Die Körpersprache stimmt wieder

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300 HSG-Fans erleben beim 30:30 in Kassel eine emotionale Achterbahnfahrt

Ganz zum Schluss überwogen doch Freude und Erleichterung. "Ich bin froh, dass wir die Kurve gekriegt haben", sagte Aufsichtsrat Manfred Thielmann, "die vielen Einzelgespräche, die wir in der vergangenen Woche führten, haben gefruchtet.

 

Und Trainer Gennadij Chalepo konstatierte nach dem 30:30 (14:17)-Handball-Thriller der HSG Wetzlar im Hessenderby der Männer-Bundesliga am Abend des ersten Advents bei der MT Melsungen zufrieden: "Die Mannschaft hat mentale Stärke gezeigt, war stets wach und kampfbereit. Vor allem in der zweiten Halbzeit, als wir fast immer hinten dran waren." Dass letztlich nur ein Sekündchen fehlte, die Negativserie von zuletzt 1:11 Zählern aus sechs Spielen vollends abzuhaken, hatte für den 42-Jährigen gestern Morgen bereits sekundäre Bedeutung. Seine wichtigste Erkenntnis lautete: "Die Körpersprache stimmt wieder." Richtig. Denn als die emotionale Achterbahnfahrt vor 2750 Zuschauern in der Rothenbach-Halle in Kassel beim 14:19 (33.) in eine weitere Pleite zu münden schien, steckte diesmal kein einziger Grün-Weißer den Kopf in den Sand.

"Charakter bewiesen"

Im Gegenteil. Spielmacher Timo Salzer blickte für den Bruchteil einer Sekunde hoch zum über dem Feld hängenden Anzeigewürfel, zog ganz kurz die Stirn in Falten und brüllte genau wie Nikolai Weber noch lauter Durchhalteparolen übers Feld. "Jetzt erst recht", lautete das Motto. "Wir haben Charakter bewiesen", erklärte Weber später. Mit zwölf Paraden und einem gehaltenen Siebenmeter hatte der nach der vergangenen Saison beinahe zur MT gewechselte Torwart ein gerüttelt Maß Anteil an der hochverdienten Punkteteilung. "Vor dem Spiel wäre jeder von uns mit einem Unentschieden zufrieden gewesen. Aber wenn du den Ausgleichstreffer in allerletzter Sekunde kriegst, dann tut das verdammt weh", machte Rückraum-Hüne Daniel Valo aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Sechs Mal hatte der auf Wetzlarer Seite überragende Schütze das Leder in die Maschen jenes Vereins gewuchtet, dessen Trikot er von 2005 bis 2009 getragen hatte, bevor er zur HSG kam. Dass mit dem griechischen Flügelflitzer Savas Karipidis (7/4) ein ehemaliger "Grün-Weißer" die meisten Treffer für Melsungen markierte, passte da ebenso ins Bild wie die in fünf Bussen nach Kassel gereisten 300 Wetzlarer Schlachtenbummler. "Die Derbys zwischen diesen beiden Clubs sind halt immer was ganz besonders. Für mich in ganz extremem Maße, denn ich bin mit den HSG-Spielern weiterhin sehr gut befreundet", meinte Michael Allendorf, der nach vier Jahren in der Domstadt im Sommer Michael Roths Weg nach Nordhessen folgte.

Der seit Oktober 2010 in Melsungen beschäftigte 49-Jährige hatte kurz bevor die Mannschaften aufs Feld kamen zunächst auf der Wetzlarer Bank Platz genommen ("Ein reines Versehen"), behielt aber dafür in der spannungsgeladenen Schlussphase den totalen Überblick. Denn als die Hausherren drei Sekunden vor dem Ende bei einer 30:29-Führung der Gäste noch einen Freiwurf zugesprochen bekamen, bestimmte Roth seinen Längsten, den genau wie Valo 2,03 Meter messenden Jens Schöngarth, als Schützen dieser finalen Aktion. "Da habe ich alles auf eine Karte gesetzt", sagte der Ex-Nationalspieler. Schöngarth - sonst die klare Nummer zwei im rechten Rückraum hinter Alexandros Vasilakis - traf eiskalt und meinte danach ebenso cool: "Meine Mitspieler haben am Kreis den Block gestellt, da bin ich hochgestiegen und habe die kurze Ecke gewählt, weil Weber sich auf die andere Seite orientierte."

Trotz des "geklauten" Sieges darf die HSG das Remis als Erfolg bewerten. Die Wende ist eingeleitet. Ihre aggressive Abwehrarbeit und ihr über weite Strecken imponierender Tempohandball machen Hoffnung im Abstiegskampf. "Gegen Lemgo gilt es jetzt nachzulegen", blickte Nikolai Weber bereits dem Heimspiel am Sonntag (17.30 Uhr, Rittal-Arena) gegen den TBV entgegen. "Da muss wieder Feuer in unseren Augen sein."

Gerhard Collinet