HSG Wetzlar hat sich "aus Teufelskreis befreit"!

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DKB Handball-Bundesliga

Aufsichtsrat Martin Bender und Geschäftsführer Björn Seipp im "Zahlen und Fakten"-Interview mit dem Medienpartner, der Gießener Allgemeinen Zeitung

Zwei Tage vor der Heimspiel-Premiere gegen den TBV Lemgo haben sich Aufsichtsrat Martin Bender und Geschäftsführer Björn Seipp im Interview mit der Gießener Allgemeinen Zeitung zu den wirtschaftlichen Rahmendaten des Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar geäußert.

Schwimmt die HSG Wetzlar im Geld?

Bender: "Ich glaube im Profihandball gibt es keinen Club, der das tut."

Ist es richtig, dass die GmbH und Co KG in den beiden vergangenen Spielzeiten jeweils weit über 3 Millionen Euro erwirtschaftet hat?

Seipp: „Wenn wir vom Umsatz reden, stimmt das.“

Kann man das beziffern. 3,5 Millionen oder gar 3,75 Millionen Euro?

Seipp: „An den Zahlen in den letzten Geschäftsberichten, die ja auch veröffentlich wurden, kann man sich zwangsläufig orientieren.“

Im Geschäftsjahr 2011/12 wies der Abschlussbericht – nachzulesen im Bundesanzeiger – Verbindlichkeiten in Millionenhöhe auf. Stimmt das? 

Bender: „So genau habe ich die Zahlen heute zum Glück nicht mehr im Kopf."

Der Geschäftsbericht 2012/13 listet erheblich weniger Verbindlichkeiten auf. Ist es also richtig gerechnet, dass Sie und ihre Mitstreiter, die bei der HSG Wetzlar in der Verantwortung stehen, mittlerweile einen hohen sechsstelligen Betrag an Schulden aus dem laufenden Etat heraus abgebaut haben?

Seipp: „Zum Zahlenwerk äußern wir uns nicht! Wir haben durch harte Arbeit und konsequentes wirtschaftliches Handeln die Verbindlichkeiten abgebaut und heute zum Beispiel keine Bankschulden mehr. In die Entschuldung sind notgedrungen und richtigerweise die erwirtschafteten Überschüsse gewandert und werden es auch weiterhin tun.“

Die Zahlen lesen sich, wer Aktiva und Passiva einzuordnen weiß, selbst im Nachhinein noch ziemlich dramatisch. Eigentlich stand die HSG Wetzlar bei ihrem Antritt doch vor dem finanziellen Kollaps.

Bender: „Das ist längst kein Thema mehr! Wir haben von Anfang an nur nach vorne geschaut und das machen wir auch heute noch!“

Laut Geschäftsbericht standen dem Bundesliga-Spielbetrieb für die Saison 2012/2013 ausnahmslos 2,83 Millionen Euro zur Verfügung. Einwände?

Seipp: „Alles was zum Thema Sport gehört, ist damit abgedeckt. Personalkosten für Spieler, Trainer, Geschäftsstelle, BG-Beiträge und das ganze drum herum.“

Bender: „Wir haben mittlerweile jährlich allein rund 300.000 Euro nur an Pflichtbeiträgen für die Berufsgenossenschaft zu entrichten. Das sind ja alles Summen, die nicht die Spieler bekommen, sondern die aus dem Etat abfließen, um den Spielbetrieb zu gewährleisten. Natürlich steigt der Etat allein von daher jährlich, weil gerade diese Kosten in den vergangenen drei Jahren immens gestiegen sind.“

Seipp: „Vor einigen Jahren lagen die BG-Kosten noch bei knapp über 100.000 Euro. Dazu sind die Anforderungen der Bundesliga, was zum Beispiel kostenintensive Videoproduktionen oder die Heimspiel-Organisation betrifft, gestiegen. Das sind allein Mehrkosten im mittleren fünfstellen Bereich pro Jahr.“

Ist es Ihnen im Geschäftsjahr 2013/14 gelungen, weitere Altlasten abzubauen?

