„Ich bin froh, dass sich die Mannschaft wieder selbst belohnt!“

Geschäftsführer Björn Seipp im Interview

DKB Handball-Bundesliga

Der Geschäftsführer der HSG Wetzlar, Björn Seipp, äußert sich im Interview zur aktuellen Situation beim mittelhessischen Traditionsclub

Mit 8:14-Punkten stand die HSG Wetzlar vor Wochenfrist, nach Niederlagen gegen die Aufsteiger aus Bietigheim und Erlangen, noch auf Platz 15 der Tabelle, gerade einmal einen Platz vor den Abstiegsrängen. Nicht wenige sprachen von einer „bedrohlichen Situation“ für den Club, der auf zahlreiche verletzte Leistungsträger verzichten musste und immer noch muss. Spätestens seit der vergangenen Woche stellt sich die Ausgangslage für die HSG Wetzlar jedoch zumindest etwas entspannter da. Mit einem Auswärtssieg in Friesenheim (29:23) und dem deutlichen Heimerfolg über den Bergischen HC (25:18) konnten die Grün-Weißen vier wichtige Zähler sammeln und den Abstand auf den Tabellenkeller vergrößern. Grund genug, um mit Geschäftsführer Björn Seipp (40) auf die vergangenen Tage zurück zu blicken und die Situation der Mittelhessen zu beleuchten.

Herr Seipp, wie viele Steine sind Ihnen in der vergangenen Woche vom Herzen gefallen?

Björn Seipp: „Doch so einige – aber ganz bestimmt nicht nur mir, sondern allen, denen die HSG Wetzlar am Herzen liegt. Die Siege in Friesenheim und zu Hause gegen den Bergischen HC haben uns allen wieder etwas Luft zum Durchatmen gegeben.“

Was sind die Gründe dafür, dass die HSG Wetzlar ihren Negativlauf der Vorwochen stoppen konnte?

Björn Seipp: „Dafür gibt es mehrere Gründe! Zum einen war es für die Mannschaft wichtig, auch mental, dass mit Evars Klesniks und Florian Laudt zwei wichtige Stammspieler in den Kader zurückgekehrt sind. Dadurch hat allen voran die Abwehr an Stabilität gewonnen. Auf der anderen Seite war es sicherlich für alle gut, dass wir uns nach der Heimniederlage gegen Bietigheim zusammengesetzt haben, um gemeinsam und unaufgeregt unsere Situation zu beleuchten. Die Mannschaft hat die an Sie ausgesendeten Signale verstanden und darauf hervorragend reagiert.“

Von welchen Signalen sprechen Sie in diesem Fall?

Björn Seipp: „Davon, dass wir klar beleuchtet haben, dass wir uns Mitten im Abstiegskampf befinden – und das aufgrund des unfassbaren Verletzungspechs zum größten Teil unverschuldet.“

Wie müssen wir das verstehen?

Björn Seipp: „Wir hatten im Sommer keinen großen personellen Umbruch und haben eine hervorragende Vorbereitung absolviert, was sich auch im Saisonstart wiederspiegelte. Mit dem deutlichen Auswärtssieg in Minden, dem Heimerfolg gegen Lemgo und dem doppelten Punktgewinn in Hamburg sind wir grandios in die Spielzeit gestartet. Doch dann haben uns die Verletzungen heimgesucht und die eingespielte Mannschaft wurde auseinander gerissen. Ich glaube, dass kein Team in unserer Tabellenregion verkraften kann, wenn Leistungsträger wie Tiedtke, Fäth, Holst, Klesniks oder Tönnesen langfristig und über einen längeren Zeitraum zeitgleich fehlen. Wären wir komplett geblieben, bin ich mir sicher, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt einige Punkte mehr auf dem Konto hätten. Aber das Leben ist kein Konjunktiv! Genau das haben wir besprochen und dem Team verdeutlicht, nämlich dass hier niemand etwas für diese personellen Rückschläge kann, aber wir uns jetzt voll mit dem Saisonziel Klassenerhalt identifizieren müssen. Die Heimniederlage gegen Bietigheim war ein Schuss vor den Bug und die liegengelassenen Punkte sind nur schwer verdaulich - aber das gesamte Umfeld des Clubs, also Fans, Sponsoren und Medien sind ruhig geblieben und heute ist klar, dass die Mannschaft daraus die richtigen Schlüsse gezogen hat!“

Die da wären?

