen noch einige Zeit und weiterhin harte Arbeit, allen voran im körperlichen Bereich. Natürlich höre ich auch immer mal wieder die Aussagen von Fans oder Sponsoren: Was ist mit unseren Nachwuchstalenten? Warum spielen denn nicht die? An dieser Stelle ganz klar: Sie können, und das wissen die Jungs auch, unserer Mannschaft im knallharten Kampf um den Klassenerhalt derzeit noch keine echte Hilfe sein. Diese Last darf noch keiner der Jungs aufgeschultert bekommen. Eine Saison in der Handball-Bundesliga ist knallhart und gnadenlos – da zählt jedes Spiel, jeder Punkt, jedes Tor und somit jede Sekunde! Wenn einer unserer Nachwuchsspieler in absehbarer Zeit so weit sein sollte, dann sind wir die ersten, die ihn mit Stolz aufs Parkett schicken!“     

Deshalb hat die HSG Wetzlar also nach den drei genannten Ausfällen mit Nachverpflichtungen reagieren müssen!

„Absolut! Wir sind auf jeder Position mit zwei Spielern in die Saison gestartet, zuzüglich Evars Klesniks als Abwehrchef. Man weiß natürlich, dass es in einer Saison auch mal Verletzungen gibt, aber dass es gleich drei Spieler so langfristig trifft, damit kann man nicht rechnen. Während einer Saison nach zu verpflichten, ist immer schwierig, aber wir verfügen mittlerweile über ein gutes Netzwerk und beobachten den Spielermarkt natürlich das ganze Jahr. Die sogenannte „Eier legende Wollmilchsau“ gibt es nicht – man muss genau schauen, aber auch Kompromisse machen. Mit Kasper Kvist haben wir meiner Meinung nach einen starken Linksaußen aus Dänemark verpflichten können, der seine Sache bislang mehr als ordentlich macht. Emil Berggren ist ein erfahrener Spieler, der über Bundesligaerfahrung verfügt und natürlich erst einmal brauchte, um den  körperlichen Rückstand aufzuholen. Er war vertragslos, hatte in Schweden, in Sävehof, in der Vorbereitung mittrainiert, um sich fit zu halten, aber das ist natürlich etwas anderes, wenn dir zum Beispiel die Testspiele fehlen. Emil ist aber auf einem guten Weg und hat bereits gezeigt, dass er der Mannschaft helfen kann. Die Verpflichtung von Stefan Cavor, der ein enorm talentierter Rückraumspieler ist, war ebenfalls dringend nötig und zwar aus mehreren Gesichtspunkten. Zum einen hat Evars Klesniks bislang wieder einen tollen Job gemacht, auch im Angriff. Aber wir wissen: er muss mit seinen Kräften haushalten und ist unser Turm in der Abwehr, der den Laden zusammenhält. Dafür benötigt er alle Power, die er durch das Angriffsspiel verliert! Zum anderen wäre es für uns eine Katastrophe, wenn auch noch Vladan etwas passiert wäre, da brauchten wir einen Backup, der auch auf halb in der Deckung stehen kann. Das gibt uns zudem Optionen für die Defensive, die durch Joaos Ausfall nicht mehr da waren, kompensiert werden mussten und Auswirkungen auf unser Umschaltspiel hatten.“

Hört sich nach einer hohen Komplexität an!

„Ja, eine Handballmannschaft ist ein sehr komplexes und sensibles Gebilde. Jeder Spieler hat Stärken und Schwächen, kann dies gut und dies nicht, ist gut drauf oder hat eine Schwächephase. Es sind alles Menschen! Unsere Trainer haben das wirklich alles im Blick und analysieren rund um die Uhr Situationen, Auswirkungen und Möglichkeiten. Dementsprechend wird trainiert und in vielen Einzelgesprächen mit den Spielern Aufarbeitung betrieben. Unter all den geschilderten Umständen können wir mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden sein, auch wenn die Heimniederlage gegen den Bergischen HC natürlich ein Dämpfer war. Dafür haben wir gegen Kiel und in Balingen und Erlangen gewonnen, was man auch erst einmal schaffen muss! Man muss den Spielern und Trainern ein Kompliment machen! Sie haben all diese personellen Nackenschläge super weg gesteckt und arbeiten jeden Trainingstag extrem hart. Das sieht man auch in den bisherigen Spielen, von denen alle bislang eng waren und wir, bis auf Flensburg, immer die Chance hatten, am Ende als Sieger vom Platz zu gehen. Alle neuen Spieler wurden toll integriert und identifizieren sich total mit dem Club, der Mannschaft und der Situation. Bei so vielen neuen Spielern braucht es einfach Zeit, bis alle Rädchen letztlich komplett ineinander greifen und wir solche Spiele wie im Pokal gegen Leipzig, wo wir bis zur 52 Minute in Führung lagen, am Ende dann auch konstant durchbringen.“

Konstanz ist das Stichwort! Diese hat die HSG Wetzlar auf der Trainerposition mit Kai Wandschneider. Wie ist der Stand der Gespräche bezüglich einer möglichen Vertragsverlängerung?

„Wie es Kai zuletzt schon in den Medien gesagt hat: wir führen gute Gespräche! Klar ist, dass wir wissen, was wir an Kai und übrigens auch an Jasmin Camzic haben und ich bin mir sicher beide wissen auch die HSG Wetzlar sehr zu schätzen. Jetzt ist es an ihnen eine Entscheidung für ihre Zukunft zu treffen und ich hoffe, diese fällt positiv für uns aus! Es sind, wie bereits mehrfach gesagt, die beiden wichtigsten Personalentscheidungen für mich. In Sachen Nachverpflichtungen sind wir jetzt durch, da wird hoffentlich nichts mehr passieren müssen. Jetzt gilt es in jeder Hinsicht den Blick nach vorne zu richten!“