Die "Hölle Süd" tobt

DKB Handball-Bundesliga

HSG Wetzlar spielt beim 25:28 in Balingen zu brav

Es bleibt dabei: Die HSG Wetzlar kann beim HBW Balingen/ Weilstetten nicht gewinnen. Nach zuvor fünf Pleiten auf der Schwäbischen Alb setzte es gestern auch im sechsten gemeinsamen Jahr in der Handball-Bundesliga mit dem 25:28 (16:16) einen schmerzhaften Nackenschlag.

"Um eines klarzustellen: Die Balinger haben verdient gewonnen, weil sie mehr Leidenschaft an den Tag gelegt haben", erklärte HSG-Geschäftsführer Björn Seipp, "aber wie der HBW zur Sache gegangen ist, das hatte nichts mit normalem Abstiegskampf zu tun. Das war sehr, sehr grenzwertig." Trainer Gennadij Chalepo schlug in die gleiche Kerbe. "Das ging oftmals unter die Gürtellinie. Aber um hier zu bestehen, brauchst du Spieler vom Schlage eines Frank Ettwein. Die hatte ich heute nicht."

Zu brav und in den entscheidenden Phasen nicht kaltschnäuzig genug - das waren die Knackpunkte für die vierte Saisonniederlage in Folge für die Domstädter, die zum Glück am Freitag die zunächst am grünen Tisch aberkannten Punkte vom 26:25 gegen Göppingen Anfang Februar zurückeroberten. Sonst hätte sie die Niederlage gestern noch empfindlicher getroffen.

Letztlich bedeuteten die fünf verschlafenen Minuten nach dem Seitenwechsel die Vorentscheidung. Die Hausherren setzten sich hier mit vier Toren hintereinander auf 20:16 ab und verwandelten die mit 2220 Zuschauern ausverkaufte Sparkassen-Arena in Balingen endgültig in ein Tollhaus.
"Wir wussten, was uns erwartet, hier ist immer so eine hitzige Atmosphäre", stierte Daniel Valo gedankenverloren in die Runde, als die fanatischen Zuschauer auch drei Minuten nach dem Schlusspfiff noch überschwänglich ihre Schützlinge feierten.

Valo bekommt es mit Ettwein zu tun und wird von den HBW-Fans verhöhnt

Der baumlange slowakische Rückraumschütze, mit acht Treffern bester Werfer der Gäste, hatte besonders unter den "Hooligans" zu leiden, als er nach zum Teil brutalen Attacken Ettweins von den Rängen verhöhnt wurde. "Jeder kennt im Grunde seine Gangart. Aber wir werden nicht geschützt", ärgerte sich Valo.
Zwar verkürzte der Linkshänder in Minute 47 auf 21:23 (47.), zur Wende aber reichte es nicht für die HSG, die in dieser Phase in Torhüter Nikolai Weber einen starken Rückhalt besaß. In Überzahl (Ettwein saß auf der Bank) scheiterte der an alter Wirkungsstätte maßlos enttäuschende Philipp Müller an Matthias Puhle, und als der auf Balinger Seite überragende Österreicher Roland Schlinger (acht Treffer) das Leder zum 25:21 ins Netz hämmerte und HBW-Kapitän Wolfgang Strobel Tor Nummer 26 draufsetzte, waren die Fronten erneut geklärt. Mit stakkatomäßigen Anfeuerungsrufen "Hebt se" und "HBW, HBW, HBW" trieben die Balinger Fans die "Gallier von der Alb " in der "Hölle Süd" förmlich zu Sieg.
"Wir haben nach der Pause mutiger gespielt. Und dafür sind wir belohnt worden", freute sich Balingens Coach Rolf Brack. Der Dozent an der Universität Stuttgart durfte sich zugleich selbst auf die Schulter klopfen. Denn mit der Umstellung zur zweiten Halbzeit auf eine 5:1-Deckung sowie der Hereinnahme von Matthias Puhle ins Tor und der "Beförderung" von Schlinger zum Mittelmann kamen die Hausherren auf Touren.

Zuvor hatten die Gastgeber noch ihre liebe Mühe gehabt. Denn die Grün-Weißen erspielten sich auch ohne Linksaußen Kevin Schmidt, der wegen einer gegen die SG Flensburg-Handewitt erlittenen Armverletztung (Verdacht auf Muskelfaserriss im Ellbogen) fehlte, durch einen Doppelschlag Valos eine 2:0-Führung - und sie lagen auch beim 3:1 (5.) durch den engagierten Christian Rompf mit zwei Toren vorne. Dann fand jedoch Balingen/ Weilstetten langsam in die Partie, beim 11:7 (19.) gelang ihnen der erste Vier-Tore-Vorsprung. Aber Wetzlar kämpfte und Timo Salzer, der trotz Trainingsrückstands wegen einer Nasennebenhöhlenentzündung eine ordentliche Partie aufs Parkett legte, egalisierte zum 14:14. Nach der Pause fiel allerdings ganz schnell die Vorentscheidung für den HBW, der sich auf seine Anhänger verlassen konnte. Denn die "Hölle Süd" tobte gestern Abend.

Balingen/Weilstetten: Ziemer, Puhle (ab 31.) - König, Herth (1), Sauer, Wilke (2), Ettwein (3), Schlinger (8), Strobel (1), Wessig, Häfner (4), Bürkle (4), Alvanos (2), Gutbrod (3).

Wetzlar: Weber (18. bis 53.), Marinovic - Rompf (5), Salzer (3), Valo (7), Jungwirth, Mraz (3), Müller (1), Chalkidis, Fäth, Hahn, Harmandic (4/3), Friedrich, Kristjansson (2).

Schiedsrichter: Damian/ Wenz (Bingen/Mainz) - Zuschauer: 2220 (ausverkauft) - Zeitstrafen: Balingen/Weilstetten sieben (Strobel zwei, Häfner zwei, Ettwein, Bürkle, Alvanos), Wetzlar vier (Müller drei/rote Karte 60.) - verworfene Siebenmeter: Harmandic (Wetzlar) scheitert am Pfosten (36.), Wilke (Balingen/Weilstetten) scheitert an Weber (42.).

Gerhardt Collinet / Wetzlarer Neue Zeitung