Der moralische Sieger

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Remis gegen Balingen fühlt sich für die HSG wie Niederlage an

Den VIPs, den wirklich wichtigen Menschen im Business Club der Rittal-Arena, erging es in etwa so wie den Handballern der HSG Wetzlar. Sie alle hatten auf Sieg getippt, sie alle standen am Ende mit leeren Händen da. Kein Punkt für die richtige Tendenz des Ergebnisses im Hallenheft "Inside", keine drei für die stimmige Tendenz inklusive korrekter Tordifferenz, und schon gar keine fünf Zähler für das komplett richtige Ergebnis.

 

Mit einem 23:23 (11:11) gegen den HBW Balingen/Weilstetten mussten sich die Bundesliga-Handballer aus Dutenhofen und Münchholzhausen am Freitagabend begnügen, was angesichts einer bisher blütenweißen Weste vor heimischem Publikum einer gefühlten Niederlage gleichkam. Hier die Männer von der Schwäbischen Alb, die sich in den Armen lagen und den Punktgewinn feierten, als wären sie gerade in den Europapokal eingezogen, da die Gastgeber, die sich wie weiland im Mai 2010, als die Schwaben beim 26:23-Sieg schon einmal beide Zähler aus Mittelhessen entführten, den "Psychotricks", wie es HBW-Trainerfuchs Rolf Brack später formulierte, hatten (fast) beugen müssen.

"Das war unser schlechtestes Spiel, seitdem ich hier auf der Bank sitze", machte HSG-Übungsleiter Gennadij Chalepo seinem Unmut Luft. "Eigentlich wollten wir mit 8:6-Punkten im Gepäck zum TV Großwallstadt fahren, jetzt sind es nur 7:7. Nun müssen wir erst einmal eine Nacht über diesen Rückschlag schlafen, uns schütteln und dann den Punktverlust schnellstmöglich abhaken", ergänzte sein Assistent Jochen Beppler.

Drastischer formulierten die grün-weißen Angestellten das nicht eingeplante Remis. "Eigene Dummheit. Wir waren zu dämlich, den Sack zuzumachen", ärgerte sich der bis Sommer 2010 in Balingen spielende Philipp Müller. Und Torwart Nikola Marinovic, mit acht Paraden in 53 Minuten nicht eben ein überragender Rückhalt, ergänzte nach dem Match gegen seine alten Kameraden in Erinnerung an seine Jahre bei West Wien und A1 Bregenz: "Zum einen haben wir in Überzahl zu viel verballert, zum anderen hatten wir Pech bei mehreren Stangenschüssen."

In der Tat scheiterten die Grün-Weißen mehrfach an Pfosten oder Latte, in erster Linie scheiterten sie jedoch am eigenen Unvermögen, an ihrer an diesem Abend mangelnden Cleverness und an Rolf Brack, der schon vier Minuten vor dem Abpfiff in Unterzahl einen sechsten und bei Ablauf der Strafe gar einen siebten Feldspieler aufbot und so die Hausherren komplett aus dem Rhythmus brachte.

"Wetzlar wird noch viele Punkte machen, die können es verschmerzen"

"Wetzlar wird noch viele Punkte machen, die können es verschmerzen, dass wir ihnen einen weggenommen haben", schmunzelte der 57-Jährige, nachdem der ehemalige HSG-Rückraumkanonier Alexis Alvanos 62 Sekunden vor Schluss beim 23:22 für die Hausherren einen Siebenmeter an den Außenpfosten genagelt hatte, Tobias Hahn 26 Sekunden vor dem Ende von Rechtsaußen die Entscheidung zugunsten der HSG Wetzlar verpasst und schließlich Kai Häfner zwei Sekunden vor dem Ende den für Balingen nicht unverdienten Ausgleich besorgt hatte.

Bis zu jener hochdramatischen Schlussphase hatten sich die Hausherren äußerst schwergetan mit der gewohnt rustikalen Spielweise der Schwaben. Nur beim 4:2 (8.) durch Philipp Müller sowie beim 17:15 (45.) durch Lars Friedrich lagen sie jeweils mit zwei Toren in Führung, ließen zwischenzeitlich jedoch zahlreiche Möglichkeiten aus, der Partie eine vielleicht entscheidende Wende zu geben. So beispielsweise, als Giorgos Chalkidis beim 5:4 (12.) frei an HBW-Keeper Matthias Puhle scheiterte, Lars Friedrich beim 10:10 (26.) in doppelter Überzahl in dessen Partner Martin Ziemer seinen Meister fand und Peter Jungwirth nur Sekunden später das Leder an die Latte ballerte, Tobias Hahn, gerade fünf Sekunden auf dem Feld, beim 15:14 (42.) Ziemer anwarf oder Adnan Harmandic beim 17:16 (46.) per Tempogegenstoß nur den Pfosten traf. "Chancen hatten wir jedenfalls genug, um die Partie zu unseren Gunsten entscheiden zu können", haderte Gennadij Chalepo.

Keinen Grund sich zu ärgern hatte Dieter Kraus. Mittelhessens ungekrönter "König der Spielautomaten" hatte bei seinem VIP-Tipp auf ein 24:23 für die HSG Wetzlar gesetzt. Der 74-Jährige hatte sich nur um ein Tor vertan. Doch ähnlich wie die Männer des HBW Balingen/Weilstetten durfte er sich als der moralische Sieger des Abends fühlen.

Alexander Fischer