"Gekämpft wie die Löwen"

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HSG Wetzlar zeigt den Füchsen Berlin nach turbulenten Tagen die Zähne

Rainer Dotzauer hielt nicht lange hinterm Berg. "Das war nicht notwendig, du Blödmann", sagte der ehemalige Macher von Handball-Bundesligist HSG Wetzlar noch auf dem Spielfeld zu Sven-Sören Christophersen. "Das war das größte Kompliment", konterte dieser mit einem Grinsen. Mit acht Toren hatte er maßgeblich Anteil am hart erarbeiteten 29:26 (18:15)-Sieg der Füchse Berlin gegen seinen Ex-Club.

 

Als Lars Friedrich am Mittwochabend 17 Sekunden vor der Schlusssirene zur Bank lief, schlug er erst einmal voller Frust mit der flachen Hand gegen die Bande. Er hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle. "Wir haben gekämpft wie die Löwen. Vielleicht hat uns das Quäntchen Glück am Ende gefehlt. Man darf aber nie vergessen, dass das eine sehr erfahrene Mannschaft ist, die wir am Rand einer Niederlage hatten. Das ist aller Ehren wert", meinte der dreifache Torschütze. Derweil rang sein Rückraumkollege Philipp Müller ausnahmsweise mal um Worte: "Da kommt im Moment viel zusammen. Unsere Leistung, die des Gegners und dann wieder die Leistung, über die ich nichts sagen darf. Es ist grad schwierig." Achselzuckend schlich er von dannen.

Die HSG-Anhänger unter den 3125 Zuschauern in der Rittal-Arena wussten auf jeden Fall sofort eine Antwort auf den schwachen Auftritt der Schiedsrichter Martin Harms und Jörg Mahlich (Magdeburg/Stendal). Als sie in der 37. Minute ein aberwitziges Stürmerfoul von Timo Salzer an Bartlomiej Jaszka gesehen haben wollten, begann ein gellendes Pfeifkonzert. Während die Gastgeber gegen den hohen Favoriten von der Spree zu keinem Zeitpunkt aufsteckten und nach einem 19:23-Rückstand (40. Minute) beim 23:24 (44.) durch Peter Jungwirth wieder rankamen. Auch beim 26:27 (56.) durch ihren sechsfachen Torschützen Kari Kristjan Kristjansson waren die Grün-Weißen erneut dran. Dann sorgten Ivan Nincevic mit einem Siebenmeter-Heber und eben Sven-Sören Christophersen für den 29:26-Sieg des Tabellenzweiten.

"Wir haben uns schwer getan. Wetzlar ist in guter Verfassung. Sie haben sich super reingekämpft. Wir können froh sein, aber es war nicht nur Glück", fasste "Smöre" nach dem Duell gegen seine ehemaligen Mannschaftskollegen zusammen. "Wir sind sehr glücklich. Ich glaube, dass es ein verdienter Sieg war. Es war keine einfache Aufgabe, die wir gut gelöst haben", ergänzte Füchse-Coach Dagur Sigurdsson, der kurzfristig noch auf den tschechischen Nationaltorwart Petr Stochl (Wadenzerrung) verzichten musste.

Bei der HSG war Neuzugang Andrej Klimovets zum Zuschauen verdammt, der wegen seiner zwei Spielerpässe vom Ligaverband auf Eis gelegt wurde. Anfang der Woche waren den Grün-Weißen deshalb die beiden Punkte vom 26:25-Sieg gegen Frisch Auf Göppingen aberkannt worden. "Wir arbeiten am Einspruch", bestätigte Rechtsanwalt Manfred Rühl am Rande der Partie auf Nachfrage dieser Zeitung.

Coach Chalepo: "Schade, dass wir nicht mit einem Punkt belohnt worden sind"

Scheinbar unbeeindruckt von den turbulenten Tagen mit Rücktritt des Aufsichtsratssprechers Manfred Thielmann und Aberkennung des Göppingen-Sieges traten derweil die Spieler dem Tabellenzweiten entgegen, der direkt vom Champions-League-Duell in Madrid angereist war. "Wir haben alles gut weggesteckt und ein Superspiel gemacht. Jeder hat gekämpft bis zum Schluss. Leider waren wir am Ende nicht clever genug, sie auszutricksen. Schade, dass wir nicht mit einem Punkt belohnt worden sind", sagte HSG-Trainer Gennadij Chalepo.

Und auch Geschäftsführer Björn Seipp freute sich über den beherzten Auftritt gegen das Topteam aus der Hauptstadt: "Da war von der ersten Minute an Leidenschaft da. Wir haben die individuelle Klasse der Berliner durch das Kollektiv ausgeglichen. Da hat eine Mannschaft auf dem Feld gestanden." Was Lars Friedrich noch einmal unterstrich: "Wir wollten mit aller Macht. Leider hat es nicht gereicht, aber wir sind auf einem guten Weg." Das meinte auch Timo Salzer: "Klar war es ein bisschen ärgerlich heute, doch man darf auch nie vergessen, dass die Füchse eine Spitzenmannschaft sind. Aber so erarbeiten wir uns Glück für die nächsten Spiele."

Nach dem aberkannten Sieg gegen Göppingen und der Niederlage gegen Berlin sind die Grün-Weißen vom neunten auf den 13. Tabellenplatz abgerutscht und haben nur noch vier Zähler Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang. Dort steht derzeit der Bergische HC, der am 3. März (19 Uhr) der nächste Gegner der Mannschaft aus dem Wetzlarer Osten ist. "Diese Hürde müssen wir nehmen. Das sind die Big Points", forderte Trainer Gennadij Chalepo. Nach den Füchsen warten die "Löwen".

Christiane Müller-Lang