HSG-Geschäftsführer Björn Seipp: „Ich warne davor abzuheben!”

DKB Handball-Bundesliga

Sieg gegen Hamburg entfacht Euphorie, aber Konzentration gilt nur nächstem Spiel.

Das war ein perfekter Saisonstart: Die HSG Wetzlar gewann am ersten Spieltag völlig überraschend mit 33:26 gegen den HSV Hamburg. Ein solcher Überraschungscoup gibt dem Team von Kai Wandschneider Selbstvertrauen und dem Geschäftsführer der HSG den nötigen Rückenwind. Björn Seipp, seit eineinhalb Jahren bei den Hessen in verantwortlicher Position, kann diese Hilfe des Teams sehr gut brauchen. Zu präsent ist die abgelaufene Saison, als lange um den Klassenverbleib gebangt werden musste. In einem Interview sprach der 38-Jährige unter anderem darüber, warum die 15. Erstligasaison der Mittelhessen in Folge besser werden kann als die Vorgänger.

Ein Interview mit Ihnen kann nicht beginnen, ohne noch einmal auf den vergangenen Samstag und den tollen Erfolg der HSG gegen den HSV Hamburg zum Auftakt der neuen Spielzeit zu sprechen zu kommen.

Björn Seipp: Das war sicher einmalig und in der Deutlichkeit absolut unerwartet. Wir hatten schon auf unsere Chance gehofft, aber dass wir den HSV so klar schlagen konnten, ist überraschend. Ich habe in den letzten Minuten des Matches am Spielfeldrand gestanden und immer wieder ungläubig den Kopf geschüttelt. Aber es war lediglich eins von 34 Saisonspielen. Bevor wir von einem guten Saisonstart sprechen können, müssen wir zunächst die nächsten fünf bis sechs Spiele abwarten.

Es sieht so aus, als hätten Sie im Vorfeld der Saison vieles richtig gemacht.

Björn Seipp: Unser Trainer Kai Wandschneider hat mit der Mannschaft eine sehr strukturierte Vorbereitung absolviert und dabei sehr konzeptioniert und konzentriert gearbeitet. Das Team hat vollstes Vertrauen in ihn und super mitgezogen. Zudem blieben wir auch von gravierenden Verletzungen verschont. Auch die Zugänge konnten rasch integriert werden. Besser gesagt: Haben sich sehr gut im schönen Wetzlar eingelebt!

Auch an anderen Stellschrauben wurde gedreht.

Björn Seipp: Richtig. Wir haben die Strukturen rund um die Mannschaft weiter professionalisieren können und dem Team nach der lehrreichen Vorsaison, in der wir lange um den Klassenverbleib bangen mussten, mit Thorsten Ribbecke einen Athletiktrainer und mit Dr. Walter Staaden einen Mentalcoach zur Seite gestellt. Das waren nach aktuellem Stand richtig gute Entscheidungen.

Hat die HSG das Zeug, die Überraschungsmannschaft der Saison zu werden?

Björn Seipp: Darüber möchte ich gar nicht reden! Wir hatten in der vergangenen Saison ebenfalls eine gute Vorbereitung, sind dann aber durch ein echtes Stahlbad gegangen. Allerdings haben wir daraus gelernt und gewisse Dinge überdacht. Und auch das Team will es unbedingt vermeiden, wieder in eine solch schwierige Situation zu geraten. Gelingt es uns, regelmäßig unser Leistungsvermögen abzurufen, wie zum Beispiel am Samstag, stehen wir vor einer guten Saison. Ich warne aber vor einer zu frühen Zufriedenheit! Deshalb wird auch der Erfolg gegen Hamburg nichts an unserem Saisonziel ändern: Wir wollen frühzeitig den Klassenverbleib sichern.

Welche Rolle nimmt Ihr Trainer Kai Wandschneider in diesem Gesamtkonzept ein?

