HSG Wetzlar holt dank „beachtlicher Moral“ Remis in Lemgo!

DKB Handball-Bundesliga

Rechtsaußen Guillaume Joli verwandelt Siebenmeter mit Schlusspfiff zum 23:23-Unentschieden

2 Minuten und 42 Sekunden vor dem Schlusspfiff sahen die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar in der Lipperlandhalle wie die sicheren Verlierer aus. Kreisläufer Anton Mansson hatte für den gastgebenden TBV Lemgo gerade zur 23:20-Führung getroffen. Doch die Grün-Weißen bewiesen gegen das junge Team der Ostwestfalen große Moral, glaubten bis zum Ende an ihre Chance und konnten letztlich einen Punkt aus Lemgo entführen. Alle drei Treffer, die letztlich zum Remis führten, erzielte in der hektischen Schlussphase der französische Weltmeister Guillaume Joli. Damit liegt die HSG Wetzlar mit 5:5-Punkten aktuell auf Tabellenplatz 7 der DKB Handball-Bundesliga.

Vor 3.042 Zuschauern entwickelte sich zu Beginn der Partie ein ausgeglichenes Spiel. Die 4:2-Führung der Gastgeber durch den quirligen Rechtsaußen Tim Hornke (7.) konnten Joao Ferraz und Jannik Kohlbacher binnen 40 Sekunden ausgleichen. Wetzlars Linksaußen Maximilian Holst war es dann, der die Gäste in der 16. Spielminute per Tempogegenstoß erstmals mit 6:5 in Führung brachte. Letztlich die erste und einzige Führung der Mittelhessen im gesamten Spiel, denn was die Grün-Weißen danach in der Offensive ablieferten, gefiel Trainer Kai Wandschneider ganz und gar nicht. „Wir haben uns im Anschluss viel zu behäbig bewegt und zu wenig Ideen entwickelt, um die Lemgoer Abwehr vor Probleme zu stellen“, so der Wetzlarer Coach nach dem Spiel. Resultat war, dass die Gästeangreifer sich kaum noch freie Torchancen erspielen konnten und viele Würfe zur Beute von TBV-Schlussmann Jonas Maier wurden. Lemgo konnte jeweils schnell umschalten, so Druck auf die Wetzlarer Abwehr machen und sich in der Folgezeit deutlicher absetzen. In der 24. Spielminute lagen die Blau-Weißen erstmals mit vier Toren in Front. Kreisläufer Marcel Niemeyer hatte zum vielumjubelten 11:7 getroffen.

Gerade einmal drei Treffer brachten die Wetzlarer in den letzten 14. Minuten der ersten Hälfte zu Stande. Somit gingen die Ostwestfalen mit einer klaren 13:9-Führung in die Halbzeitpause, in der HSG-Coach Kai Wandschneider seinem Team deutlich ins Gewissen redete. „Es war klar, dass wir, wenn wir uns nicht besser bewegen und in der Abwehr massiver stehen, das Spiel verloren hätten. Zum Glück hat die Mannschaft den Hebel in der zweiten Halbzeit noch einmal umlegen können und beachtliche Moral bewiesen“, so der 55-jährige.

Nach dem Wechsel legten die Grün-Weißen deutlich mehr Elan aufs Parkett und einen Gang zu. Innerhalb von nur zehn Minuten war der Vier-Tore-Vorsprung der Lemgoer durch jeweils zwei Treffer von Steffen Fäth und Maximilian Holst sowie Joao Ferraz egalisiert (15:15; 39.). Das vielbeschriebene Momentum lag nunmehr klar auf Wetzlarer Seite, konnte jedoch in den kommenden Minuten nie genutzt werden. Immer wieder mussten die Grün-Weißen die Führung der Truppe von Ex-Nationalspieler Florian Kehrmann ausgleichen. Dies ging bis zur 55. Minute so, als Guillaume Joli vom Siebenmeterpunkt zum 20:20 traf.