Björn Seipp: „Dass wir unsere Spiele, wie generell im modernen Handball, über die Abwehr gewinnen müssen! Mit der notwendigen Körpersprache, Aggressivität und Galligkeit über die vollen 60 Minuten. Das hat die Mannschaft absolut verinnerlicht und in den darauffolgenden Spielen toll umgesetzt. Nur 61 Gegentore in drei Spielen sprechen für sich.“

In wie weit hat auch die Nachverpflichtung von Vladan Lipovina eine Rolle gespielt?

Björn Seipp: „Ich denke, dass es ein weiteres wichtiges Signal war, um zu verdeutlichen, dass hier alle an einem Strang ziehen – Spieler, Trainer und Verantwortliche. Sicherlich ist klar, dass wir gegen Bietigheim und Erlangen nicht verloren haben, weil uns ein Linkshänder im rechten Rückraum gefehlt hat. Aber mit der Verpflichtung von Vladan, der ein großes Talent ist, haben wir der Mannschaft verlorengegangene Optionen in Angriff und auch in der Abwehr zurückgeben können. Zum Beispiel hat nach dem Ausfall der beiden Linkshänder Ivano Balic im rechten Rückraum spielen müssen, was er zweifelsohne toll gemacht hat, aber in Friesenheim und gegen den Bergischen HC hat man gemerkt, wie sehr er uns dadurch in der Rückraum Mitte gefehlt hat.“

Was denken Sie, wann die noch verletzten Spieler in den Kader zurückkehren können?

Björn Seipp: „Bei Maximilian Holst, der sich leider früh in der Saison das Kreuzband gerissen hat, ist das zum jetzigen Zeitpunkt noch schwer abzusehen. Er macht in der Reha gute Fortschritte, arbeitet hart an seinem Comeback und ist auch so gut es geht bei der Mannschaft. Klar ist, dass wir ihm jede Zeit geben, die er braucht, um wieder vollständig fit zu werden. Bei Kent Robin Tönnesen wird es nach seinem Muskelbündelriss sicherlich auch bis Jahresende dauern, bis wir wieder auf ihn zählen können. Es handelt sich um eine sehr unbequeme Verletzung, die konsequent ausgeheilt werden muss. Auch bei ihm wollen wir, so ist es auch der Wunsch des Spielers, kein Risiko gehen. Die Jungs sind bei unseren Ärzten und in ihrer jeweiligen Reha gut aufgehoben und werden professionell betreut und unter ständiger Beobachtung gefordert.“

Sie hatten im Vorfeld der Englischen Wochen von einem „heißen Herbst“ gesprochen! Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Björn Seipp: „Ich bin froh, dass wir mittlerweile sportlich die Kurve bekommen haben und sich die Mannschaft für ihren unermüdlichen Einsatz auch wieder selbst belohnt. Wir haben eine charakterlich tolle Mannschaft, die eine unglaublich Moral besitzt und alle Rückschläge personeller Art klaglos weggesteckt hat. Bis auf die Niederlage zu Hause gegen Bietigheim haben die Ergebnisse grundsätzlich gepasst. Diese beiden verlorenen Punkte müssen wir uns im weiteren Saisonverlauf mit einer Überraschung zurückholen, wozu wir auch, wenn alle gesund bleiben, in der Lage sind. Ich denke, dass man in dieser Saison, aufgrund der Teilnehme von 19 Mannschaften und einem starken Aufsteiger aus Erlangen, mindestens 28 Punkte braucht, um in der Liga zu bleiben und nur das muss unser Ziel sein! Damit das gelingt, heißt es bis zum Jahresende noch ein paar Siege einzufahren. Egal wie und wo!“