Derby in der Osthalle

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Heute Abend ist es endlich so weit. Schon seit Wochen fiebern die Handball-Fans in Mittelhessen diesem Spiel entgegen. Um 19.45 Uhr wird in der Gießener Sporthalle Ost das Derby zwischen dem TV 05/07 Hüttenberg und der HSG Wetzlar angepfiffen. Für beide Handball-Bundesligisten geht es in diesem Spiel nicht nur um zwei Punkte, sondern auch um einen Erfolg gegen den Nachbarn.

 

»Das ist definitiv kein Spiel wie jedes andere«, sagt Hüttenbergs Rechtsaußen Florian Billek im Gespräch mit Wetzlars Keeper Nikolai Weber, der von sich aus zugibt, gegen den TVH »motiviert bis in die Haarspitzen« zu sein und »seit Wochen auf dieses Spiel hinzuarbeiten«, das schon seit vielen Tagen ausverkauft ist. 2900 Zuschauer werden eine einzigartige Stimmung in die Osthalle bringen, da sind sich die Kontrahenten einig.

Im Gespräch mit dieser Zeitung flachsten die beiden, die sich auch heute in einigen Wurfduellen gegenüberstehen werden, über die Wurfbilder und Torhüterbewegungen, und erzählten bei einem Milchkaffee im Gießener Dach-Café, auf was es in der heutigen Begegnung ankommen wird. Das Verhältnis der beiden ist von gegenseitigem Respekt geprägt, so wie es sich bei guten Nachbarn gehört. Für die heutigen 60 Minuten aber wird diese Einstellung ruhen, denn für beide zählt nur ein Sieg.

»Ein Sieg gegen Wetzlar, das wäre ein Ereignis«

Heute steigt das Derby. Ein Spiel unter vielen oder das eine?

Weber: »So schlimm, wie es einmal war, ist es nicht mehr. Wir kennen uns seit Jahren, haben teilweise zusammen gespielt. Trotzdem will jeder als Gewinner vom Platz gehen – in diesem Spiel mehr als sonst.«

Billek: »Es ist definitiv kein Spiel wie jedes andere. Wetzlar ist der große Nachbar, den wollen wir schlagen. Das wäre ein Ereignis. Einige Hüttenberger haben schon in Wetzlar gespielt, die wollen sich beweisen. Ein Sieg gegen die HSG wäre sehr geil. Trotzdem gibt es auch dafür nur zwei Punkte. Wir sind im Abstiegskampf und brauchen alle Punkte, gerade zu Hause. Und Wetzlar können wir bezwingen. Das muss im Vordergrund stehen.«

Weber: »Jeder, der sagt, das Spiel ist ihm nicht so wichtig, der hat seinen Job verfehlt. Wir fiebern auf das Derby hin und wollen unbedingt gewinnen. Die Kartennachfrage war riesig. Das macht ein Derby aus. Die Halle wird platzen, die Stimmung dementsprechend sein, aber man hat auch im Hinrundenspiel gesehen, dass es nicht besonders aggressiv war. Es war wohl das fairste Derby überhaupt. Ich hoffe, dass es wieder rein sportlich entschieden wird.«

Billek: »Wir werden sicher nicht überhart spielen, nur weil es gegen Wetzlar ist. Aber die HSG ist halt der große Nachbar. Ein Sieg in der Liga, nicht auf einem Vorbereitungsturnier, wäre ein Zeichen, dass wir noch leben – an die Konkurrenz und an uns. Man sollte nicht den Fehler machen und uns abschreiben. Das Derby ist ein richtungweisendes Spiel, danach steht uns ein hartes Programm bevor.«

Das Vorrundenspiel endete 28:20 für Wetzlar. Was ist seitdem passiert?

Weber: »Es war unser zweites Heimspiel. Wir wussten noch nicht, wo wir stehen. Hüttenberg hatte noch die Euphorie des Aufstiegs. Das hat man in der ersten Hälfte gesehen. In der zweiten Halbzeit konnten wir uns absetzen. Das waren aber nur Nuancen. Wir lagen keine achte Tore auseinander. In der Zwischenzeit haben wir uns gefunden, sind sicherer geworden und hoffen nun, dass wir wieder punkten.«

Billek: »Damals hat Florian Laudt nicht gespielt. Das ist für uns ein entscheidender Faktor. Er hat in Kiel überragend gespielt. Wir waren im ersten Derby 40 Minuten ebenbürtig, teilweise sogar besser. Dann kam Alois Mraz und hat uns das Genick gebrochen. Wir hatten eine Schwächephase, Wetzlar hat das Ding durchgezogen. Das zeichnet die HSG aus. Die haben selten einen Bruch im Spiel. Wir haben verdient verloren. Jetzt ist Florian Laudt wieder dabei, wir sind alle besser geworden und haben dazugelernt. Das wollen wir in der Osthalle zeigen.«

Weber: »Hüttenberg hat zwischenzeitlich in Balingen gewonnen. Da gehört etwas dazu. Das Format, Bundesliga zu spielen, habt ihr auf jeden Fall.«

In den letzten Wochen bleiben aber eher Nachrichten hängen, die von Leistungsträgern berichten, die den TVH verlassen. Muss man sich Sorgen machen?

