"Drehschwindel im Handball-Tempodrom!"

Bild: www.sportfoto-vogler.de

DKB Handball-Bundesliga

Kai Wandschneider bereitet Überlastung im deutschen Profihandball Sorge – Teil 2 des Interviews mit der Handballwoche

Als einer der dienstältesten Trainer in der Handball-Bundesliga kennt Kai Wandschneider wie kaum ein anderer die Mechanismen dieser Sportart hierzulande im Profibereich. Der diplomierte Sportwissenschaftler und ehemalige Dozent der Deutschen Sporthochschule Köln stand bisher insgesamt 490 Mal in Meisterschaftspielen der ersten und zweiten Liga als Hauptverantwortlicher an der Seitenlinie. Genug Zeit also, um sich als reflektierender und philosophisch denkender Mensch ein umfassendes Bild über die aktuelle Belastungssituation im Profihandball zu generieren. Im zweiten Teil des Interviews mit der HW warnt der zweimalige All-Star-Team-Coach daher ausführlich vor den Gefahren des deutschen Profihandballs für seine Beteiligten und gibt Hilfestellungen zur Selbsthilfe.   

Zunächst aus aktuellem Anlass vorweg: die HBL hat einen spektakulären Rechtevertrag mit der ARD, dem ZDF und Sky ab der kommenden Saison gelandet. Ist das ein Sprung nach vorne, der auch einer HSG Wetzlar größere Planungssicherheit geben wird?

Mir sind leider keinerlei Details zu diesem Vertrag bekannt. Ich möchte aber meinen Glückwunsch aussprechen an Sky, die ARD, das ZDF und die HBL zu diesem wegeweisenden, vielversprechenden und hochspannenden Projekt. Was mir stark am Herzen liegt: herzlichen Dank an die kompetenten (Co-)Kommentatoren von Sport 1 für die immer faire und unterhaltsame Berichterstattung in den vielen gemeinsamen Jahren. 

Im ersten Teil unseres Interviews bemängelten Sie, dass Trainer ohne erfolgreiche eigene Sportlerkarriere nur schwer Zugang zu den großen Bundesligaclubs finden würden. Unterm Strich: Erweist sich der gefühlte Nachteil, nicht so erfolgreich aktiv gespielt zu haben, vielleicht sogar dauerhaft als Vorteil für die nachfolgende Trainertätigkeit? Vermutlich waren Sie von Anfang an – stärker als ein prominenter, im Schnelldurchlauf als Trainer installierter, Bundesligaprofi - gezwungen, trainingswissenschaftliche Erkenntnisse in den Nachwuchsbereich  einfließen und dann im Hochleistungssport reflektierend ausschöpfen zu können -Stichworte: Problemsichtigkeit oder individualisierende Förderung im Mannschaftsgefüge …

Zunächst einmal findet der Handball in den unteren Klassen, verglichen mit der Bundesliga, nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das bedeutet auch, dass ein Interesse mit begleitender Einflussnahme durch die Medien gering ist. So können sich Trainer in diesen Ligen besser auf das Wesentliche konzentrieren, taktisch mehr riskieren und ausprobieren. Sie sind experimentfreudiger, dürfen mehr Fehler machen und profitieren letztendlich davon, weil ihnen Zeit zum Lernen zugestanden wird. Da diese Trainer keine fertigen Spieler einkaufen können und weniger Trainingsumfänge zur Verfügung haben, entwickeln sie Methoden, die helfen, Spieler in kurzer Zeit individuell zu verbessern. Vor allem müssen sie Wege finden, die vorhandenen Stärken der Spieler so miteinander zu kombinieren, dass sie als Team optimal harmonieren. Trainer in unteren Klassen erfahren sehr schnell, dass das Ganze mehr ist, als die Summe seiner Teile. Als ich von der Regionalliga in die 1. Bundesliga kam, lagen zu meiner Überraschung die größten Unterschiede nicht in der Taktik, Teamführung und Trainingsmethodik, sondern in der Athletik sowie der für mich ungewohnten Bewertungskonkurrenz der Spielleistung durch die veröffentlichte Meinung und anderer, im verborgenen operierenden, Interessengruppen. Ich lernte also, was es heißt, im Geschäft zu sein und den damit verbundenen Kampf um die Deutungshoheit zu führen.

