Ein Pokal-K.o. fühlt sich anders an

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Nach dem 27:29 gegen die SG Flensburg ist vor dem Bundesliga-Heimspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen

Die Niederlage schmerzte. Ganz klar. Sie fühlte sich aber anders an. Vollkommen anders. Seit 2001 wartet die HSG Wetzlar nunmehr zwar weiterhin auf den Einzug in das lukrative Hamburger FinalFour im DHB-Pokal, die 27:29-Niederlage nach Verlängerung am Dienstagabend gegen die SG Flensburg/Handewitt, die 70 mehrfach den Atem stocken lassenden Minuten waren aus Wetzlarer Sicht allerdings ein enormer Fortschritt gegenüber den bisherigen Heimauftritten der Saison. Detailversessene könnten (müssen) beim Blick auf die Statistik durchaus zu dem Schluss kommen, dass bei elf (!) vergebenen freien Einwurfchancen, zwei Holztreffern, einem nicht verwerteten Siebenmeter sowie drei »unforced error« von der Spielführung her eigentlich die Grün-Weißen das Parkett als Sieger hätten verlasen müssen.

 

So fern lag dieser Schluss nicht, denn die Mittelhessen hatten an diesem Abend prozentual weit mehr richtig als falsch gemacht und eine von Torhüter Nikolai Weber bis hin zu Kreisläufer Kari Kristjansson überzeugende, wenn auch nicht belohnte Leistung gebracht. »Alles hat gestimmt, nur das Ergebnis nicht«, stimmte Torhüter Nikola Marinovic zu.

Was aber gab den Ausschlag zugunsten der SG Flensburg/Handewitt? »Flensburg hat seine Chancen besser und konsequenter genutzt. Das ist eine Qualität, die in solchen Spielen eben den Unterschied macht«, brachte es HSG-Trainer Gennadij Chalepo schnell auf den Punkt, obwohl er die Partie bei allem Frust nicht rein ergebnisorientiert bewertete. »Sicher sind wir enttäuscht. Aber das, was ich heute von meiner Mannschaft gesehen habe, zeigt, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden.« Zur Ergänzung: Das Team von der Ostsee vergab nur zwei freie Einwurfchancen, die erste davon in der 58. Minute beim Stande von 24:23 durch Lars Kaufmann, sowie einen von sieben Siebenmetern in der 61. Minute. Was umgekehrt aber wiederum bedeutete, dass sich die kompakt stehende und aufopferungsvoll kämpfende Wetzlarer 6:0-Deckung weit weniger oft ausspielen ließ als die Flensburger.

In den Punktspielen gegen Eintracht Hildesheim, TV 05/07 Hüttenberg, Bergischer HC und HBW Balingen/Weilstetten hatten einige der Angriffslösungen gefehlt, die die HSG - angeführt von Timo Salzer - gegen den wiedererstarkten Ex-Meister am Dienstag parat hatte. In der ersten und zweiten Welle stimmten Speed und Laufwege, einige Male (Salzer 5., Schmidt 54.) aber wieder der Abschluss nicht. Was gegen Balingen/Weilstetten ansatzweise schon zu sehen war, klappte gegen die wuchtige Abwehr der Holsteiner vorzüglich: das über viel Bewegung erreichte Freispielen der Außen. Aber auch hier fanden Kevin Schmidt (8., 46., 53., 59.) trotz seiner 9/4 Treffer, und Tobias Hahn (12., 30., 52.) zu oft im starken Flensburger Torhüter-Duo Andersson/Rasmussen ihre Meister. Unbewusst zum achten Mann der Wetzlarer auf dem Parkett wurden die Unparteiischen, die sich früh in Erklärungsnot brachten, sich deshalb heftig den Unmut der grün-weißen Anhänger zuzogen und somit – ein altbekanntes Phänomen in der engen Dutenhofener Sporthalle – fortan die Spielstätte für die Kühlen aus dem Norden zum Hexenkessel werden ließ.

»Wir waren darauf eingestellt und haben uns dennoch in der Endphase davon beeindrucken lassen«, konstatierte kopfschüttelnd Lars Kaufmann in den Katakomben. Obwohl Länderspiel-, WM- und EM-erprobt, musste der einstige Wetzlarer Torjäger, der ja selbst »zwei Jahre in dieser Halle trainiert« hatte, dieser besonderen Atmosphäre kurzzeitig Tribut zollen. »In der Verlängerung haben wir dann aber wieder kühlen Kopf bewahrt und uns als cleverer erwiesen.«

Exakt. Wenn es etwas am Auftritt der HSG Wetzlar auszusetzen gab, dann das Unvermögen, die zwei Überzahlsituationen in der 64./65. Minute bzw. 68./69. Minute nicht zum großen Coup genutzt zu haben. »Wir hatten in der Verlängerung vier Minuten lang Überzahl und haben kein Tor gemacht. Das wird bestraft«, machte sich auch Torhüter Nikola Marinovic nichts vor.

Dabei hätte die erst fünf Sekunden vor Schluss durch den herzzerreißenden Treffer von Timo Salzer erreichte Extrazeit nicht besser beginnen können. Nikolai Weber parierte in Unterzahl – Timo Salzer hatte sich auf Kosten einer Zeitstrafe geopfert und in der Schlusssekunde Ballack-like das mögliche 26:25 der Flensburger vereitelt – einen Strafwurf von Siebenmeter-König Anders Eggert und Philipp Müller traf zum aus 1200 Kehlen bejubelten 26:25 (65.). Vielleicht fehlte in Anbetracht der sich anbahnenden Sensation dann der Mut zur eigenen Courage, plötzlich war man im HSG-Angriff zu zögerlich und keiner mehr bereit, Wurfverantwortung zu übernehmen. Eine Qualität, über die Holger Glandorf und Tamas Mocsai mit ihren zusammen fast 300 (!) Länderspielen auf Flensburger Seite verfügten.

Schon am morgigen Freitag geht es in der Bundesliga gegen einen Kontrahenten weiter, der über eine ähnliche Ansammlung von Starspielern mit gleichen Qualitäten verfügt. Um 19.45 Uhr trifft die HSG Wetzlar – wieder in der Rittal-Arena – auf die Rhein-Neckar Löwen, die im Pokal am Dienstag ein ebenso hartes Stück Arbeit (31:29 bei MT Melsungen) erfolgreich hinter sich brachten. Ein überragender Rückraumschütze Karol Bielicki mit seinen neun Treffern sowie eine charakterstarke Einstellung nach zwischenzeitlichem 14:19-Rückstand (38.) führten die Mannheimer in das DHB-Pokal-Achtelfinale.

»Wir haben mit Herz und Leidenschaft gespielt und sind am Ende belohnt worden«, freute sich Bielicki riesig über das Weiterkommen. Auch Trainer Gudmundur Gudmundsson machte seinem Team ein Kompliment: »Ich bin mit dem Charakter und der Einstellung sehr zufrieden, gerade in der zweiten Halbzeit, als wir zurückgekommen sind.« Auch in das Duell mit dem Europapokal-Teilnehmer gehen die Timo Salzer und Co. als Außenseiter. Aber mit einer Heimbilanz von 2:5 Siegen und 195:220 Toren, die belegt, dass man nicht immer chancenlos ist – und vor allem in der Dienstag-Gewissheit, gegen Kontrahenten dieser Kategorie auch wieder über spielerische Lösungen zu verfügen. Denn Kampf ist eine Selbstverständlichkeit.

Ralf Waldschmidt