Das Glück ist zurück

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HSG-Spieler können den ersten Auswärtssieg selbst kaum fassen

"Unglaublich!" Kari-Kristjan Kristjansson wusste gar nicht, wie ihm geschah und schüttelte beim Blick auf den mächtigen Videowürfel über dem Spielfeld immer wieder den Kopf. "Wir haben so schlecht gespielt - und dann holen wir noch diese zwei wichtigen Punkte", gab der isländische Kreisläufer der HSG Wetzlar nach dem am Ende mehr als glücklichen 24:23 (10:13)-Sieg bei Eintracht Hildesheim offen und ehrlich zu. Am Ende konnten die Handballer aus Dutenhofen und Münchholzhausen den ersten Auswärtssieg der Saison selbst kaum fassen. Zu dramatisch waren die letzten 60 Sekunden des selten hochklassigen Bundesligaspiels.

 

Die beim Tabellenletzten zwischenzeitlich mit sechs Toren (5:11, 22. Minute) ins Hintertreffen geratenen Grün-Weißen lagen plötzlich mit 23:21 schier uneinholbar in Führung. Dann kassierte der zehnfache Torschütze Lars Friedrich 62 Sekunden vor Schluss die erste (!) Wetzlarer Zeitstrafe. Michael Hoffmann verkürzte für die Niedersachsen. Als Kreisläufer Nicolas Ivakno nach einem fahrlässigen Wetzlarer Ballverlust fünf Sekunden vor dem Abpfiff auch noch zum Ausgleich traf, schienen sich alle mit dem Unentschieden abgefunden zu haben. Bis auf Steffen Fäth. Der Junioren-Weltmeister von 2009 feuerte den Ball von der Mittellinie ins Hildesheimer Tor. "Irgendeiner musste ja werfen", erklärte der 21-Jährige trocken, während seine Mitspieler fast ungläubig zu jubeln begannen und bei den 1763 Zuschauern in der Sparkassen-Arena das blanke Entsetzen herrschte.

"Nach dem Spielverlauf wäre ein Unentschieden sicherlich gerecht gewesen", räumte Lars Friedrich ein. Dem nicht nur bei sieben verwandelten Siebenmetern nervenstarken Linkshänder war es zu verdanken, dass die in der ersten Halbzeit nach schneller 3:1-Führung bitter enttäuschende HSG überhaupt in die Nähe eines Punktgewinns kam. "Wir sind mit der offensiven Hildesheimer Deckung einfach nicht zurechtgekommen", suchte der für den erfolglosen Daniel Valo gekommene Ex-Burgdorfer nach einer Erklärung für den teilweise unerklärlichen Auftritt im ersten Durchgang. Dass einige Profis um neue Verträge spielen, war gegen den in seinen Mitteln und personellen Möglichkeiten arg begrenzten Tabellenletzten zunächst nicht zu erkennen. Vielmehr schien mancher indirekt um die Kündigung zu bitten.

"In meiner gesamten Spieler- und Trainerlaufbahn noch nie erlebt"

"Aber wir haben mit Kampfgeist und Einstellung ins Spiel zurückgefunden", genoss Trainer Gennadij Chalepo nach dem buchstäblichen Happy End den ersten doppelten Punktgewinn in der Fremde seit dem 36:33 beim späteren Absteiger TSG Friesenheim am 26. Februar. Schließlich hatte der ehemalige weißrussische Nationalspieler seine zerknirscht wirkenden Schützlinge zur Pause noch einmal daran erinnert, dass Aufsteiger Hildesheim bei seinen letzten sieben Heimspielen jeweils zur Halbzeit geführt, aber noch verloren hat. "Wir haben die ganze Zeit an den Sieg geglaubt", behauptete Friedrich. Auch wenn das von außen nicht immer so aussah.

Am Ende war alles gut. "Diese Punkte haben wir gebraucht", freute sich Manfred Thielmann über ein Stück mehr Planungssicherheit bei der aktuellen Suche nach Neuverpflichtungen für die Zukunft. Dass er mit Steffen Fäth offenbar schon auf den richtigen gesetzt hat, nahm der Aufsichtsratssprecher mit sichtlicher Genugtuung zur Kenntnis. "Er war der Matchwinner", lobte der in Hildesheim eher enttäuschende Philipp Müller, nach einem Faustschlag vom dabei selbst verletzten Gegenspieler Michael Jahns mit einem dicken Pflaster im Gesicht, seinen Stellvertreter auf der Königsposition im linken Rückraum. "Heute hat jeder gesehen, was für einen Hammer Steffen im Arm hat", pflichtete Torjäger Friedrich bei.

"So etwas habe ich in meiner gesamten Spieler- und TrainerLaufbahn noch nie erlebt", blieb Eintracht-Trainer Volker Mudrow nach dem "leidenschaftlichen" Auftritt seiner Mannschaft nur die Erkenntnis, dass "es trotzdem weitergeht". Ob auf lange Sicht mit dem ehemaligen HSG-Coach, wollte in Hildesheim am Mittwoch allerdings nicht jeder bestätigen.

Beim Sieger herrschte in der stürmischen Nacht in Niedersachsen am Ende eitel Sonnenschein. "Das war ein Wahnsinnstreffer", prostete Torwart Nikola Marinovic im Kabinengang fröhlich seinen Mitspielern zu: "Heute kam das Glück zu uns zurück."

Thomas Hain