Lassen Sie uns ein sportartübergreifendes Gefahrenmoment aufgreifen, das schon zu schwersten körperlichen und psychischen Erkrankungen, in Einzelfällen sogar zum Tod führte: die Überbelastung im Profisport. Unlängst kritisierten Sie dieses Phänomen. Besonders gravierend stellt sich dieses Problem für die deutschen Vorzeige-Clubs in den internationalen Wettbewerben dar. Aber auch schwächer Bundesligavereine mit kleinem Kader sind nicht minder betroffen. Wie gefährlich ist der deutsche Handball für seine Beteiligten?

Das vegetative Erschöpfungssyndrom ist ein Phänomen unserer Gesellschaft und der Hochleistungssport demnach als eines ihrer Abbilder genauso davon betroffen. Gefährlich wird es, wenn 1. eine verhängnisvolle Kombination von physischen und psychischen Faktoren unter 2. spezifischen Systembedingungen in einer 3. bestimmten Konstellation bei 4. einer Person zusammentreffen, die diesen Ereignissen eine existentielle Bedeutung beimisst. Dagur Sigurdsson hat bezüglich der Belastungen im deutschen Profihandball von der physischen "Fleischfabrik“ gesprochen, Kiels Trainer Alfred Gislason von der psychischen "Endlosschleife“. Wissenschaftler und kritische Journalisten bemängeln, dass die Akteure im Sport der Deautonomisierung zu willfährigen Erfüllungsgehilfen eines profitorientierten Systems unter der medialen Inquisition ausgesetzt sind. Am Ende liegt es dennoch bei ihnen, wie sie nach ungezählten Profijahren im 13. Monat der Saison ohne erholsame, weil viel zu kurzer Pause im 83. Spiel mit einer folgenreichen Niederlage und einer von den Medien genauestens sezierten, enttäuschenden, persönlichen Leistung umgehen. 

Wer hat ein Interesse, das Problem herunter zu spielen? Immerhin: Fußball-Trainerlegende Ottmar Hitzfeld bezahlte für sechs erfolgreiche Jahre bei Bayern München mit einem schweren Burn-Out, Ex-Fußball-Nationalkeeper Robert Enke nahm sich das Leben. Warum wird nicht gehandelt? 

Nach "bösen Buben" suchen sie vergeblich. Die Clubs, die nationalen und internationalen Verbände verfolgen nachvollziehbarer Weise ihre ureigensten Interessen. Die aufgestockte Champions League beispielsweise ist in der jetzigen Form in Teilen ein Entwicklungshilfeprojekt für unterrepräsentierte europäische Nationen. Auch weil über die Hälfte der Teilnehmer der sogenannten Königsklasse große Probleme hätten, den zweitklassigen EHF-Pokal zu gewinnen, kann dies nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein. Zumal die drei deutschen Spitzenklubs in der Champions League als Vertreter der härtesten Liga der Welt grenzüberschreitenden zusätzlichen Belastungen ausgesetzt sind. In diesen Bereichen hege ich schon seit längerer Zeit den Verdacht, dass der US-amerikanische Fernsehsender HBO mit versteckter Kamera die 8. Staffel von „The Walking Dead“ (Übersetzung der Red.: „Die wandelnden Toten“) produziert (lacht). 

Die internationale Abstimmung untereinander ist verbesserungswürdig. Auch die nicht europäisch spielenden Bundesligaclubs leiden unter einem Spielplan mit quälend langen Unterbrechungen. Er gleicht eher den Herzrhythmusstörungen, die der bedauernswerte Algorithmus-Artist Andreas Wäschenbach (Anm. d. Red.: Spielleitung und -organisation HBL) bekommen haben muss, als man ihm aufgetragen hatte, die Quadratur des Kreises zu bewerkstelligen. Noch habe ich allerdings die Hoffnung, dass wir nicht am Ende gezwungen sind, folgendes Fazit zu ziehen: Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer.

Wie schützen Sie sich selbst, wie Ihre Spieler? Hat die tiefe emotionale Bindung zu Ihrem Arbeitgeber diesbezüglich eine protektive Wirkung? Schließlich sprachen Sie vor kurzem bei Ihrer Vertragsverlängerung in Wetzlar bis 2019 bezüglich der HSG von einer „Herzensangelegenheit“.

