Joao Ferraz: „Es ist normal, für seine Ziele viel und hart zu arbeiten!“

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DKB Handball-Bundesliga

Portugiesischer Linkshänder der HSG Wetzlar spricht im Interview mit der Gießener Allgemeinen Zeitung über seine Integration, die „stärkste Liga der Welt“ und seine Ziele!

Mit 8 Jahren fing er mit Tischtennisspielen an, doch das machte ihm keinen Spaß. Dann fand er über die Schulmannschaft, die einen Linkshänder suchte, den Weg zum Handball und dieser Sport wurde letztlich zu seinem Beruf. Die Rede ist von Joao Ferraz, dem portugiesischen Neuzugang des Handball-Erstligisten HSG Wetzlar. Der 25jährige Nationalspieler wechselte im Sommer vom FC Porto an die Lahn und ist laut HSG-Trainer Kai Wandschneider "aus dem Team nicht mehr wegzudenken". Auch aufgrund seiner starken Leistungen konnte die HSG Wetzlar den erfolgreichsten Saisonstart in ihrer Erstliga-Geschichte feiern. Im Interview mit dem Medienpartner der Grün-Weißen, der Gießener Allgemeinen Zeitung, ließ der 1,98 Meter große Rückraumspieler die Öffentlichkeit jetzt in sein Privatleben und seine Gefühlswelt blicken.

„Die ersten Wochen in Deutschland waren schon sehr schwer – wegen des  Essens, des Klimas und der neuen Sprache. Aber ich habe es von der HSG Wetzlar sehr einfach gemacht bekommen, da kam sehr viel! Wir haben uns gerade zu Beginn auch häufig mit der kompletten Mannschaft getroffen, sodass wir schnell zusammengerückt sind“, verrät Ferraz. „Gerade unser Kapitän Steffen Fäth hat mir den Einstieg sehr einfach gemacht. Er hat mir gezeigt, wo ich einkaufen gehen konnte und war immer da, wenn ich Fragen hatte. Dann noch Carlos Prieto und Guillaume Joli, die für mich ins Spanische übersetzen, wenn ich Anweisungen nicht verstehe. Das klappt anscheinend ganz gut. Unser Trainer Kai Wandschneider hat mir erklärt, was er von mir erwartet. Und ich habe versucht, das mit viel, viel Arbeit zu erreichen, und ins Team zu kommen. Das Klima in der Mannschaft ist toll und es macht eine Menge Spaß, hier zu spielen.“

In neun Spielen hat der Linkshänder bereits 41 Feldtore erzielt, darunter den wichtigen Siegtreffer im ersten Auswärtsspiel vom TVB Stuttgart, der seinen neuen Verein erfolgreich in die Saison starten ließ. „Die Ligen sind überhaupt nicht zu vergleichen. In Portugal hast du neben dem FC Porto noch Benfica und Sporting Lissabon sowie ABC Braga, die konkurrenzfähig sind. Das heißt, dass du in einer Saison nur sechs schwere Spiele hast. Bei den anderen Begegnungen weißt du einfach ab einer bestimmten Minute, dass du auf jeden Fall gewinnen wirst. In Deutschland hingegen musst du auch gegen den Tabellenletzten 100 Prozent geben, sonst verlierst du. Es ist die beste Liga der Welt“, beschreibt Ferraz sein neues Arbeitsumfeld. „Darüber hinaus ist die Struktur ganz anders: Du hast in Portugal kaum ausverkaufte Hallen, das ganze Spektakel beim Einlaufen gibt es nicht. Außerdem gehst du hier nach dem Spiel in den VIP-Bereich, zeigst dich dort den Fans und Sponsoren. In Portugal sind wir nach dem Spiel einfach nach Hause gegangen.“

Vor seinem ersten Heimspiel in der Wetzlarer Rittal Arena sei er schon sehr aufgeregt gewesen, gibt der 25jährige offen zu. „Es war ein Kindheitstraum von mir, in der Handball-Bundesliga zu spielen. Und es war der Hauptgrund für den Wechsel. Ich bin super glücklich, dass ich hier bin. Für mich war es beimersten Heimauftritt gegen Berlin enorm wichtig, gut ins Spiel zu kommen. Ich habe mich total auf die Spielzüge konzentriert, die wir geübt hatten. Denn es war nicht einfach, mir die ganzen Namen und Abläufe zu merken. Ich wollte sicher spielen, keine Fehler machen und der Mannschaft helfen. Das hat in diesem Spiel dann leider nur bedingt geklappt“, so Ferraz. „Das Selbstvertrauen kam erst nach und nach, durch gute Aktionen oder Tore. Der Prozess hat sichüber das erste Spiel hinaus gezogen.“

Heute hat sich der Student für erneuerbare Energien bereits jede Menge Respekt in der Liga erarbeitet und glänzt nicht nur durch einen platzierten Wurf und überraschende Anspiele, sondern auch durch eine aggressive Deckungsarbeit. „Ich bin sehr froh, dass ich heute hier in Wetzlar bin. Den ersten Kontakt mit der HSG gab es beim Champions-League-Spiel von Porto beim THW Kiel vor zwei Jahren“, verrät Ferraz, dem für die laufende Spielzeit auch  Angebote aus Mazedonien, Spanien, Frankreich und Ungarn vorgelegen hatten. „Damals hatte Porto aber direkt gesagt, dass sie mich nicht gehen lassen. Etwas konkreter ist es dann letztes Jahr während des EHF-Pokals geworden, als wir in Berlin gespielt haben.“ Auf die Frage, ob die HSG Wetzlar denn vorher überhaupt gekannt habe, folgt ein breites Lächeln. „Klar, ich habe immer nach den Ergebnissen in der Bundesliga geguckt. Und nicht zuletzt seit Ivano Balic kennt wohl jeder unseren Club.“

Klare Ziele verfolgt der Portugiese, den sein Trainer Kai Wandschneider einen harten Arbeiter nennt. „Es ist ja ganz normal, dass man für die Ziele, die man sich setzt, viel und hart arbeiten muss. Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit. Ich habe vom Beginn meiner Karriere an immer hart trainiert, denn ich wollte und will weit kommen“, so der Linkshänder, der von der Insel Madeira stammt. „Ich will mich natürlich noch in allen Dingen verbessern, auch im Entscheidungsverhalten. In Deutschland trainiert man das tatsächlich sehr viel mehr als in Portugal. Man wird natürlich auch besser, je besser man die Mannschaft, die einzelnen Spieler und die Spielzüge kennt. Ich denke, einiges wird auch automatisch kommen.“

Es gibt aber etwas, was dem 25jährigen in Wetzlar fehlt. „Natürlich die Familie und das Wetter! Aber auch der Kaffee! Die Leute hierzulande gehen nicht so oft raus auf die Straße, treffen sich mit anderen, vielleicht gerade wegen desWetters. Sonntags sind hier alle Geschäfte geschlossen, das ist in Portugal nicht so. Da kannst du ganz normal einkaufen gehen. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Außerdem fehlt mir das Reinigungsmittel für meine Schuhe! In Portugal haben wir mit diesem Mittel die Harzreste entfernt. Das geht eben momentan nicht so, wie ich es gewohnt bin. Ich habe hier überall gesucht, aber es nicht gefunden. Jetzt werde ich es mir aus Portugal zuschicken lassen.“