Billek: »Hüttenberg hat sich einen guten Ruf als Ausbildungsverein erarbeitet. Es wird immer so sein, dass Talente den nächsten Schritt machen. Aber in Hüttenberg werden immer neue Spieler nachwachsen. Es gibt jetzt schon zwei, drei Jungs, die den Sprung schaffen können. Außerdem haben Spieler aus ganz Deutschland erkannt, dass man beim TVH eine Chance hat und gefördert wird. Vier Abgänge und die Tatsache, dass die drei wichtigsten Hüttenberger, Andi Scholz, Sebastian Weber und Laudt noch nicht verlängert haben, ist schon ein Problem. Wenn Hüttenberg diese Spieler halten kann, kann man mit ein oder zwei Zugängen und zwei Perspektivspielern aber einen guten Kader hinstellen, der auf jeden Fall in der 2. Liga eine gute Rolle spielen wird. Ich glaube nicht, dass dieser Verein jemals auseinanderbricht.«

Weber: »Auf keinen Fall. Was da geleistet wird, ist aller Ehren wert. Es hat mir riesen Spaß gemacht, diese Entwicklung zu verfolgen. Wenn man sieht, wie in Hüttenberg ein Trainingstag abläuft. Zwei, drei Jugendmannschaften in der Halle, fünf, sechs Trainer, alles organisiert, alles hoch professionell. Nicht ohne Grund spielen die Jugendmannschaften immer in den höchsten Ligen. Es schaffen immer wieder Talente den Sprung. Die Jugendarbeit des TVH ist deutschlandweit bemerkenswert. Dass die aktuellen Leistungsträger in den Fokus anderer Vereine rücken, war klar. Dafür muss man Verständnis haben. Aber ob 1. oder 2. Liga, um Hüttenberg muss man sich keine Sorgen machen.«

Billek: »Zudem verkaufen wir uns als Verein momentan auch gut. Wir werden nicht als kleiner Dorfverein abgekanzelt, sondern als Bestandteil der Bundesliga wahrgenommen. Das hilft auch in der Zukunft.«

Und bei der HSG Wetzlar. Wie geht es da weiter? Die Zugänge lassen ja einiges erwarten für die neue Runde ...

Weber: »Auf dem Papier sieht das super aus. Ganz klar. Aber wir verlieren auch sehr wichtige Leute. Das muss sich alles neu finden. Der Verein gibt eine Marschroute aus in Richtung einstelliger Tabellenplatz, aber so einfach ist das nicht. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Natürlich haben wir Potenzial, auch in dieser Saison schon, aber wir brauchen Zeit.«

Zuletzt sorgte die Nachverpflichtung von Andrej Klimovets zumindest bei den anderen Kreisläufern im Team für Unruhe. Schadet das der Mannschaft?

Weber: »Wir haben ein super Verhältnis innerhalb der Mannschaft und lassen nicht viel an uns heran. Wir sagen uns alles. Das einzige, was wir tun können, ist, uns auf das Sportliche zu konzentrieren. Das hat gegen Göppingen geklappt, aber ganz spurlos gehen die vielen Diskussionen natürlich nicht an einem vorbei.«

Kommt Ihnen da als Kapitän eine besondere Rolle zu?

Weber: »Naja. Sagen wir mal so: Ich musste zuletzt mehr Gespräche führen, als mir lieb ist. Ich versuche, die Probleme am Anfang der Woche zu lösen, so dass wir uns zum Wochenende auf die Spiele konzentrieren können. Es ist auf jeden Fall einiges los.«

Von den Verantwortlichen wird immer wieder gewarnt, dass der Abstiegskampf noch nicht überstanden ist. Ganz ehrlich, mit dieser Mannschaft in Gefahr zu geraten, das ist doch unrealistisch.

Weber: »Es dürfte nicht passieren. Stimmt. Aber der Nichtabstieg war von Anfang an das Ziel. Und es ist am Tabellenende recht eng. Wir haben 16 Punkte, trotzdem ist noch alles möglich. Deswegen ist das Derby auch für uns richtungweisend. Mit 18 Punkten könnten wir gelassener sein, und Hüttenberg würde nicht die zweite Luft bekommen und ggf. Punkte holen, die sie nicht holen würden, wenn sie das Derby verlieren.«

Billek: »Es ist noch alles möglich. Gummersbach hat personell nachgelegt, Balingen auch. Das wird ein heißer Kampf.«

Weber: »Keiner will absteigen. Wir auch nicht. Deswegen wurde Klimovets verpflichtet. Das ist eine Entscheidung von unserem Aufsichtsratssprecher gewesen. Wir haben kein Mitspracherecht, müssen das akzeptieren und das Beste daraus machen.«

Warum hat Hüttenberg nicht nachgelegt?