Durch Punkte schützen wir uns am besten! Im Ernst: wenn sie sich als Streichholz in einer Streichholzschachtel sehen und nicht verbrannt werden wollen, ihnen aus ihr hinaus aber nur eine zündende Idee hilft – dann stehen sie vor einem echten Dilemma. Ein kluger Gedanke alleine hilft nicht weiter sondern nur reflektiertes Erfahrungswissen. Es geht eher um die Haltung, mit denen man den Dingen gegenübertritt, die einem die Luft zum Atmen zu nehmen drohen. Setzen sie klare Grenze, lernen sie nein zu sagen. Ich habe mühsam lernen müssen, meinen Perfektionismus in Schach zu halten und dass weniger oft mehr ist. Ich habe auch im Umgang mit meinen Spielern gelernt, Kritik zu depersonalisieren und entgegne denen, die sagen, die Konkurrenz schläft nicht: weil sie auch unter Schlaflosigkeit leidet. Wir sind in Wetzlar in den letzten Jahren gemeinsam einen steinigen Weg gegangen und gehen ihn immer noch. Wir haben dabei aber gelernt, einander zu vertrauen und arbeiten täglich an einer Kultur der gegenseitigen, persönlichen Wertschätzung. Und: wir bemühen uns, dieses auch in Zeiten von Gratifikationskrisen – wenn also unsere Leistung und unser unermüdliches Engagement phasenweise nicht belohnt werden – aufrecht zu erhalten. Trotzdem hoffe ich, dass ich wach genug bleibe und den Zeitpunkt nicht verpasse, an dem ein Loslassen am Gesündesten ist. Die große Kunst lautet, fertig zu sein, bevor man sich selbst fertig macht oder fertig machen lässt. Und es ist gut zu wissen, das Martin Buber (Anm. d. Red.: jüdischer Religionsphilosoph) recht hat, wenn er sagt: Erfolg ist nicht einer der Namen Gottes.   

Als Lösungsansatz zur Minimierung der Überbelastung für Spieler und Trainer im deutschen Profihandball sprechen sich alle Betroffen fast gebetsmühlenartig immer wieder für eine Reduktion des Spielplans aus. In anderen internationalen Profiligen, wie der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL, müssen die Sportler teilweise sogar jeden oder alle zwei Tage im Wettkampf antreten. Warum wird eine Überbelastung der Sportler dort öffentlich nie kritisiert?

An dieser Stelle dürfen Äpfel nicht mit Birnen verwechselt werden. Die Clubs in den amerikanischen Profiligen sind hochprofessionalisierte Unternehmen, bei denen jeweils der Funktionsstab schon größer ist, als in der gesamten Handball-Bundesliga zusammen. Der US-amerikanische Basketballtrainer Phil Jackson hatte bei den Los Angeles Lakers alleine zehn Co-Trainer, in den Flugzeugen sind Krafträume vorhanden. Die Verantwortlichen dort haben zudem begriffen, dass nicht nur physisch sondern auch psychisch eine "Lohnende Pause" nötig ist, um komplett vom Ligastress zu regenerieren – diese wettkampffreie Zeit beträgt drei Monate. In der Bundesliga stehen uns im Schnitt nur drei Wochen zur Verfügung, um nach einer langen Saison komplett abzuschalten. Die US-amerikanischen Profiligen werden auch nicht von Lehrgängen der Nationalmannschaft unterbrochen. Von uns wird im Handball-Tempodrom verlangt, den Marathon zu sprinten, uns dabei die Schuhe selbst zu besohlen, natürlich als Erster die Ziellinie zu überqueren undu ns selbst dabei noch zu überholen. Heraus kommen blutige Füße, anhaltender Drehschwindel und frei nach dem Buchtitel des deutschen Philosophen Richard David Precht die Frage: „Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?“ Wir sind auf unseren jeweiligen Positionen alleine und haben eine viel zu kurze Pause bzw. die Nationalspieler gar keine – dadurch entsteht Erschöpfung. Wenn wir ähnliche Rahmenbedingungen hätten wie zum Beispiel die nordamerikanischen Eishockeyteams, könnten auch wir problemlos 80 Spiele in einer Saison bestreiten.

Quelle: Handballwoche - von Philipp Breitbart und Günter Breitbart