Einige Gründe für die "Marke HSG Wetzlar"!

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DKB Handball-Bundesliga

Ralf Waldschmidt von der Gießener Allgemeinen Zeitung analysiert den bisherigen Erfolgsweg der Grün-Weißen in der Saison 2016/2017

Die HSG Wetzlar hat sich im fünften Trainer-Jahr von Kai Wandschneider zur Marke entwickelt. In der Handball-Bundesliga überrascht sie Saison für Saison die Konkurrenz und sich selbst. Die Grün-Weißen überwintern als Sensationssiebter. Die Gründe:

Mit 20:16 Punkten liegen die Mittelhessen zum Jahreswechsel in der Tabelle auf Augenhöhe mit dem SC Magdeburg und der TSV Hannover-Burgdorf, aber weit vor Frisch Auf Göppingen und MT Melsungen. Läuft alles glatt, sollte bereits im März nach den Heimspielen gegen TSV Hannover-Burgdorf und GWD Minden wieder der vorzeitige Klassenerhalt sicher sein. Eine Entwicklung, die im Spätsommer 2016 keine Wahrsagerin dieser Welt prophezeit hätte. Selbst nicht, als der HSG Wetzlar am 13. September mit dem Heim-27:24 über THW Kiel gleich zu Saisonbeginn der ganz große Paukenschlag gelang.

Klubführung: Seit dem Amtsantritt von Aufsichtsrat Martin Bender und seinen Mitstreitern sowie der Berufung von Björn Seipp zum Geschäftsführer hat die wirtschaftliche Gesundung des vor dieser Zeit finanziell angeschlagenen Bundesligisten die Handlungsfähigkeit entschieden verbessert. Neben den sechs notwendigen Neuverpflichtungen war es somit schon zu Saisonbeginn möglich, angemessen auf die Ausfallmisere von Maximilian Holst, Philipp Pöter und Joao Ferraz zu reagieren und mit Kasper Kvist, Emil Berggren und Stefan Cavor nachzuverpflichten. Im Erstliga-Vergleich befindet sich die HSG Wetzlar aber weiter im unteren Etatdrittel, der finanzielle Spielraum ist weiter begrenzt.

Trainerteam: Jasmin Camdzic besticht durch Qualität in der Torhüterarbeit und exzellenter Teamarbeit mit Chefcoach Kai Wandschneider. Das Duo lässt seine Mannschaften, egal ob mit Michael Müller/Philipp Müller, Ivano Balic oder Philipp Weber/Jannik Kohlbacher, das spielen, was das jeweilige Team spielen kann. Man ist nicht einer bestimmten Philosophie unterworfen. Spieltaktische Angelegenheiten gilt es zwar zu beherrschen, was es derzeit zum Beispiel der mit vier Toren gegen Gummersbach und sieben Treffern in Melsungen super eingeschlagenen Nachverpflichtung Stefan Cavor schwer macht. Dafür werden in der Regel in brenzligen Situationen immer wieder Lösungen gefunden, die zum Erfolg führen. Wie zuletzt am zweiten Weihnachtsfeiertag, als Balingen/Weilstetten das Erfolgsduo Philipp Weber/Jannik Kohlbacher abmeldete, dafür aber Anton Lindskog und Vladan Lipovina erfolgreich in die Bresche sprangen.

Umbruch: Das Schreckensszenario der nicht zu bewältigenden Abgänge von acht (!) gestandenen Bundesligaspielern von Steffen Fäth und Andreas Wolff bis zu Carlos Prieto und Kristian Bliznac beschäftigte die Handball-Region über die kompletten Sommermonate. Als dann auch noch nacheinander mit Neu-Spielmacher Philipp Pöter (erkrankt) sowie Maximilian Holst (Kreuzbandriss) und Joao Ferraz (Schulter-OP) drei der zukünftigen Stammkräfte langfristig ausfielen, herrschte kurzzeitig sogar Endzeitstimmung. Bis dahin hatte das Trainer-Duo in der Sommervorbereitung allerdings schon Teamstrukturen geschaffen, die sich als sturmfest erwiesen. Benjamin Buric im Tor, Evars Klesniks/Stefan Kneer im Innenblock, Filip Mirkulovski als unermüdlicher Antreiber, im Angriff Philipp Weber/Jannik Kohlbacher in der Kleingruppe sowie Kristian Björnsen als der erwartet verlässliche Rechtsaußen.