Billek: »Ich glaube nicht, dass sich Hüttenberg einen Spieler hätte leisten können, der weiterhilft. Einen Akteur für ein halbes Jahr zu holen, wäre auch nicht der Hüttenberger Weg. Wenn, hätte es ein Spieler mit Perspektive für die nächsten eineinhalb, zwei Jahre sein müssen, und den gab es wohl nicht.«

Hüttenberg vs. Wetzlar? Was sind die Unterschiede?

Weber: »Wir haben 15 Jahre 1. Liga auf dem Buckel. Mit allen Höhen und Tiefen. Vor einem Jahr gab es einen großen Umbruch. Neuer Aufsichtsrat, neuer Geschäftsführer. Die HSG stand vor der Insolvenz. Dass sich das alles so entwickelt – in einem Jahr, wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht. Ich hätte nie geglaubt, dass das solche Dimensionen annehmen kann. Aber wir haben mit Björn Seipp einen Geschäftsführer, der die Sprache der Sponsoren spricht. Es gibt doch einige Menschen, die sich wieder gerne mit dem Namen HSG Wetzlar schmücken. Das war nicht immer so.«

Billek: »Hüttenberg hat einen Nationalspieler, Wetzlar gefühlte zehn. Wir haben eine kleine Halle, die eine Arena. Wir einen kleinen Etat, die einen größeren. In Wetzlar spielen Profis mit jahrelanger Erfahrung, für die die Bundesliga alltäglich ist, wir sind eher junge Spieler, die in die großen Arenen gucken und in Kiel alles fotografieren, weil sie es vielleicht nie wieder sehen werden. Wir sind der kleine Nachbar, der in seiner Halle Handballstimmung wie vor 20 Jahren anbietet. Aber das ist super so. Langfristig ist es aber toll, dass ein Verein wie Wetzlar sich und Bundesligahandball in der Region etabliert hat.«

Weber: »Ich habe mir übrigens gewünscht, dass wir in Hüttenberg spielen. Da habe ich schon mit Gelnhausen gerne gespielt. Ich liebe das. Je lauter, je enger, desto besser. In Hüttenberg wäre das Publikumsverhältnis 95:5 gewesen. Gegen uns. In Gießen wird es nicht so eindeutig. Für uns ist es aber besser, dass wir in Gießen spielen, aber trotzdem wäre ich gern in Hüttenberg eingelaufen.«

Billek: »Wir hätten auch alle lieber in Hüttenberg gespielt, obwohl wir gegen Lemgo in Gießen auch eine super Atmosphäre hatten. Aber in Hüttenberg zu spielen, das ist ein unglaubliches Gefühl. Da schießt das Adrenalin in dir hoch. Minden weiß heute noch nicht, was beim Relegationsspiel passiert ist. Ich hoffe aber, dass unsere Fans auch in Gießen ein Übergewicht haben werden, denn das können die entscheidenden Prozente ausmachen. Aber nur, wenn wir lange dran bleiben. Dafür sind wir erst einmal verantwortlich. In Wetzlar waren auch alle gegen uns, bis auf 150, und wir haben es auch 40 Minuten geschafft.«

Weber: Aber die 150 habe ich auf dem Feld gehört.«

Billek: »Ja, wir haben tolle Fans. In Kiel haben die 40 Minuten nach dem Spiel noch unsere Aufstiegslieder gesungen und gefeiert. Bei uns sitzen 1400 Fans in der Halle, die sich zwei Wochen auf den Samstag freuen. Die sind so begeisterungsfähig und stehen wie eine Wand hinter uns. Das pusht und macht beim Gegner die Hand unruhig. Hüttenberg ist so speziell. Ich glaube, da spielen auch die Gegner gerne.«

Aber auch über die Fans der HSG kann man sich nicht beschweren.

Weber: »Was da in den letzten Jahren pasiert, ist super. Wir haben den Zuschauerschnitt kontinuierlich gesteigert. Für Wetzlar ist unsere Halle genau richtig. Schöner und besser geht nicht. Aber die lauteste Halle ist in Balingen. Da werden aus Menschen Furien. Umso erstaunlicher, dass Hüttenberg da gewonnen hat. Diese Wette hätte ich verloren.«

Was wird im Derby den Ausschlag geben?

Billek: »Unsere 3:2:1-Abwehr muss stehen, wir müssen die Rückraumspieler früh attackieren und uns Respekt verschaffen, damit der nächste Angriff einen Meter weiter hinten gespielt wird. Wir brauchen Konter und müssen das Torwartduell für uns entscheiden.«

Weber: »Das wird nicht passieren. Ich bin gegen den TVH motiviert bis in die Haarspitzen. Die 3:2:1 ist wirklich Hüttenbergs stärkstes Mittel. Jan Gorr hat das mit der Mannschaft perfektioniert. Wir dürfen uns nicht provozieren lassen, müssen Ruhe bewahren und unseren Stiefel spielen. Dann kriegen wir das schon hin.«.

(mac)