Die "Wetzlar Boys" sorgen bei WM in Spanien für Aufsehen!

DKB Handball-Bundesliga

Der Coole, das Känguru und ein gereiftes Genie!

Für die deutsche Handball-Nationalmannschaft begann am Wochenende die Weltmeisterschaft 2013 in Spanien. Die Jungs von Martin Heuberger zeigten bisher Licht und Schatten. Drei Spieler, die bisher hauptsächlich positiv in Erscheinung traten, kommen von der HSG Wetzlar. Mit Kevin Schmidt, Tobias Reichmann und Steffen Fäth haben sich drei Hoffnungsträger in den Vordergrund gespielt.

Ein wenig überraschend wirkt das alles schon. Selbst Bundestrainer Martin Heuberger konnte im ARD-Interview nicht sagen, von welchem Verein er die meisten Spieler für die WM nominiert hatte. Die HSG Wetzlar zählt nicht zu den großen Adressen im deutschen Vereinshandball. In den letzten Jahren spielte man oft bis zum Schluss um den Abstieg, auch in diesem Jahr wurde der Truppe von Kai Wandschneider nicht sonderlich viel zugetraut, doch während der WM-Pause rangieren die Mittelhessen auf dem neunten Tabellenplatz.

Aufgrund finanzieller Engpässe setzte man, im Gegensatz zu den Spitzenkräften der Liga, in den letzten Jahren auf junge und talentierte deutsche Spieler, die aus der Region kommen. Und dieses Konzept trägt derzeit Früchte - stellt man doch das Gros des deutschen Kaders bei der WM. So sind derzeit drei junge Akteure absolute Leistungsträger bei dem Bundesligisten, die auch bei der WM für Aufsehen sorgen könnten: Kevin Schmidt, Tobias Reichmann und Steffen Fäth.

Kevin Schmidt (24 Jahre, 5 Länderspiele, Linksaußen) - Der Coole

Der 24-jährige Rechtshänder begann seine Karriere bei der HSG Pohlheim und spielt seit 2006 bei der HSG Wetzlar, zunächst im Juniorenteam und seit 2008 regelmäßig in der ersten Mannschaft. Trotz guter Leistungen in der Bundesliga, feierte er erst am 3. Januar im WM-Vorbereitungsspiel gegen Schweden sein Länderspiel-Debüt.

Der Grund für die späte Nominierung ist ganz einfach: Die Position des Linksaußen ist im DHB-Team in festen Händen. Neben Dominik Klein (THW Kiel) ist dort normalerweise Uwe Gensheimer (Rhein-Neckar Löwen) zu Hause, der einzige deutsche Akteur, dem derzeit absolute Weltklasse attestiert wird. Doch im November riss sich Gensheimer die Achillessehne.

Und so kam Kevin Schmidt im Vorfeld der WM erstmals in den Kreis der Nationalmannschaft. Mit 24 Jahren. Dabei ist Schmidt beim DHB kein unbeschriebenes Blatt: Unter dem damaligen Trainer Heuberger wurde er 2009 Junioren-Weltmeister und zeigte während des Turniers eine gute Leistung - aber in die Nationalmannschaft schaffte er es zunächst nicht. Bis zur Verletzung von Gensheimer. "Das kam schon überraschend. Als sich Uwe Gensheimer verletzte, was mir richtig leid tut für ihn, wusste ich schon, dass ich im Blickfeld des Bundestrainers bin. Dass er aber dann direkt bei mir anrief, habe ich so nicht erwartet. Aber er hat mir sofort ein richtig gutes Gefühl gegeben und gesagt, ich soll ganz einfach mein Ding machen", verriet er in einem Interview.

Und "sein Ding" machte er bei seinem Länderspiel-Debüt, als er beim 26:20 gegen Schweden direkt drei Tore erzielte und somit bester Werfer des DHB-Teams war. Zudem etablierte er sich im Vorfeld des Turniers als Siebenmeterschütze Nummer eins.

Unbekümmertheit macht Schmidt aus. Auch im ersten WM-Spiel gegen Brasilien (32:23) zeigte er überhaupt keine Nerven. Obwohl noch keine Sekunde auf dem Parkett, verwandelte er den ersten Siebenmeter mit einer Lockerheit, die bemerkenswert war. Generell zählte er beim WM-Auftaktspiel zu den besten Deutschen und erzielte insgesamt fünf Treffer (2 Siebenmeter). Zwar kam er im zweiten Spiel gegen Tunesien (23:25) nicht so häufig zum Einsatz, doch wird er im Laufe des Turniers bestimmt noch seine Momente haben, um dem Team zu helfen. Denn für ihn geht mit der Nominierung "der Traum in Erfüllung, bei einer WM für Deutschland zu spielen."

In Wetzlar zeigte er in der Hinrunde schon, wie wertvoll er für seine Mannschaft sein kann - warum nicht also auch für die DHB-Auswahl? Auch wenn Gensheimer irgendwann wieder zurückkehren wird. Für Schmidt wird es immer einen Platz geben.

Tobias Reichmann (24 Jahre, 11, Rechtsaußen) - Das Känguru

Er ist das Pendant zu Kevin Schmidt. Der Linkshänder spielt auf Rechtsaußen bei der HSG Wetzlar. Er lebt allerdings nicht so sehr von seiner Lockerheit und Coolness, sondern eher von seiner unglaublichen Sprungkraft. Oliver Roggisch nannte ihn im Vorfeld der WM "das Känguru". 

