"In manchen Spielen erzielen wir zehn Treffer per Gegenstoß"

Vater des Erfolges: Trainer Kai Wandschneider.

DKB Handball-Bundesliga

Trainer Kai Wandschneider im DKB HBL-Interview der Woche über Strategien, Entwicklungen und Perspektiven.

Kai Wandschneider hat ganze Arbeit geleistet. Der Coach der HSG Wetzlar kam im März dieses Jahres zum hessischen Erstligisten, um dort als Feuerwehrmann der HSG die Klasse zu retten. Und ganz still und leise formte der langjährige Dromagener Trainer aus einem Abstiegskandidaten einen ernstzunehmenden Erstligisten, der in dieser noch jungen Spielzeit schon mit einigen überraschenden Ergebnissen – unter anderem gewann die HSG daheim gegen den HSV Hamburg – aufwarten konnte. Am morgigen Freitag tritt der 52 Jahre alte Handball-Experte mit seinem Team daheim gegen die TSV Hannover-Burgdorf an. Zuvor aber stand er für das Interview der Woche zur Verfügung.

Sie haben sich nach vielen Jahren in Dormagen offensichtlich gut eingelebt in Ihrer neuen hessischen Heimat.
Kai Wandschneider: Es gab schon ein paar Dinge, die hier anders waren als zuvor in Dormagen. Ich musste mich hier zunächst an das verstärkte Medieninteresse gewöhnen. In Dormagen gab es beispielsweise nur eine Tageszeitung, die über unsere Mannschaft berichtete. Hier in Wetzlar und im Raum Gießen ist das deutlich mehr.

Sie galten damals als Dormagener Urgestein.
Kai Wandschneider: Das kann man so sagen. Insofern hat mir nach über zehn Jahren bei Bayer Dormagen die monatelange Pause sehr gut getan. Ich war in der Schlussphase meiner Zeit dort richtig platt. Alle Spieler, die ich über die vielen Jahre dort ausgebildet habe, sind immer wieder zu anderen Vereinen gegangen. Ich habe gerade in diese Arbeit viel Kraft gesteckt. Doch nach acht Monaten ohne Handball war ich froh über die neue Aufgabe hier in Wetzlar. Das war zwar zu Beginn auch schwierig, weil die Mannschaft auf einem Abstiegsplatz stand. Aber alle Spieler haben hier bemerkenswert mitgezogen, auch wenn es sicher gedauert hat, bis die neuen Dinge gegriffen haben. Am Ende der vergangenen Saison waren alle glücklich, dass wie den Klassenverbleib geschafft hatten.

Und dann legen Sie mit der Mannschaft einen solchen Saisonstart hin. Kann man mit so einer Entwicklung rechnen?
Kai Wandschneider: Absolut nicht. Aber hier sind ein paar sehr positive Dinge passiert. Zum Beispiel der Heimsieg gegen den HSV Hamburg, auch wenn man den sicher ein wenig relativieren muss. In Olympiajahren sind Spitzenteams immer ein wenig anfällig zu Beginn einer Saison, weil deren Saisonvorbereitung zwangsläufig nicht optimal ist. Wir haben ja auch schon mal mit Bayer Dormagen an einem ersten Spieltag in Kiel gepunktet. Dennoch muss einem ein solcher Erfolg gegen den HSV erst einmal gelingen. Und dann gelang der Mannschaft der ersten Sieg nach sechs erfolglosen Anläufen beim Auswärtsspiel in Balingen. Das gab natürlich jede Menge Selbstvertrauen. Doch gerade jetzt, wo es gut läuft und die Stimmung richtig gut ist, gilt es wachsam zu bleiben und konzentriert weiter zu arbeiten.

Sie kamen, als die Mannschaft mitten im Abstiegskampf steckte. Fordern Sie solche Situationen heraus?
Kai Wandschneider: Man könnte geneigt sein, das zu glauben. Tatsächlich aber wurde ich schon im Jahr 2000, nachdem ich gerade mal vier Wochen in Dormagen als Co-Trainer unter Gudmundur Gudmundsson gearbeitet hatte, in die Verantwortung genommen, als Bayer tief im Abstiegskampf steckte und darüber hinaus Konsolidierungsmaßnahmen des Klubs die Arbeit zusätzlich erschwerten. Das ist natürlich nicht einfach, aber damals hatte ich Kraft ohne Ende, ich hatte den Kopf frei und konnte 24 Stunden am Tag für die Mannschaft arbeiten. Und vielleicht war mein Schwung und mein Optimismus damals genau so ansteckend wie heute in Wetzlar.