Neuverpflichtungen: Die HSG Wetzlar dient hoffnungsvollen Erstligahandballern Jahr für Jahr als Sprungbrett zu den Top-Klubs. Markus Baur war seinerzeit der erste, Andreas Wolff der Letzte, ein Jannik Kohlbacher wird irgendwann folgen. In dieser Saison hat Philipp Weber durch seinen Wechsel nach Wetzlar bereits den Sprung ins Nationalteam geschafft und hat sogar WM-Chancen. Torhüter Benjamin Buric hat mit durchschnittlich über zehn Paraden pro Partie alles in ihn gesetzte Vertrauen bereits zurückgezahlt. Kristian Björnsen bildet seit der Kvist-Nachverpflichtung mit dem Dänen eines der besten Flügelgespanne der Liga. Anton Lindskog wird als Backup von Jannik Kohlbacher immer bedeutsamer, hat dank seiner hochprofessionellen Einstellung und „seines super Charakters“, wie Wandschneider hervorhebt, große Fortschritte bezüglich seiner Beinarbeit und im Abschluss gemacht.

Verletzungsmisere: Acht Abgänge, sechs Neuzugänge – und dann im Dominoeffekt nacheinander die Ausfälle von Maximilian Holst, Philipp Pöter und Joao Ferraz. „Wir wären seinerzeit froh gewesen, zu Weihnachten überhaupt 14 Punkte zu haben“, gestand Trainer Kai Wandschneider nach dem 25:17 am Montag über HBW Balingen/Weilstetten rückblickend ein. Von ein paar wenigen Wehwehchen abgesehen, blieben die Leitzstädter in der Folge aber von weiteren schwerwiegenden Ausfällen verschont, weshalb sich die relativ schnell vollzogenen Nachverpflichtungen als goldrichtig erwiesen.

Nachverpflichtungen: Kasper Kvist, der Turbo-Däne, hat Maximilian Holst sofort 1:1 ersetzt. Der Schwede Emil Berggren hat trotz Höhen und Tiefen vor allem aufgrund seiner unorthodoxen Spielweise und seiner Allrounderfähigkeiten bislang seine Pflicht erfüllt. Wie wichtig einfache Tore aus dem Rückraum sind, hat der Montenegriner Stefan Cavor die letzten 20 Minuten gegen den VfL Gummersbach sowie beim Triumph bei MT Melsungen bewiesen. Der körperlich starke Linkshänder hat mit seinen vier bzw. sieben Treffern den Grundstein zu vier Punkten legen können.

Leistungsträger: Natürlich steht und fällt das Spiel der Wetzlarer mit der Torhüter-Leistung des 26-jährigen Bejamin Buric, lebt von der Qualität von Philipp Weber und Jannik Kohlbacher, vom Flügelduo Kvist/Björnsen oder der starken Deckung um Evars Klesniks, dessen Vertrag bereits verlängert worden ist. Auch Filip Mirkulovski wird in seinen Leistungen beständiger. Chefcoach Kai Wandschneider schafft es zudem immer wieder, dass punktuell und an guten Tagen auch andere Kräfte spieltragend und -entscheidend sind. Vladan Lipovina (gegen Kiel, gegen Balingen), Anton Lindskog (gegen Lemgo) oder Tobias Hahn (in Minden) haben da eine Wandschneider-Tradition fortgesetzt, zu der auch ein Kristian Bliznac oder Carlos Prieto zählten.

Teamgeist: Die Mannschaft geht durch dick und dünn. Keiner der Rückschläge hat sie frustriert, keine der Negativ-Überraschungen (20:22 gegen Bergischen HC, 25:36 in Göppingen) demoralisiert. Einer für alle, alle für einen – das ist gelebter Zusammenhalt, den auch Trainer Kai Wandschneider immer wieder erwähnt: „Andere Teams wären an so einer Situation wie unserer im Spätsommer zerbrochen.“

Abwehrstärke : Ganz klar, der Wetzlarer Erfolg liegt in der stabilen 6:0-Abwehr begründet, in der Evars Klesnik weiter herausragt. Björnsen-Backup Tobias Hahn zeigt auf der Halbposition immer wieder starke Leistungen, Jannik Kohlbacher möchte sich mehr auch in der Defensive beweisen, Anton Lindskog zeigt eine enorme körperliche Präsenz, Stefan Kneers Stärke liegt im Verschieben gegen Mannschaften, die den Ball schnell machen. In allen zehn siegreich gestalteten Partien (bei acht Niederlagen) hielt die HSG ihre Gegner unter 30 Treffern, teilweise sogar unter 25 (Balingen, Erlangen, Coburg, Gummersbach, Kiel). Ein Unentschieden übrigens haben die Nikolai Weber und Co. noch nicht erspielt, für Wetzlar gibt es bislang nur Sekt oder Selters.