Seipp: „Ja, wir haben auch in der abgelaufenen Saison wieder ein Plus erwirtschaftet. In den vergangenen vier Jahren ist es zudem gelungen, um das mal deutlich zu machen, u. a. die vorgezogenen Sponsorengelder auf ein Minimum zu reduzieren. Zu Beginn unserer Amtszeit sind wir in die Saison gestartet und hatten schon einen erheblichen Teil des Budgets aufgebraucht.“

Bender: „Deswegen sind wir froh, dass wir es mit Unterstützung der Wirtschaft in unserer Region und der Zuschauer, die in immer größerer Zahl zu unseren Heimspielen komme, die Einnahmen sukzessive zu erhöhen, um uns aus diesem Teufelskreis zu befreien.“

Haben Sie den Turnaround geschafft?

Bender: „Wir haben vor zwei Jahren mit den Gesellschaftern die Vergangenheit aufgearbeitet und einen klaren Schnitt gemacht. Wir sind seither in der Verantwortung, einen sauberen Haushalt zu schaffen und unsere Verbindlichkeiten abzubauen. Diesen Weg gehen wir konsequent.“

Respekt! Wie können Sie es sich dann erklären, dass im Umfeld noch immer ein anderes Bild zu zeichnen versucht wird? Dass in Wetzlar der Reichtum ausgebrochen sei und der Klub mittlerweile auf Augenhöhe mit Magdeburg oder Göppingen agiere?

Bender: „Das interessiert uns nicht, was andere meinen, Denken zu müssen. Wir wissen wo wir stehen und zeichnen ein realistisches Bild. Wir bedienen alle Lieferanten, bezahlen die Gehälter zuverlässig und gegenüber dem Hallenbetreiber Gegenbauer auch unsere Miete pünktlich.

Wir haben gefühlt eine der kleinsten Geschäftsstellen der Liga, mit gerade einmal vier Mitarbeitern, und haben bis heute aus wirtschaftlichen Gründen keinen Sportlichen Leiter eingestellt. Wir sind ein kleines Unternehmen mit Vergangenheit.“

Spüren Sie die notwendige Rückendeckung für Kurs der HSG Wetzlar?

Bender: „Mir ist wichtig festzuhalten: Es sind nicht einzelne Leute, sondern die gesamte Region trägt die HSG Wetzlar. Wenn die Zuschauer nicht kommen und die Sponsoren nicht hinter uns stehen würden, hätte das ganze keine Wert und keinen Sinn. Aber so ist es ja nicht. Wir haben mittlerweile ein sehr positives Standing in der Region und in Handball-Deutschland, dazu treue Fans, davon sind rund 2.100 Dauerkarten-Inhaber und etwa 170 Partner-Unternehmen, die uns dankenswerterweise und gerne unterstützen.“

Top-Transfers, Top-Platzierungen, Top-Aufmerksamkeit. Die vergangenen beiden Spielzeiten können sich sehen lassen.

Bender: „Absolut, ich denke, dass wir uns damit nicht verstecken müssen! Aber: nur wer nichts macht, macht keine Fehler. Im Grunde genommen sind wir selbst unsere größten Kritiker und versuchen dann, wenn uns Fehler passieren, daraus zu lernen und diese gnadenlos abzustellen. Das gelingt uns immer besser.“

Haben Sie einen Konsolidierungsplan, der aufzeigt, wann die HSG Wetzlar schuldenfrei sein soll?

