Handball-Hoch über Wetzlar!

DKB Handball-Bundesliga

Trainer Kai Wandschneider im Interview mit sportschau.de

In der vergangenen Saison rettete sich die HSG Wetzlar erst am vorletzten Spieltag ins Ziel und schaffte den Klassenhalt in der Handball-Bundesliga. Jetzt legten die Hessen, die mit einem Drei-Millionen-Etat zu den "kleinen Fischen" im Oberhaus zählen, einen Blitzstart mit drei Siegen aus drei Spielen hin. Vater des derzeitigen Aufschwungs ist Trainer Kai Wandschneider. Im Interview erklärt der 52-jährige Coach das Handball-Hoch über Wetzlar.

Herr Wandschneider, hätten Sie diesen Saisonstart für möglich gehalten?

Kai Wandschneider: Das ist immer schwierig zu sagen. Da kann man sogar mal die meiner norddeutschen Herkunft geschuldete Zurückhaltung weglassen und sagen: das ist ein Traumstart. Gegen den HSV Hamburg haben wir die Gunst der Stunde genutzt und von der unzulänglichen Vorbereitung der HSVer profitiert. Wegen der für Olympia abgestellten Nationalspieler hatten sie ja fünf Wochen ihren Kader nicht zusammen. Dann weiß jeder, wie schwierig es ist, in Balingen zu gewinnen. Das haben wir klasse gemacht. Und auch gegen Großwallstadt haben wir im entscheidenden Moment die Ruhe bewahrt. Balingen und Großwallstadt - das sind die Gegner, gegen die wir die Punkte im Kampf um den Klassenerhalt holen müssen.

Ist in dieser Saison nicht mehr drin als "nur" der Klassenerhalt?

Wandschneider: Damit beschäftige ich mich nicht. Wir denken nur qualitativ, das heißt wir haben Zielvorstellungen, wie wir Handball spielen wollen. An denen werden wir uns immer wieder ausrichten. Das Saisonziel heißt Klassenerhalt. Um nichts anderes geht es. Und wir wollen den frühzeitiger sichern als in der vergangenen Saison. Dabei hilft uns sicherlich auch der gute Saisonstart. Alles andere wird sich zeigen. Nach drei Spieltagen kann man noch nicht viel sagen.

Wie sind Sie mit den Neuzugängen zufrieden?

Wandschneider: Michael Müller ist absolut eine Verstärkung für uns mit seiner Erfahrung, vor allem auch dank seiner Physis, seiner Cleverness und seines Spielverständnises. Ich habe ihn deshalb zum Kapitän gemacht. Tobias Reichmann ist ein Rohdiamant, der noch geschliffen werden muss. Er bringt tolle athletische Voraussetzungen mit. Er ist vom Bankspieler in Kiel zum Stammspieler bei uns geworden und muss praktisch 60 Minuten durchspielen, das ist eine harte Erfahrung. Dadurch kommt es zu Schwankungen. Jens Tiedtke hilft uns auch mit seiner Routine und tut uns gut. Fannar Fridgeirsson ist ein wichtiger "back-up" für Adnan Harmandic im Rückraum. 

In welchen Bereichen muss die HSG Wetzlar noch professioneller werden?

Wandschneider: Wir haben Löcher im Spiel. Wir geben Führungen relativ schnell wieder aus der Hand, weil wir unkonzentriert abschließen. Wir müssen es schaffen, über 60 Minuten auf allerhöchstem Niveau zu spielen und nicht nur über 40 Minuten. Und wir müssen mehr auf die Details achten. Wir haben Spieler, die gut spielen, die aber dann Kleinigkeiten falsch machen. Aus der Summe dieser Details ergeben sich große Gefahren. Was die Mannschaft mittlerweile auszeichnet, ist, dass die Spieler die Köpfe nicht mehr hängen lassen, wenn es mal nicht so läuft.

Sie waren vor Ihrem Engagement in Wetzlar fast ein Jahr lang arbeitslos. Lukrative Angebote gab es nicht. Spüren Sie Genugtuung, dass es jetzt so gut läuft in Wetzlar?

Wandschneider: Sagen wir so: Ich freue mich, dass die HSG Wetzlar mir das Vertrauen geschenkt hat. Das habe ich schon zurückgezahlt mit dem Klassenerhalt, der äußerst schwierig war. Im Moment ist eitel Sonnenschein. Wirkliches Vertrauen zeigt sich immer dann, wenn es mal nicht so gut läuft. Ich habe einige Dinge geändert und musste Überzeugungsarbeit leisten. Das beste Argument sind immer Punkte, und so ist es mehr Erleichterung als Genugtuung, dass die Dinge greifen. Dadurch wird die Unterstützung größer.

Jetzt geht es am kommenden Samstag nach Melsungen. Was erwarten Sie vom Hessen-Derby?

Wandschneider: Die Melsunger sind favorisiert, auch wenn sie nur 1:5 Punkte auf dem Konto haben. Sie haben in Großwallstadt unentschieden gespielt sowie zu Hause gegen die Rhein-Neckar Löwen und in Lemgo verloren. Sie hatten ein deutlich schwierigeres Auftaktprogramm als wir. Melsungen hat ja selbst als Zielsetzung Platz acht ausgegeben. Das halte ich für realistisch. Sie haben sich enorm verstärkt in den vergangenen beiden Jahren. Wir können natürlich mit einer gewissen Ruhe dorthin fahren. Wenn wir das Spiel lange offen halten, haben wir eine Chance, auch aus Melsungen etwas mitzunehmen.

Das Gespräch führte Jens Mickler.


Quelle: Sportschau.de