Der Abstiegskampf beginnt

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Gegen Rhein-Neckar Löwen lässt Wetzlar Leidenschaft vermissen

Als die Aufräumarbeiten am Freitagabend in der Rittal-Arena längst begonnen hatten, standen sie immer noch vor der Tribüne und quatschten miteinander. Hinter ihnen saßen die Oma, die Mutter und weitere Verwandte. Während der 60 Handball-Minuten eines nur selten mitreißenden Bundesligamatches hatten Philipp Müller und sein Zwillingsbruder Michael kaum Berührungspunkte. Noch bevor das Spielfeld zu einem Viertel zusammengeräumt war, trennten sich auch schon wieder ihre Wege. Michael reiste mit den Rhein-Neckar Löwen zurück ins Badische und freute sich über den 33:27-Auswärtssieg, Philipp, der an diesem Abend beste Mann der HSG Wetzlar, blieb in der Domstadt zurück und fand nachdenkliche Worte.

 

"Ich weiß nicht, wo manche von uns mit ihrem Kopf heute waren", schimpfte der Rückraumspieler nach der ersten Heimniederlage der Saison. An dem fünffachen Torschützen lag es nicht, dass die Partie gegen den mit Weltklasseleuten nur so gespickten Favoriten früh entschieden war und so in der mit 3515 Zuschauern gefüllten Arena nur selten gute Stimmung aufkam. Philipp Müller erzielte im ersten Durchgang fünf der zwölf HSG-Treffer und bereitete zwei weitere Tore von Geburtstagskind Kari Kristjan Kristjansson vor.

Seine Mitspieler blieben aber vieles schuldig, so dass die Rhein-Neckar Löwen beim 18:12 zur Pause schon die Vorentscheidung herbeigeführt hatten. Und das Starensemble aus Baden musste dafür noch nicht einmal sonderlich glänzen, sondern spulte einfach routiniert sein Pensum herunter.

"Wir hätten denen schon mehr weh tun können", meinte Wetzlars Mittelmann Timo Salzer. "Wir haben einfach zu viele klare Möglichkeiten liegengelassen", ergänzte Torwart Nikolai Weber, der stark begann, dann aber oftmals von der über weite Strecken zu passiven Deckung im Stich gelassen wurde. Durch die schlechte Chancenverwertung waren die Gastgeber gegen die Löwen chancenlos. Schon in der dritten Minuten vergaben die beiden Außen Kevin Schmidt und Tobias Hahn binnen weniger Sekunden zwei Mal. "Solche Dinger müssen mit voller Wucht aufs Tor kommen und nicht als Dreher. Ich kriege die ersten Bälle von Außen stramm über den Kopf gezogen. Das ist der Unterschied", schimpfte Weber, der in der Folge von hinten hilflos mitansehen musste, wie seine Mitspieler immer wieder gute Gelegenheiten ausließen. Zwischen der 18. und 21. Minute, als die Gäste 12:9 führten, verwarf Schmidt einen Siebenmeter, unterlief Lars Friedrich in Überzahl ein Stürmerfoul, scheiterte Hahn erneut völlig frei. Statt 12:12 stand es wenig später 14:9 für die Rhein-Neckar Löwen, die die Partie im zweiten Durchgang souverän kontrollierten und spätestens beim 28:20 in der 45. Minute die Frage nach dem Sieger beantwortet hatten.

HSG-Coach Gennadij Chalepo bemängelt: "Wir haben zu früh aufgegeben"

Dementsprechend zufrieden war ihr Trainer Gudmundur Gudmundsson: "Wir haben das gut gemacht. Wir hatten einen Riesenrespekt vor Wetzlar, deswegen bin ich sehr zufrieden mit der Einstellung meiner Spieler und ihrer Leistung", sagte der Isländer, dessen Truppe in der Vergangenheit immer mal für einen Ausrutscher gut war. Doch in der Rittal-Arena zeigte der letztjährige Tabellenvierte von der ersten Minute an Kämpferherz.

Genau das ließen die Grün-Weißen vermissen. "Wir haben ohne Emotionen gespielt", bemängelte HSG-Coach Gennadij Chalepo. "Und wir haben zu früh aufgegeben", ergänzte der 42-Jährige, der aber bei weitem nicht alles verteufeln wollte. "27 Tore gegen eine solche Spitzenmannschaft zu werfen, ist in Ordnung. Aber 33 zu kassieren, das ist zu viel."

Das nächste Spiel steht erst in zwölf Tagen beim TSV Hannover-Burgdorf an, bis dahin kann sich die Mannschaft etwas sammeln. "Die Pause wird uns gut tun", vermutet Timo Salzer. In den kommenden Trainingseinheiten wird Chalepo, der zum zweiten Mal hintereinander Peter Jungwirth wegen dessen schlechter Form nicht in den Kader berief, viel im individuellen Bereich arbeiten lassen. Durch die Nationalmannschaftsteilnahmen von Daniel Valo, Giorgos Chalkidis, Kari Kristjan Kristjansson, Adnan Harmandic, Nikola Marinovic und Alois Mraz steht ihm ohnehin bis Anfang nächster Woche nur ein kleiner Kader zur Verfügung.

"Jetzt kommt die schwierige Zeit", gibt der HSG-Coach zu bedenken. Die sieben Punkte, die sein Team bislang gesammelt hat, sind kein Ruhekissen. Jeder, der nach dem Saisonstart mit 6:4-Zählern von Höherem geträumt hat, sieht sich zurück in der Realität. Und die heißt auch in der 14. Bundesliga-Saison der HSG Abstiegskampf. Chalepo hat nie etwas anderes behauptet und verlangt von seinen Spielern trotz der zuletzt fünf sieglosen Partien in Folge "den Kopf oben" zu halten.

Einer, der da vorneweg gehen könnte, ist Philipp Müller. In Angriff und Abwehr ist der 27-Jährige momentan kaum zu ersetzen. Und dass er im Zwillingsbruder-Duell mal wieder den Kürzeren gezogen hat, haut ihn auch nicht um. Die beiden Müllers waren jedenfalls am späten Freitagabend froh, dass die Partie vorbei war. "Denn", so sagte Gewinner Michael, "es ist wahnsinnig unangenehm, gegen den eigenen Bruder zu spielen."

Arne Wohlfarth