HSG Wetzlar verliert unglücklich bei den Rhein-Neckar Löwen!

DKB Handball-Bundesliga

Grün-Weißen verkaufen sich bei der 29:31-Niederlage in der SAP Arena teuer.

Erst gaben die Zwischenstände die Dominanz der von Beginn an riskofreudig-berauschten Rhein-Neckar Löwen nicht wieder, und am Ende war der 31:29 (20:16)-Spielausgang nicht der, den die HSG Wetzlar verdient gehabt hätte.

Das Bundesliga-Duell in der Mannheimer SAP-Arena am Samstagabend vor 5300 Zuschauern war abwechslungsreich, spannend und auf einem Niveau, durch das beide Teams ihre bislang guten Saisonleistungen bestätigen konnten. Mit der Einschränkung, dass nicht nur die gastgebenden Löwen fauchten, als die Mittelhessen beim 20:21 (36.) drauf und dran waren, ihnen die Punktebeute streitig zu machen; sondern auch die beiden Herren in Schwarz, die mit ihren folgenden Entscheidungen bis zum 27:20 (43.) selbst derart die Krallen ausfuhren, als wollte die Wandschneider-Truppe ihnen die Beute wegnehmen. Gut gebrüllt war das nicht, aber extrem wirksam.

Zum Leidwesen der HSG Wetzlar, weshalb Linkshänder Michael Müller schon während der Partie permanent den Disput mit den Unparteiischen suchte und sich hernach auch entsprechend äußerte: »Was heute für die Heimmannschaft gepfiffen wurde, habe ich so in den letzten Jahren hier noch nicht erlebt.«

Was war passiert? Mit einer bis an die Mittellinie vorrückenden 3:3-Deckung aus der Kabine gekommen, brachten die vor allem in der Beinarbeit ungemein aggressiven Christian Rompf, Fannar Fridgeirsson und Tobias Reichmann die Schützlige von Trainer Gudmundur Gudmundsson völlig aus der Fassung. Das Pausen-20:16 war fünf Minuten später beim 21:20 (Kristjansson vom Kreis) fast aufgebraucht, die Partie drohte - obwohl die Löwen nach 18 Minuten schon mit 12:6 durch Ekdahl du Rietz geführt hatten – zu kippen.

Nach einer Auszeit aber gaben die Schiedsrichter auf Gastgeber-Seite Andy Schmid alle Zeit der Welt, um zum 22:20 abzuschließen; ahndeten ein klar ersichtliches Myrhol-Stürmerfoul nicht (24:20), schickten stattdessen auf der Gegenseite Michael Müller (40.) auf die Strafbank und pfiffen nach einer Glanztat von Nikola Marinovic Tobias Reichmann zurück, der sich dank seiner Sprungkraft den in der Höhe schwebenden Ball regelkonform als Erster geschnappt hatte. Da reichte es auch Reichmann, der für seine lautstarke Beschwerde ebenfalls zwei Minuten aufgebrummt bekam. Vier Minuten in Unterzahl, drei Gensheimer-Siebenmeter in fünf Minuten – und schon waren die Löwen beim 27:20 (42.) wieder in der Spur.

Tobias Reichmann, der am Dienstag erstmals zur A-Nationalmannschaft fährt, zuckte später am Mannschaftsbus mit den Schultern. »Man darf ja nicht immer alles sagen, was man denkt.« Trainer Kai Wandschneider brachte sein Unbehagen viel-, aber nichts Falsches sagend zum Ausdruck: »Ich habe zwei Sichtweisen. Die eine werde ich bei der Spielbewertung zu Papier bringen und an die entsprechende Stelle weiterleiten. Die andere ist die, das es nicht angeht, dass sich Spieler von uns permanent mit der Spielleitung anlegen. Das hat auf dem Feld nichts zu suchen.«

Anstatt sich ihrem Schicksal zu ergeben, kam die HSG Wetzlar aber nochmals zurück. Wieder komplett, gingen die Grün-Weißen ab der 45. Minute erneut und mit noch mehr Vehemenz zur 3:3-Variante über und spielten zudem ihre Angriffe noch ein Quäntchen geduldiger. »In der zweiten Halbzeit hat Wetzlar gezeigt, welch starke Mannschaft es hat«, zollte Löwen-Coach Gudmundsson Anerkennung.

