Fast die nächste Legende gestrickt

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Unglückliches Pokal-Aus der Salzer und Co. 1200 Zuschauer in Dutenhofen verfolgen komplette Verlängerung im Stehen

Fast wäre die altehrwürdige Sporthalle Dutenhofen am Dienstagabend wieder zur Ruhmeshalle geworden. Dort, wo ein Ralf Kraft und ein Wolfgang Klimpke, ein Ola Lindgren und ein Uli Theis Handball-Geschichte(n) geschrieben haben, war Erstligist HSG Wetzlar drauf und dran, eine weitere grün-weiße Legende zu stricken. In der 3. DHB-Pokal-Hauptrunde verpassten die Timo Salzer und Co. gegen die favorisierte SG Flensburg/Handewitt beim 27:29 (26:26, 25:25, 12:13) nur knapp eine Überraschung. Nach 70 kämpferischen und spielstarken Minuten wurde die Mannschaft von den 1280 Zuschauern trotz des Ausscheidens gegen die Norddeutschen mit stehenden Ovationen verabschiedet, zuvor schon hatte es die begeisterten Wetzlarer Anhänger während der gesamten zehnminütigen, nervenaufreibenden Extraschicht nicht mehr auf ihren Plätzen gehalten.

 

»Wetzlar war von Anfang heiß«, war das Weiterkommen für den ehemaligen Grün-Weißen Lars Kaufmann im Flensburger Trikot »ein hartes Stück Arbeit. Am Ende aber waren wir die vielleicht cleverere Mannschaft.« Für einen weiteren Ex-Wetzlarer, Petar Djordjic, war es »ein ungemein intensives Spiel gewesen, in dem wir fünf Minuten vor Schluss ein, zwei Fehler machen und Wetzlar damit wieder ins Spiel gebracht haben.«

Intenstiv. Ja. Temperamentvoll. Ebenfalls. Kampfbetont. Auf jeden Fall. Wetzlar, der zweimalige Endrunden-Teilnehmer, und Flensburg, der dreifache Cupgewinner, lieferten sich von der ersten bis zur letzten Sekunde ein tollen Pokal-Fight. Die Sehnsucht nach dem berühmt-berüchtigten Finalfour in Hamburg schien jeden der Akteure auf und neben dem Spielfeld zu beflügeln. »Wir haben kein optimales Spiel gezeigt«, kommentierte Gäste-Trainer Ljubomir Vranjes den glücklichen 29:27-Spielausgang. Die unterlegene HSG Wetzlar bewegte sich nah am Limit, zeigte sich phasenweise sogar spielstärker und durfte in der Gewissheit das Parkett verlassen, im Gegensatz zu den EU-Finanzkommissaren in Brüssel keinen Hebel benötigt zu haben, um dem Bundesliga-Fünften die Stirn zu bieten. Und wären da nicht die - erneut - im Dutzend großartig herausgespielten, aber vergebenen Torchancen gewesen, dann hätte man außerhalb der HBL-Bestimmungen durchaus auch das eine oder andere kritische Wort über die Schiedsrichter verlieren können.

Wetzlars Trainer Gennadij Chalepo hätte das nicht genutzte Chancenplus am liebsten gar nicht thematisiert, »damit es sich nicht in den Köpfen einbrennt«, aber Torhüter Niko Weber hatte zuvor schon angedeutet, »wenn wir nur zwei von denen reingemacht hätten, hätte es vielleicht gereicht«.

Gereicht, das Selbstbewusstsein aufzubauen, hat es auf alle Fälle. Über das 4:4 (10./Müller-Schlagwurf) und 8:8 (20./Müller-Schlagwurf) hatten die Wetzlarer nicht zuviel versprochen. Timo Salzer führte stark Regie und spielte in der Deckung einen ebenso starken Part gegen den Thomas Müller des deutschen Handballs, Holger Glandorf. Philipp Müller spielte wie entfesselt, die 6:0-Abwehr mischte Beton an und Steffen Fäth ließ mit sensationellen Würfen zum 10:11 (25.) und 12:13 (30.) seine Klasse aufblitzen.

Der Handball war aber auch an diesem Abend wieder unversöhnlich. Das Team um die zentrale Abwehrfigur Tobias Karlsson oder den unablässig provozierenden Kreisläufer Michael Knudsen ließ sich eben nicht so einfach in die Knie zwingen. Auch wenn ein Lars Kaufmann, ein Holger Glandorf gut beschattet wurden, so traf eben zwischendurch Mittelmann Thomas Mogensen oder der Däne Anders Eggert sechsmal vom Punkt. Vor allem aber waren die Norddeutschen kaltschnäuziger und wurfgenauer und vergaben erst am Ende zwei Hundertprozentige. Beim 18:22 durch Petar Djordjic (47.) nach zwei vergebenen »Freien« von Kari Kristjansson und Kevin Schmidt schien die Entscheidung dann auch gefallen.

An diesem großartigen Pokalabend aber war die HSG Wetzlar alles andere als bedürftig und mit einer Moral und einem Kampfgeist ausgestattet, der die Zuschauer von den Sitzen riss. Trotz weiterhin eher Auswärts- denn Heimschiedsrichtern, ließen sich die Valo, Müller und Co. nicht weiter abschütteln. Im Gegenteil, denn als Kevin Schmidt nach 57:24 Minuten zum 23:24-Anschluss einwarf, waren die Grün-Weißen wiederbelebt. Der Rest war eine wahre Nervenschlacht, die Daniel Valo mit dem 24:24 (59:18) auf die Spitze und Flensburgs Michael Knudsen mit dem 24:25 (59:43) sowie Timo Salzer mit dem 25:25 (59:55!!!) sogar noch verlängerten.

Es kam zunächst noch besser. Nikolai Webers parierter Siebenmeter in Unterzahl gegen Eggert (61.) und Wetzlars erste Führung seit dem 1:0 in der zweiten Minute durch Philipp Müller (64:09) verwandelten die Halle in ein Tollhaus. Da Wetzlar aber gleich zwei Flensburger Strafzeiten (64. und 68.) nicht nutzte und Holger Glandorf unbarmherzig mit seinem Doppelschlag zum 28:26 (68:30) und 29:27 (69:19) die Gäste in die nächste Runde warf, blieb der HSG Wetzlar nur die Rolle des »gefühlten Siegers« anstatt der Ehre einer weiteren Legende wie einst gegen Tusem Essen.

Wetzlar: Marinovic, Weber; Fäth (3), Friedrich, Harmandic (1), Mraz, Müller (7), Salzer (4), Valo (1), Jungwirth (n.e.), Rompf (n.e.), Schmidt (9/4), Chalkidis, Kristjansson (1), Hahn (1)

Flensburg/Handewitt: Andersson, Rasmussen; Djordjic (2), Glandorf (7), Karlsson, Kaufmann (5), Mocsai (1), Mogensen (4), Szilagyi (n.e.), Bastian (n.e.), Eggert (6/6), Svan Hansen (1), Heinl, Knudsen (3)

Schiedsrichter: Schaller/Wutzler (Leipzig/Frankenberg)
Zuschauer: 1280
Zeitstrafen: Schmidt (36.), Salzer (60.), Valo, (49.), Müller (13., 23.), Hahn (41., alle Wetzlar); Glandorf (30., 64.), Mogensen (52.), Svan Hansen (11., 24.), Knudsen (45., 54., 68.)
Rote Karte: Knudsen (68., 3x2)
Siebenmeter: 5/4:7/6

Ralf Waldschmidt