In der „Crunshtime“ machte dann zunächst Lemgo die bessere Figur. Torhüter Jonas Maier glänzte nun bei zum Teil überhasteten Wetzlarer Abschlüssen. Dies nutzen die Gastgeber zu drei Treffern hintereinander durch Hornke,  Zieker und Mansson. Die beschriebenen 2 Minuten und 42 Sekunden vor dem Ende sah alles nach einem Heimsieg der Ostwestfalen aus.

Doch die erfahrenere Wetzlarer Truppe behielt kühlen Kopf und konnte auf einen sehr starken Andreas Wolff im Kasten zählen. In der Abwehr wurden nun wichtige Ballgewinne erzielt und die Angriffe auf den Punkt gespielt. Fouls an Jannik Kohlbacher und Steffen Fäth führten jeweils zu Strafwürfen, die der Siebenmeter-Spezialist Guillaume Joli sicher verwandelte.

Beim Stand von 23:22 hatte Lemgo nunmehr 1 Minute und 16 Sekunden vor dem Ende Ballbesitz. Wetzlar blieb in der Abwehr trotzdem in der defensiven 6:0-Deckung und erzwang ein Zeitspiel gegen den TBV, ehe Carlos Prieto 23 Sekunden vor dem Ende mit einer 2 Minuten-Strafe vom Platz musste. Zeitspiel aufgehoben, das Spiel verloren! Pustekuchen. Anstatt die Zeit herunterzuspielen, brachte Lemgo vier Sekunden vor dem Ende Tim Hornke zum Wurf, der an Wetzlars Keeper Andreas Wolff scheiterte. Dieser brachte den Ball unter Bedrängnis zu Neuzugang Joao Ferraz, der im Gegenzug von TBV-Spielmacher Andrej Kogut unfair gebremst wurde. Nach Auslegung der neuen IHF-Erprobungsregel blieb den Schiedsrichtern Marcus und Andreas Pritschow somit nichts anderes übrig, als dem Lemgoer die Rote Karte und auf den Siebenmeterpunkt zu zeigen. Erneut trat Guillaume Joli gegen Jonas Maier an, die Zeit lief herunter und der Franzose verwandelte nach der Schlusssirene sicher zum 23:23-Unentschieden.

„Dieses Remis ist extrem wichtig und gut für die Moral unserer Mannschaft, die nie aufgegeben hat“, so Kai Wandschneider, der nach dem Abpfiff einige Zeit brauchte, um die hektische Schlussphase gedanklich zu verarbeiten. „Wir haben keine gute erste Halbzeit gespielt, uns nach dem Wechsel aber trotz Englischer Woche und viel Kraftverlust noch einmal steigern können und sind am Ende sehr glücklich, den zweiten Punkt überhaupt erst aus Lemgo mitnehmen zu können.“

Die besten Torschützen für Wetzlar waren Joli (5), Holst und Ferraz (je 4). Bei Lemgo traf Tim Hornke mit sechs Treffern am besten. Daneben verdienten sich die Torhüter beider Mannschaften (Maier/Wolff) Bestnoten.

Stenogramm:

TBV Lemgo: Meier, Dresrüsse; Mansson (5), Feuchtmann (1), Kogut (2), Ebner (1), Hornke (6), Rydergard, Stenbäcken (1), Arne Niemeyer, Haenen, Höning (3), Zieker (3), Marcel Niemeyer (1).

HSG Wetzlar: Wolff, Nikolai Weber; Prieto, Ferraz (4), Sebastian Weber (1), Laudt, Holst (4/2), Fäth (3), Hahn, Bliznac (1), Joli (5/5), Klesinks (1), Kohlbacher (2), Mirkulovski (2).

Schiedsrichter: Marcus und Andreas Pritschow (Stuttgart) – Zuschauer: 3.042 – Zeitstrafen: 2/6 – Rote Karte: Kogut (TBV, 60., Disqualifikation)