Und jetzt haben Sie in Wetzlar aus einem vermeintlichen Abstiegskandidaten eine funktionierende Erstligagtruppe geformt. Wie geht das?
Kai Wandschneider: Ich habe mich natürlich schon gefragt, wo ich ansetzen kann. Insgesamt haben wir das Tempo des Spiels der HSG erhöht. Wir spielen konsequent eine Schnelle Mitte, laufen viel mehr Gegenstöße als früher, spielen die erste und auch die zweite Welle mit Varianten und haben uns einige offensive Abwehrvarianten erarbeitet. In manchen Spielen erzielen wir zehn Treffer und mehr per Gegenstoß. Das ist bemerkenswert. Zudem wird rund um das Team sehr professionell gearbeitet. Ich habe aus Dormagener Zeiten meinen Athletiktrainer Thorsten Ribbecke mitgebracht. Auch das gibt einen zusätzlichen Schub. Und wir arbeiten hier eng mit der Uni Gießen in sportwissenschaftlichen Dingen zusammen. Aber die Schwerpunkte lagen schon im handballtaktischen Bereich.

Auch psychologisch waren Sie gefordert…
Kai Wandschneider: …weil die Mannschaft anfangs sehr verunsichert war. Ich habe ja Psychologie studiert, und mit diesem Hintergrund habe ich versucht, das Selbstvertrauen der Spieler zu stärken, ihre jeweiligen Stärken in den Vordergrund zu stellen. Ich habe extrem viele Einzelgespräche geführt und überlegt, wer was besonders gut kann.

Sie haben mit Nationalspieler Michael Müller prominente Verstärkung im Kader bekommen. Das allein aber wird kaum der Grund für die Leistungssteigerung gewesen sein, oder?
Kai Wandschneider: Nein, sicher nicht. Aber Michi spielt eine ganz wichtige Rolle. Er hat von Beginn an den Eindruck vermittelt, dass er der richtige Kapitän für diese Mannschaft ist. Er ist einer, der vorangeht, der sagt, was er denkt, der unangenehme Dinge anspricht und auch mal mit der Faust auf den Tisch haut, wenn es erforderlich ist. Das alles aber auch auf der Basis von Leistung.

Der Klassenverbleib und der unerwartet gute Saisonstart waren dann wohl auch die Gründe für die vorzeitige Vertragsverlängerung?
Kai Wandschneider: Solch ein Vertrauen muss sich aufbauen. Der Klassenverbleib in der vergangenen Saison war sicher ein erster Schritt. Dadurch verlängerte sich mein Vertrag zunächst einmal um ein Jahr bis Sommer 2013. Und dann liegt es möglicherweise auch an ein paar außergewöhnlich gewonnenen Punkten und daran, dass man sieht, dass einige Dinge, die ich mache, ganz offenbar Sinn machen.

Wie kann es sein, dass eine Fachkompetenz wie Ihre vor Ihrem Engagement in Wetzlar über Monate nicht gefragt war. 
Kai Wandschneider: Das ist eine Frage, die Sie denen stellen müssen, die Trainer verpflichten. Ich hatte in den Monaten zwei Angebote aus der 2. Liga, die aber aus unterschiedlichsten Gründen für mich nicht in Frage kamen. Der erste der beiden Klubs ist schon kein Zweitligist mehr, der andere spielt weit unten. Das war für mich nicht die gewünschte Herausforderung. Der Erstligamarkt war eng. Es gab zwar einige Trainer-Umbesetzungen, aber ich spielte dabei keine Rolle.

Über zehn Jahre trainierten Sie mit Bayer Dormagen einen Dauer-Abstiegskandidaten. Waren Sie zu lange dort, um sich einen großen Namen zu machen.
Kai Wandschneider: Das wird sicher damit zusammenhängen. Ich hatte offenbar schnell den Stempel erhalten: Der kann ja nur mit jungen Leuten. Dabei habe ich anfangs in Dormagen mit Olympiasiegern und Weltmeistern gearbeitet. Und für meine späteren Jahre in Dormagen gilt: Die Leistung des Schwächeren ist nicht unbedingt die schwächere Leistung.

In Wetzlar läuft gerade vieles richtig gut. Zieht das Umfeld – Zuschauer und Sponsoren – mit?
Kai Wandschneider: Tatsächlich betrifft das einen anderen Aufgabenbereich als meinen. Aber da wir eine ausgesprochen gute Kommunikation untereinander haben, kann ich zumindest sagen, dass in wirtschaftlicher Hinsicht hier absolut seriös gearbeitet wird. Getreu dem Motto: Klein, aber fein. Das hat auch die HBL dem Klub bestätigt.

Perspektivisch gefragt: Wo soll es mit der HSG hingehen und wo liegen Grenzen in der Entwicklungsmöglichkeit?
Kai Wandschneider: Zuerst einmal ist die HSG noch immer gezeichnet von der vergangenen Saison, weshalb der frühestmögliche Klassenverbleib hier das erste Saisonziel ist. In der Etat-Rangliste belegt die HSG lediglich Rang 15. Das sind die Rahmenbedingungen, unter denen hier gearbeitet wird. Wir müssen es mit intelligenten Strategien hinbekommen, dass wir in der Tabelle besser sind.