Björn Seipp: Er ist das zentrale Element, ein ganz wichtiger Faktor. Es war schön zu sehen, wie schnell er sich hier in Wetzlar eingelebt hat. Schon in der vergangenen Saison – er kam ja erst im März zu uns – hatte er maßgeblichen Anteil an der positiven Entwicklung. Kai hat die Mannschaft im spielerischen Bereich entscheidend weiterentwickelt. Wir haben nun mehr Spielzüge und auch mehr Lösungsansätze. Zudem hat er an vielen Kleinigkeiten gefeilt. Wir sind mit ihm derzeit rundum zufrieden. Mit Horst Spengler haben wir dem Trainer zudem einen sportlichen Berater zur Seite gestellt, mit dem er sich wunderbar austauschen kann. Frei nach dem Motto: Vier Augen sehen mehr als zwei.

Der Kader wurde zudem mit recht namhaften Spielern verstärkt.

Björn Seipp: Ja, aber Namen allein bringen noch keine Leistung. Das muss sich erst auf dem Parkett beweisen. Bislang sind wir mit den vier Neuen sehr zufrieden. Sie haben definitiv zusätzliche Qualität ins Team gebracht. Michael Müller beispielsweise ist ein erfahrener Nationalspieler, der sehr professionell denkt und arbeitet. Als Kapitän ist er rasch auch zu einer Führungsfigur innerhalb der Mannschaft geworden. Ähnliches gilt auch für Jens Tiedtke, der über eine gewaltige Erfahrung verfügt und der zudem ebenfalls eine gewisse Erfolgsmentalität ins Team eingebracht hat. Tobias Reichmann ist ein talentierter Mann, der aus Kiel zu uns kam, mit dem Ziel Erstliga-Stammspieler zu werden und große Perspektive besitzt. Und unser Isländer Fannar Thor Fridgeirsson ist ein aufstrebender Nationalspieler, der seine Karriere sehr strukturiert geplant hat. Er will hier in Wetzlar seine Chance nutzen, sich in der Bundesliga zu beweisen, auch wenn er sicher noch ein wenig Zeit braucht, um sich zu entwickeln.

Nimmt das Umfeld den positiven Wandel der HSG Wetzlar wahr und reagiert darauf?

Björn Seipp: Alles, was wir hier tun, basiert auf harter Arbeit. Wir haben seit eineinhalb Jahren eine neue Führungsebene mit einem Aufsichtsrat, der aus gestandenen und erfolgreichen Unternehmern besteht, die sich allesamt aber nicht zu schade sind, sich auch ins Tagesgeschäft einzubringen. Das kann man ihnen nicht hoch genug anrechnen! Wir sind in vielerlei Hinsicht nun professioneller aufgestellt als vorher. Das gilt auch für die wirtschaftliche Ebene. Unsere Sponsoren fühlen sich bei uns gut aufgehoben und präsentiert. Und über unsere Fans bin ich sowieso begeistert. Sie haben immer hinter uns gestanden. Selbst in der vergangenen Saison, als es nicht so gut lief, konnten wir unseren Besucherschnitt auf 3.900 pro Spiel steigern. Wir haben in der abgelaufenen Spielzeit zudem einen neuen Dauerkarten-Rekord aufgestellt und über 2.000 Saisontickets verkauft. Die Fans spüren, dass hier etwas passiert, und sie honorieren das auch.

Es herrscht also Euphorie rund um das Team, oder?

Björn Seipp: Die Euphorie ist nach dem HSV-Spiel natürlich nicht wegzudiskutieren. Aber im Sport kann es so rasch auch wieder andersherum gehen. Deshalb warne ich davor, abzuheben und empfehle dringend, auf dem Boden zu bleiben. Nichtsdestotrotz kosten wir den Moment natürlich aus.

Ungeachtet des schönen Moments: Wo will die HSG langfristig hin?

Björn Seipp: Vorrangigstes Ziel ist es, die Marke HSG Wetzlar weiter zu etablieren und stabilisieren. Darüber hinaus geht es noch immer darum, den Klub zu gesunden, weil wir  aus einer richtigen schwierigen Zeit kommen. Da steht auch das Team in der Pflicht, uns zu helfen – mit schönem, begeisterndem und erfolgreichem Handball. Da wir den Blick für die Realität nicht verlieren, halte ich es zum gegenwärtigen Zeitpunkt für verfrüht, über langfristige Ziele zu sprechen.