Björn Seipp: "Sind der 'Big Player' unserer sportbegeisterten Region!"

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DKB Handball-Bundesliga

Björn Seipp ist Geschäftsführer der HSG Wetzlar. Nach der erfolgreichen vergangenen Saison ist im Umfeld des Vereins eine Aufbruchstimmung zu spüren. Im Interview spricht Seipp nicht nur über die sportlichen Herausforderungen und Ziele der HSG, sondern auch über Neuerungen in der Rittal Arena, das soziale Engagement des Vereins und die Herausforderungen für den Handball.

Herr Seipp, die HSG Wetzlar ist mit einem Erfolg gegen Aufsteiger TVB 1898 Stuttgart in die Saison gestartet. Neuzugang Joao Ferraz warf den Siegtreffer in letzter Sekunde. Was nehmen Sie für die kommenden Aufgaben mit aus der Partie?

Björn Seipp: „Dieser Erfolg war enorm wichtig für uns, weil er hart erkämpft war! Die Mannschaft hat in dieser Partie Moral bewiesen und bis zum Schluss an die eigenen Stärken geglaubt. Mit insgesamt fünf Neuzugängen wussten wir, trotz einiger Erstligaduelle in der Vorbereitung, zu Saisonbeginn nicht so richtig, wo wir stehen. Dazu sind wir als Favorit in das Spiel gegangen. Umso wichtiger war dieser Erfolg für das Selbstvertrauen der Mannschaft, die sich über die komplette Spielzeit als Einheit bewiesen und immer, auch als Stuttgart fünf Minuten vor Schluss das Spiel gedreht und mit zwei Toren geführt hat, an ihre Chance geglaubt hat. Dass der Sieg am Ende etwas glücklich war, steht außer Frage. Aber Handball ist Ergebnissport und mit zwei Punkten im Gepäck können wir etwas beruhigter an die kommende Aufgabe gegen Berlin herangehen!“

Im Umfeld der HSG Wetzlar ist viel Optimismus für eine erfolgreiche Saison zu spüren. Sehen Sie wieder die Chance, sich gegen die "Großen der Liga" zu behaupten und für die eine oder andere Überraschung zu sorgen?

Björn Seipp: „Natürlich glauben wir an diese Chance! Das ist der Antrieb, warum unsere Spieler und Trainer jeden Tag hart arbeiten und unsere Zuschauer jedes Heimspiel zu einem stimmungsvollen Erlebnis machen. Aber wir müssen Realismus walten lassen. Im Sommer werden die Uhren immer wieder auf null gestellt, was in der Saison zuvor war, zählt tabellarisch nicht mehr. Der deutliche Heimsieg gegen die Rhein-Neckar Löwen Mitte April war ein Ausrufezeichen, der der ganzen Region sicherlich lange in Erinnerung bleiben wird. Heute können wir uns dafür aber nichts mehr kaufen! Wir haben bei der Auswahl unserer Neuzugänge viel Zeit investiert und akribisch gescoutet. Auch deshalb sind wir überzeugt, dass diese Mannschaft das Zeug hat, um für die eine oder andere Überraschung zu sorgen! Allerdings brauchen wir allen voran Geduld. Es wird noch dauern, bis auf dem Spielfeld wirklich alle Rädchen ineinander greifen. Das wissen auch unsere Fans, die nicht nur handballbegeistert sind, sondern in den vergangenen Jahren auch unserem Team gegenüber immer ein gutes Gespür beweisen haben.“

Wenn die Fans am Samstag zum ersten Heimspiel in die Rittal Arena kommen, werden sie einige Neuerungen wie ein neues LED-Bandensystem vorfinden. Welche neuen Möglichkeiten eröffnen sich dem Verein dadurch?