Konkurrenz: Nimmt man die etablierten Erstligisten als Maßstab, so ist die HSG Wetzlar in ihrer 18. Bundesliga-Spielzeit durchaus ein Anwärter auf Rang zehn. Bei den Etatansätzen sieht das schon wieder ganz anders aus. Mit FA Göppingen und MT Melsungen lassen die Wetzlarer aktuell aber sowohl finanzkräftigere als auch etabliertere Klubs hinter sich. In Zukunft werden aber vor allem Newcomer wie TVB Stuttgart, HC Erlangen und SC DHfK Leipzig den Mittelhessen das Leben und Überleben im Oberhaus schwerer machen.

Anhänger: Regelmäßig über 4000 Besucher, eine hoch emotionale Choreografie und eine durchdringende DJ-Unterstützung stellen in den Augen der Spieler mittlerweile die Flensburger »Hölle Nord« oder die Göppinger „Hölle Süd“ in den Schatten. Für den einen oder anderen Profi ist neben der sportlichen Weiterentwicklung und der finanziellen Zuverlässigkeit auch die besondere Atmosphäre in der Rittal-Arena einer der Gründe, das grün-weiße Trikot überzustreifen.

Statistiken: Auch im Handball halten Daten und Zahlen in der Analyse immer stärker Einzug und bestätigen beim Blick auf die HSG Wetzlar ungewöhnlich gut die gewonnenen Eindrücke. Torhüter Benjamin Buric, die von Co-Trainer Jasmin Camdzic „gefundene Stecknadel in europäischen Torhüterhaufen“, wie sich Chefcoach Kai Wandschneider ausdrückt, belegt mit u. a. einer Fangquote von 35,29 Prozent bei 187 Paraden Platz vier im Erstliga-Ranking. Philipp Weber ist mit einer Trefferquote von sagenhaften 82,69 Prozent diesbezüglich der drittbeste Feldtorschütze der Liga, wobei Kreisläufer Jannik Kohlbacher aus dem Feld heraus (70) sogar noch öfter getroffen hat. Platz sieben in der Defensivstatistik mit 33,64 Prozent abgewehrter Angriffe sind gleichfalls ein Beleg.

Ausblick: Mit Philip Pöter, dessen Krankenakte noch immer wie ein Geheimnis gehütet wird, kehrt zum Restart am 8. Februar gegen MT Melsungen der Mittelmann ins Team zurück, der sich in der Sommervorbereitung als neuer HSG-Chef im Ring herauskristallisiert hatte. Nach viermonatiger Wettkampfpause darf aber nicht gleich zuviel vom 30-jährigen Ex-Leipziger erwartet werden. Auf die komplette Distanz bis zum Saisonende dürfte er das Team aber weiterbringen. Was noch von Bedeutung sein kann, da das vermeintliche WM-Duo Weber/Kohlbacher im Januar in Frankreich sicher ein paar Körner lassen wird. Bleibt allein noch die Frage offen, wann Stefan Kneer zu jenem Selbstvertrauen zurückfindet, welches ihn einst zum Nationalspieler mit 73 (!) Länderspieleinsätzen gemacht hat.

Personalplanung: Ganz klar, durch die Nachverpflichtungen müssen die Wetzlarer Verantwortlichen bis zum Frühjahr zwei, drei klare Entscheidungen treffen. Wird Joao Ferraz nach seiner Schulterverletzung wieder der Weg zurück ins Team zugetraut? Was wird aus den anderen Rückraum-Linkshändern Stefan Cavor und Vladan Lipovina? Kann sich die HSG auf Linksaußen einen Kasper Kvist und einen Maximilian Holst leisten? Mit Philipp Pöter, Filip Mirkulovski und Emil Berggren gibt es auf der Rückraummitte einen Überhang. Aus dem Nachwuchsbereich kommt Lukas Gümbel nicht mehr für die Mitte-Position infrage, auch die Zukunft von Fabian Kraft, Stefan Hanemann und Moritz Zörb aus der zweiten Garde muss geklärt werden.

Quelle: Gießener Allgemeine Zeitung/Ralf Waldschmidt