Emotionale Verabschiedung stellt Niederlage gegen Leipzig in Hintergrund!

DKB Handball-Bundesliga

Mittelhessen unterliegen im letzten Heimspiel 29:30 gegen temporeichen Aufsteiger – Sommer-Neuzugang Philipp Weber überzeugt mit acht Treffern

In der Halle waren noch die Stimmen von Carlos Prieto, Guillaume Joli und Kristian Bliznac zu hören, da tigerten Christian Rompf und Steffen Fäth nervös in den Katakomben der Rittal-Arena hin und her. Die Anspannung vor ihren Abschiedsreden war mindestens genauso groß, wie die vor einem Bundesliga-Debüt.

Die 29:30-Niederlage gegen Leipzig interessierte da schon nur noch am Rande.

Am emotionalsten waren wohl die Verabschiedungen von Sebastian Weber, Florian Laudt und Christian Rompf. Das Mittelhessen-Trio in Diensten der HSG Wetzlar wurde am Sonntag nach der 29:30-Niederlage zum Abschluss der Handball-Bundesliga gegen den SC DHfK Leipzig mit viel Beifall und Sprechchören bedacht, die dem einen oder anderen die Tränen in die Augen trieben. Während Weber noch gefasst wirkte, seinen Eltern dankte und sich freute, nächste Saison mit Coburg in Wetzlar zu gastieren, brauchte Laudt erst einmal ein paar Sekunden, um sich zu ordnen. „Irgendwann muss ich ja anfangen“, kam es dann aus dem Spielmacher heraus, der mit dem Abpfiff seine Karriere beendete. „Man soll gehen, wenn es am schönsten ist“, sagte der Familienvater, der zum Abschluss ein kleines Geheimnis verriet. „In 14 Jahren Profi-Handball habe ich nur zwei Aufwärmpartner gehabt: Andy Scholz und ‚Sebbl’ Weber. Danke.“

Rompf hingegen betrat die Rittal-Arena schon mit Tränen in den Augen. Als er sich den Weg durch seine Mannschaftskameraden gebahnt und das Podest im Mittelkreis des Parketts erklommen hatte, musste sich der Langgönser erst einmal die Feuchtigkeit aus den Augen wischen. „Danke an die geilste Halle in Deutschland“, rief der Linksaußen mit angeschlagener Stimme den Fans entgegen. „Ihr seid einfach genial und habt uns auch nach vorne gepeitscht, wenn es mal nicht so gelaufen ist“, huldigte Rompf, der nach 14 Jahren zum TV 05/07 Hüttenberg wechseln wird, den Fans.

Zuvor hatten sich schon Carlos Prieto (Ziel unbekannt), Guillaume Joli (Dunkerque) und Kristian Bliznac (Schaffhausen) – jeweils auf Deutsch – von ihrem Publikum verabschiedet und dabei keine Gelegenheit ausgelassen, die geniale Stimmung und die Zuschauer in Wetzlar zu loben. „Ich hatte das Glück, vor den besten Fans der Liga zu spielen“, adelt Welt- und Europameister Joli. Von „drei unfassbaren Jahren“ sprach Bliznac, und für Prieto war seine dreijährige Zeit bei den Grün-Weißen „einfach unglaublich“.

Einen coolen Auftritt legte Nationalkeeper Andreas Wolff aus Parkett. „Als ich vor drei Jahren mehrere Angebote auf dem Tisch hatte, war es für mich aus dem Bauch heraus nur die HSG Wetzlar, denn ich wusste was mich hier erwartet. Was ich hier erlebt habe, hat das aber noch übertroffen“, erklärte der Schlussmann, der nach Kiel gehen wird. Sein größter Dank ging neben dem Trainerteam an seine Mitspieler: „Ihr habt mir nicht nur geholfen, besser zu werden, sondern habt auch meine Launen ertragen. Es ist nicht immer einfach mit mir, das weiß ich.“ Das größte Geschenk der HSG sei gewesen, „José Hombrados zu verpflichten. Er hat mir immer wieder Wege aufgezeigt. Muchas gracias!“

Den Abschluss der Verabschiedungen machte Kapitän Steffen Fäth. Der Nationalspieler konnte seine Nervosität aus den Katakomben gut überspielen und lobte vor allem Kai Wandschneider und sein Team: „Am Anfang haben wir immer gegen den Abstieg gespielt. Was das neue Trainerteam seit 2012 hier gemacht hat, ist einfach genial.“ Fäth, der sechs Jahre das Trikot der HSG getragen hat, verlässt Wetzlar in Richtung Berlin. „Ihr habt es immer wieder geschafft, die Heimspiele zu einem Spektakel zu machen“, sagte der Rechtshänder zu den Fans. „Ich freue mich schon, wenn ich nächste Saison hier in die Halle komme.“

Gegen Leipzig hatte Fäth aufgrund seines Mittelhandbruchs nicht mitwirken können. Und das Fehlen des durchschlagkräftigen Rückraumspielers war nicht zu übersehen. Zwar machte Kristian Bliznac bei seinem „Abschieds-Comeback“ einen tadellosen Job, dennoch war der Rückraum der Grün-Weißen nicht gefährlich genug gewesen. Das Hauptproblem der Wandschneider-Sieben aber lag nicht in der Offensive, sondern in der Defensive.

In der ersten Halbzeit war die HSG fast in allen Zweikämpfen zu spät dran. So wurde aus der schnellen 2:0-Führung rasch ein 3:5-Rückstand (9.). Bis zum 10:10 glichen die Hausherren immer wieder die Leipziger Führungen aus, dann setzten sich die Gäste bis zur Pause auf 15:13 ab. Nach dem Wechsel agierte Wetzlar deutlich aggressiver und ging durch Joao Ferraz mit 22:20 in Führung (46.). Doch die Freude hielt nur kurz.

Benjamin Meschke erzielte nach Anspiel des überzeugenden Neu-Wetzlarers Philipp Weber das 24:22. Ferraz glich Sekunden vor dem Schlusspfiff zum 29:29 aus, ehe Laudt den Pass des Leipziger Schlussmanns zum Anwurf abfing, mit Rot vom Platz musste und Philipp Weber per Siebenmeter den Siegtreffer für seine Farben erzielte. „In der ersten Hälfte haben wir keine gute Abwehr gespielt, das war zu statisch“, analysierte Wandschneider, der mit der HSG die Saison auf Rang zehn beendet.

Stenogramm: 

HSG Wetzlar: Wolff, Nikolai Weber; Bliznac (6), Holst (5/2), Ferraz (4), Joli (4/3), Laudt (3), Lipovina (2), Rompf (2/1), Kohlbacher (1), Mirkulovski (1), Prieto (1), Klesniks, Hahn.

SC DHfK Leipzig: Putera, Vortmann, Storbeck; Weber (8/1), Zhedik (7), Milosevic (3), Semper (3), Strosack (3), Meschke (2), Steinert (2), Binder (2), Herth.

Im Stenogramm: SR: Pritschow/Pritschow (Stuttgart). – Zuschauer: 4421. – Zeitstrafen: 6:10 Minuten. – Rote Karte: Laudt (60.). – Siebenmeter: 8/6:1/1.

Quelle: Giessener Allgemeine Zeitung