Björn Seipp: „In diesem Jahr feiert unsere moderne Heimspielstätte, die Rittal Arena, ihr zehnjähriges Jubiläum. Seit dem Einzug dort haben wir zwar enorm am Eventcharakter und auch neuen Vermarktungsmöglichkeiten gearbeitet, die jedoch durch die zwingend notwenigen Hallenstandards der HBL sowie den Mietvertrag mit dem Hallenbetreiber nicht ausufernd sind. Aus diesem Grund war die Einführung der LED-Bandenwerbung enorm wichtig, um bestehenden und neuen Sponsoren zum Beispiel durch animierte, spieltagsbezogene Werbung, Mehrwerte bieten und ein innovativer Partner sein zu können. Uns bietet diese Art der Werbeform neue Vermarktungsmöglichkeiten, um die Einnahmensituation weiter zu optimieren. LED-Bandenwerbung ist bei uns nicht nur für große Firmen bezahlbar. Wir haben auch Angebotsformen für klein- und mittelständische Unternehmen generiert, die sich ansonsten vielleicht keine Werbung im Profisport leisten könnten. Wir können schon heute sagen, dass sich diese Investition gelohnt hat, da die digitale Bandenwerbung einen enormen Zuspruch erfährt.“

Außerdem wurde der VIP-Bereich um 300qm erweitert, auch aufgrund der gestiegenen Nachfrage. Was sind die Kernpunkte des neuen Hospitality-Konzepts?

Björn Seipp: „Die HSG Wetzlar ist der sportliche ‚Bigplayer‘ unserer sportbegeisterten Region! Wir haben zurzeit rund 180 Partnerunternehmen, die sich in unserem Club engagieren und das Netzwerk der HSG Wetzlar aktiv nutzen. Das zeigen auch die Besucherzahlen in unserem VIP Business-Club, den wir nunmehr aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach Saisontickets erweitern und so dem bisherigen Wohlfühlklima auch weiterhin gerecht werden konnten. Unsere Marketingabteilung fragt bei unseren Sponsoren regelmäßig den Zufriedenheitsgrad bezüglich unserer Werbe- und Hospitalityleistungen ab und wir erhalten dabei glücklicherweise auch viel transparentes Feedback, nach dem wir uns, wie jetzt auch in diesem Fall, frühzeitig ausrichten können. Kernpunkt unseres Konzepts ist, dass wir die Unternehmen, die sich bei der HSG Wetzlar engagieren, während unserer Heimspiele, aber auch bei vielen anderen Events unseres Clubs, wie zum Beispiel unserem Golfturnier oder dem Neujahrsempfang, zusammenbringen, um Geschäftsbeziehungen untereinander herzustellen – Thema: ‚return of invest‘! Wir können dafür eine attraktive Plattform liefern, was sich mittlerweile herumgesprochen hat.“

Positive Nachrichten gibt es aus dem Kartenverkauf: Bislang über 2200 verkaufte Dauerkarten bedeuten einen neuen Rekord. Zahlen sich hier die Leistungen der letzten Saison und der Verzicht auf Preiserhöhungen aus?

Björn Seipp: „Absolut! Wir haben in der abgelaufenen Saison sehr erfolgreich zu Hause gespielt und somit natürlich für eine gewisse Euphorie gesorgt. Allerdings muss man auch sagen, dass wir keine sogenannten Erfolgsfans haben. Die Mannschaft wird in jedem Heimspiel sensationell unterstützt, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Seit zwei Jahren haben wir alle Sitzplatzkarten bei den Heimspielen ausverkauft und den Zuschauerschnitt auf 4.150 Besucher erhöhen können. Das entspricht einer Auslastung von 94 Prozent. Auch nach überraschenden Niederlagen, wie zum Beispiel vergangene Saison zu Hause gegen Bietigheim, war die Halle beim nächsten Spiel wieder voll. Das ist keine Selbstverständlichkeit und zeigt die breite Unterstützung für die HSG Wetzlar. Unsere Fans gehen mit uns seit Jahren durch dick und dünn!“

Seit dem 1. Juli ist Andreas Klimpke neuer Jugendkoordinator der HSG Wetzlar. Was können wir in Zukunft von den Talenten ihres Clubs erwarten?