Bereits mit 16 spielte Reichmann beim LHC Cottbus in der Regionalliga und stieg in die 2. Bundesliga auf. Nachdem er sich 2008 nach dem Wechsel zum SC Magdeburg das Kreuzband riss, ging er zum THW Kiel, um dort den Durchbruch zu schaffen. Trotz einiger Spielanteile und dem Gewinn der Champions League 2010 und 2012 ging "Ippe" im letzten Sommer zur HSG Wetzlar. Hier entwickelte er sich sofort zum Stammspieler und Leistungsträger, was eine Nominierung für die Nationalmannschaft zur Folge hatte. Sein Debüt feierte er am 22. September 2012 gegen Serbien.

Für viele schien der Wechsel zur HSG zunächst ein Schritt zurück zu sein, doch Reichmann tat genau das Richtige. Hatte er in Kiel noch das Problem, dass er auf seiner Position nur die Nummer zwei oder drei hinter Christian Sprenger war, so ist er in Wetzlar klar gesetzt. Hier bekommt er viel Spielzeit und das Vertrauen, das er braucht.

Durch teils spektakuläre Tore wird er von den HSG-Fans auch "Air" Reichmann genannt, - in Anlehnung an seine unglaubliche Sprungkraft, die es ihm erlaubt, auch mal aus der zweiten Reihe den Abschluss zu suchen.

Seine Fähigkeiten setzte er auch im ersten Spiel der WM ein, in dem er ordentlich Spielminuten bekam und zwei Treffer erzielte. Einen davon in typischer Reichmann-Manier: Anspiel, ein Schritt rein, in die Höhe schrauben und verwandeln.

Bisher teilt er sich die Spielzeit bei der WM mit Patrick Groetzki, der in den ersten beiden Spielen jedoch nicht überzeugen konnte. Vielleicht ist es für Reichmann die Chance, nicht nur bei der HSG sondern auch im DHB-Team zu einer unverzichtbaren Größe zu werden. Ein wenig abheben ist in seinem Fall absolut erlaubt. 

Steffen Fäth (22 Jahre, 5, Rückraum links) - Das schlampige Genie

Er ist mit 22 der Jüngste im WM-Kader, aber vielleicht derjenige mit dem größten Talent. Allerdings ist Steffen Fäth ein ganz spezieller Fall. Oder einfach ein typisches Beispiel für die anscheinenden Probleme beim Deutschen Handball-Bund. Es ist nicht so, dass Fäth gerade erst in Wetzlar entdeckt wurde. Nein, Fäth holte im Juniorenbereich so ziemlich alles, was man an Titeln holen kann. Er wurde Europameister 2008 und Weltmeister 2009. Keine schlechten Voraussetzungen, um im Handball erfolgreich durchzustarten.

Doch seine Karriere verlief nicht wie gewünscht. Als er 2008 von der SG Wallau zu den Rhein-Neckar Löwen in die Bundesliga wechselte, sollte es der Startschuss für eine glorreiche Karriere werden. Bei den Löwen konnte er sich aber kaum in Szene setzen und hatte wenig bis gar keine Spielzeit. Daraufhin ließ er sich zum VfL Gummersbach ausleihen - doch auch dort nutzte er meist sein Zweitspielrecht in der 2. Liga für Frankfurt RheinMain. Also zog er wieder weiter. Nächste Station: HSG Wetzlar.

Bei den Mittelhessen blühte er endlich auf. Hier zeigte er seine Stärken: sein harter Wurf und seine Körpertäuschungen. Der Grund, warum Fäth in Wetzlar unter Trainer Wandschneider so aufblühte, ist für seinen Vater klar: "Er hat in seinen vorherigen Stationen nie das Vertrauen geschenkt bekommen. Für mich ist Wandschneider der beste Coach neben Mike Fuhrig, der ihn in Wallau trainiert hatte", meinte Michael Fäth.

Seinem Sprößling haftet allerdings schon seit längerem das Image des schlampigen Genies an. Einige Trainer aus der Vergangenheit sagten ihm nach, dass er nicht den nötigen Trainingseifer und die professionelle Einstellung für eine große Karriere mitbringe.

Fäth strafte seine Kritiker Lügen. Seit 2010 reift er bei der HSG zum Schlüsselspieler. Er übernimmt Verantwortung, erzielt Tore und entscheidet die Spiele. Endlich scheint er angekommen in der Bundesliga. Und auch in der Nationalmannschaft. Wie viele der jungen Spieler kennt Martin Heuberger auch Fäth aus dem Juniorenbereich. Er traut ihm zu, auch während der WM eine wichtige Rolle innerhalb des DHB-Teams zu spielen. Dass er das kann, hat er im zweiten WM-Spiel gegen Tunesien angedeutet, als er kurz vor Schluss Verantwortung übernahm und das zwischenzeitliche 21:21 (23:25) erzielte.

Allerdings holte er sich in der heißen Phase der Parte in doppelter Überzahl eine unnötige Zwei-Minuten-Strafe ab. Vielleicht sinnbildlich für seine bisherige Laufbahn. Zwar ist er hinter Sven-Sören Christophersen und Stefan Kneer eigentlich nur die Nummer drei auf seiner Position, doch bewies er bei seinen bisherigen Auftritten, dass er bereit ist, in den nächsten Spielen sein unbestrittenes Talent abzurufen.

Quelle: www.spox.de