Bender: „Im Jahr 2017 soll die HSG Wetzlar so aufgestellt sein, dass wir Entwicklungen in manchen Fällen nicht mehr zwangsläufig hinterherlaufen müssen, sondern aktiv handeln können.“

Seipp: „Es hilft nichts, wenn wir uns jeden Tag über die Vergangenheit unterhalten. Das tun wir nicht. Wir blicken nur noch nach vorn und das sehr positiv.“

Bleibt Ihre Arbeit so erfolgreich und kann die Einnahmenseite von sagen wir einmal 3,5 Millionen Euro gehalten bzw. sogar noch erhöht werden, dann hätte der Klub also ab 2017 in allen Bereichen eine weitaus größere Handlungsfreiheit?

Seipp: „Wir haben im Schnitt 4.000 Zuschauer, die Sponsoreneinnahmen konnten über die Jahre um über 500.000 Euro erhöht werden. Wir schwimmen aber keinesfalls im Geld. Wir sind aktuell immer noch dabei, die Vergangenheit zu bewältigen. Das ist jeden Tag harte Arbeit.“

Bender: „Als wirtschaftstestiertes Unternehmen gibt es auf die Geschäftsberichte den Stempel eines Wirtschaftsprüfers. Nichts davor und nichts dahinter.“

Als Sie seinerzeit zum ersten Mal in die Geschäftsbücher geschaut haben, waren Sie damals davon überzeugt, mit der HSG Wetzlar noch die Kurve zu bekommen?

Bender: „Glauben Sie mir, wir haben in den vergangenen Jahren auch unangenehme Gespräche führen müssen. Wir dabei aber, durch den aufgezeigten Weg, auch sehr viel Unterstützung erfahren - gerade von unseren Banken, Sponsoren und Gesellschaftern!“

Sind solche unangenehmen Gespräche Vergangenheit?

Bender: „Ja. Die ganz alten Sachen haben wir hinter uns gelassen. Jetzt haben wir zum Glück nur noch die Dinge abzuarbeiten, die wir - selbstkritisch gesehen - selbst verursacht haben.“

Blicken wir also in die Zukunft: Wäre in diesem Zusammenhang ein Ivano Balic als Sportdirektor denkbar?

Bender: „Wir haben uns aktuell noch nicht über dieses Thema unterhalten. Das ist noch ein Stück weit weg.“

Auf der Position gibt es aber schon Bedarf?

Bender: „Wir brauchen Hauptamtlichkeit in diesem Bereich. Keine Frage. Das sehen wir auch. Da sind andere Bundesligisten momentan besser aufgestellt als wir. Das ist eines der großen Themen für die Zukunft, die man sich aber leisten können muss. Qualität kostet Geld. Ganz klar.“

Zum Fall Dennis Krause: Am Donnerstag ist der Prozess vor dem Arbeitsgericht. Wie sehen Sie dem Ausgang entgegen?

Bender: „Unser Anwalt wird sachlich unsere Sichtweise vortragen. Dann muss der Richter beurteilen, ob wir sauber gearbeitet haben.“

Haben Sie sich im Fall Krause etwas vorzuwerfen?

Bender: „Sagen wir mal so: Wenn wir heute einen ähnlichen Fall hätten, würden wir so wieder handeln.“

Stimmt es, dass aus den Reihen Ihrer Firma die Möglichkeit in Betracht gezogen wird, ab dem Jahr 2016 selbst als Betreiber der Rittal-Arena einzusteigen?

Bender: „Das Thema ist ganz klar dem Projekt des Hotelbaus an der Arena geschuldet. Wir sind mit der Stadt in guten Gesprächen, in diesem Jahr werden wir uns Klarheit über das Thema verschaffen. Festzuhalten bleibt, dass die Halle der Stadt gehört und die Stadt die Zukunft der Arena vorgibt. Wir haben ein sehr partnerschaftliches Verhältnis, auch mit Gegenbauer, und sind in guten Gesprächen.“

Es ist ja kein Geheimnis, dass der Vertrag mit Gegenbauer ausläuft und sich die Bewerber formieren können.

Bender: „So ist es.“

Vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: www.giessener-allgemeine.de