Björn Seipp: „Tägliche harte Arbeit! (lacht) Der Sprung aus dem Nachwuchsbereich in die stärkste Liga der Welt ist riesengroß. Um diesen zu schaffen, muss viel passen – da reicht nicht nur das nötige Talent. Andreas Klimpke und unsere qualifizierten Trainer arbeiten täglich daran, dass wir unseren Toptalenten und deren Eltern den richtigen Weg aufzeigen, um ihr Ziel erreichen zu können. Allen voran im körperlichen Bereich müssen Sonderschichten gefahren werden, während dem Vormittagsunterricht in der Schule und bei der Ausbildung im Unternehmen. Nur wer auch dazu bereit ist, kann es heutzutage überhaupt schaffen. Denn alle 18- oder 19-jährigen hierzulande stehen in direkter Konkurrenz zu Gleichaltrigen überall auf der Welt, die auch das Ziel Handball-Bundesliga haben. Wir haben sicherlich fünf bis sechs sehr talentierte Handballer in unserem Club, die zum Teil in der Jugendnationalmannschaft spielen und den Sprung schaffen können. Deshalb arbeiten wir derzeit auch mit Zweitspielrechten bei Drittligisten, wo sich die Jungs ihrem Alter und derzeitigen Leistungsvermögen entsprechend weiterentwickeln können. Wir sind optimistisch, dass in den kommenden Jahren der ein oder andere den Sprung in unseren Erstligakader schaffen kann und werden das, wo wir können, fördern.“

Bei all dieser Aufbruchsstimmung kommt das soziale Engagement nicht zu kurz: Sie haben gerade die Aktion „Mein Herz ist grün-weiß!“ an den Start gebracht. Warum?

Björn Seipp: „Weil wir von der Region und ihren Menschen leben! Aus diesem Grund sind wir immer bemüht, da wo es geht, auch etwas zurückzugeben. Wir haben mit einigen Partnern bereits erfolgreiche Corporate Social Responsibility-Projekte gestartet und so Mittel für soziale Einrichtungen akquiriert. Die HSG Wetzlar und allen voran unsere Spieler erfreuen sich über einen hohen Aufmerksamkeitsgrad, den wir gerne einsetzen, um unter anderem für die Unterstützung von sozialen Einrichtungen zu werben. Ich sehe das, wie all meine Kollegen in der HBL auch, als unsere Pflicht an! Die Aktion ‚Mein Herz ist grün-weiß‘ ist aus der Idee geboren, dass wir gemeinsam mit einem Partner pro Heimspiel 20 Personen in die Rittal Arena einladen wollen, die sich das ansonsten leider nicht leisten könnten oder aufgrund ihres sozialen Engagements in Vereinen eigentlich nie Zeit dafür finden würden. Es ist toll, dass wir diese Aktion jetzt umsetzen können, die offensichtlich überfällig war, wenn man die Online-Bewerbungen in der Kürze der Zeit seit Bekanntmachung betrachtet.“

Die DKB Handball-Bundesliga ist gerade in die 50. Saison gestartet. Was ist für Sie die größte Herausforderung des Handballs?

Björn Seipp: „Handball ist eine tolle Sportart für Groß und Klein, hat in Deutschland seine Wurzeln und die zweithöchste Mitgliederzahl aller Ballsport-Verbände. Bessere Voraussetzungen kann man kaum vorfinden, um diesen Sport hierzulande erfolgreich darzustellen und attraktiv zu vermarkten. An dieser Stelle sind Verband, HBL und die Vereinsvertreter gefragt. Die größte Herausforderung sehe ich derzeit darin, den Schulterschluss zwischen allen Parteien herbeizuführen, um gemeinschaftlich die vorhandenen Kernprobleme anzugehen. Da stehen meiner Wahrnehmung nach derzeit leider zu viele Eigeninteressen und persönliche Eitelkeiten im Vordergrund! Wir brauchen gemeinsame Konzepte, um mehr Kinder und Jugendliche zum Handball zu bringen. Sie sind die Talente, Fans oder Fernsehzuschauer von morgen! Wir brauchen Konzepte, damit unsere 2. und 3. Ligen langfristig wirtschaftlich überleben können, und wir brauchen zentrale Konzepte, damit die Erstligisten aus ihrer ‚Regionalität‘ herauskommen, um für Großkonzerne werbetechnisch interessant zu sein. Dafür ist ein einheitlicher Spielplan von Nöten, damit der Handballfan zu Hause weiß, wann die Bundesliga spielt – ein gelernter Termin, wie beispielsweise im Fußball. Nur so wird der Handball noch attraktiver für das Fernsehen und letztlich auch für Sponsoren. Das alles ist bekannt und ich sehe auch die HSG Wetzlar hier in der Pflicht, zur Lösung der durchaus vorhandenen Probleme beizutragen!“

Vielen Dank für das Interview.