Recht hatte er. Wer unter Herz-Rhythmus-Störungen oder Bluthochdruck litt, war in der Schlussviertelstunde mit einem Betablocker gut beraten. Nikola Marinovic brachte nacheinander Gensheimer (52.), Myrhol (54.) und du Rietz (56.) zur Verzweiflung, und wären gleichfalls Fäth (50.) oder Fridgeirsson (51.) nicht frei an Stojanovic gescheitert, der Wetzlarer Anschluss zum 27:28 durch einen Reichmann-Gegenstoß wäre schon früher als in der 54. Minute fällig gewesen.

Das 3:3-Abwehrbollwerk der HSG blieb für die Mannheimer weiter ein »Aktenzeichen XY ... ungelöst«. Bis 52 Sekunden vor Spielende, als die Schiedsrichter beim Stand von 30:29 Wetzlars Alois Mraz für eine - allerdings zeitstrafenwürdige - Abwehraktion die Rote Karte zeigten. Die Diskussionen darüber in der entscheidenden Phase der Partie kosteten dann jene Konzentration, die fehlte, als Andy Schmid 20 Sekunden vor dem Ende mit dem 31:29 den Rhein-Neckar Löwen den Sieg sicherte.

»Wir hatten bis 20 Sekunden vor Schluss die Chance auf einen Punkt. Wie in Melsungen. Schade, es war mehr drin«, trauerte Daniel Valo, der zusammen mit Steffen Fäth und Fannar Fridgeirsson eine starke Angriffsreihe gebildet hatte, seine Enttäuschung zum Ausdruck. Thorsten Storm, der Löwen-Manager, wusste den Erfolg schnell einzuordnen. »Früher hätte man hier genörgelt: ›Oh, nur mit zwei Toren gegen Wetzlar gewonnen.» Heute gab es Standing Ovations.« Auch Nationalmannschaftslinksaußen Uwe Gensheimer bekräftigte, dass die Wetzlarer ihnen alles abverlangt hatten: »Die Situation war neu für uns. Das war unsere erste Partie in dieser Saison, in der der Spielausgang in den letzten fünf Minuten noch offen war.«

Wer die Überlegenheit und die Aggressivität der offensiven 6:0-Deckung der Löwen in den ersten 20 Minuten, in denen Wetzlar vor allem gegen Ekdahl du Rietz kein Bein auf die Erde brachte, noch in Erinnerung hatte, hätte nie und nimmer mit solch einer Wendung des Spieles und einer solch dramatischen Endphase gerechnet. Bei Wetzlar aber blieb auch das Gefühl einer permanenten 7:8-Unterzahl, das Trainer und Mannschaft auch auf der Rückfahrt noch beschäftigt haben dürfte…

Rhein-Neckar Löwen: Landin, Stojanovic; Schmid (6), Gensheimer (7/3), Roggisch, Sesum(3), Isaias Guardiola (n.e.), Gerlich (n.e.), Myrhol (5), Steinhauser (2), Gedeo Guardiola, Petersson (2), Bitz (n.e.), du Rietz (6).

HSG Wetzlar: Weber, Marinovic; Schmidt (2), Fridgeirsson (1), Tiedtke (2), Rompf, Valo (5), Mraz (2), Philipp Müller, Reichmann (1), Fäth (8/1), Michael Müller (4), Harmandic (2), Kristjansson (2).

Im Stenogramm / Zuschauer: 5375. - Zeitstrafen: Sesum (30.), Steinhauser (57.), Du Rietz (5./alle Rhein-Neckar Löwen); Schmidt (48.), Tiedtke (17.), Philipp Müller (4., 11.), Reichmann (42.), Michael Müller (40.). - Rote Karte: Mraz (60.). - Spielfilm: 4:0 (5.), 10:5 (15.), 15:10 (22.) 20:16 (HZ.), 21:20 (36.) 27:22 (45.), 30:29 (58.) 31:29 Endstand. - Siebenmeter: 4/3 (Gensheimer scheitert an Weber):2/1 (Harmandic scheitert an Landin Jacobsen). - Schiedsrichter: Immel/Klein (Tönisvorst/Ratingen).

 

Quelle: Gießener Allgemeine Zeitung