Katharina Dietsch: „Immer auf meine Jungs konzentriert!“

Bildquelle: Oliver Vogler

DKB Handball-Bundesliga

Physiotherapeutin des Handball-Erstigisten HSG Wetzlar im Interview mit Daniela Pieth von der Gießener Allgemeinen Zeitung

Kaum jemand darf an die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar so nah ran, wie Katharina Dietsch. Die 28-jährige Physiotherapeutin knetet, dehnt, streckt, drückt und taped die Profi-Sportler Tag für Tag. „Wenn der Motor nicht läuft, kannst Du kein Rennen gewinnen“, lautet das Credo von Katharina Dietsch. Seit der Saison 2009/2010 ist die gebürtige Wetzlarerin bei den Grün-Weißen dabei, seit 2013 eigenverantwortlich. Selbst hat sie nie Handball gespielt, nur Fußball, mit Dominik Stroh-Engel, der jetzt beim SV Darmstadt 98 in der Bundesliga stürmt. Bei Spielen fungiert sie als Wasserträger, Handtuch-Anreicher und Ersthelferin. Wenn einer ihrer „Jungs“ am Boden liegt, kann sie es kaum abwarten, aufs Spielfeld zu dürfen. Beim Interview in der eigenen Praxis dient die Behandlungsliege als Schreibtisch, ist Hund Chuma an ihrer Seite. Der Rhodesian-Ridgeback ist auch im Training der HSG gern gesehen, bringt Stimmung in die Mannschaft und sorgt auf seine ihm eigene Art für Lacher.

Wie sehen Sie die sportliche Situation bei der HSG Wetzlar?

Katharina Dietsch: "Was momentan bei uns los ist, ist der Wahnsinn. Nach den Spielen, wie am Samstag gegen Balingen, gehst Du raus und denkst: Eigentlich gibt‘s das gar nicht. Es herrscht ein super Klima im ganzen Team, Trainern, Betreuer und auch in der Mannschaft, es passt einfach sehr gut. Trainer Kai Wandschneider hat ein sehr gutes Gefühl, was Trainingspensum und -inhalte betrifft. Er ist jedes Mal super vorbereitet und schafft es immer wieder, die Jungs in den Ansprachen zu kitzeln. Sie setzen um, was er einfordert, da ist keiner dabei, der aus der Reihe tanzt."

Wie sehen Sie Ihre Rolle in diesem Team?

Katharina Dietsch: "Für den Spieler ist der Körper sein Kapital. Wir haben in dieser Saison Glück - bisher keine großen Verletzungen. Die medizinische Abteilung ist schon wichtig. Meine Arbeit ist einfach, die Jungs zu pflegen. Das bedeutet nicht nur, sie zu massieren und zu schauen, ob alles da sitzt, wo es sitzen soll. Ich habe einen guten Draht zu den Jungs, die erzählen mir auch vieles. Es ist sehr wichtig, dass sie mit der Behandlung zufrieden sind. Wenn Du Deinen Körper nicht pflegst, kannst Du so ein Pensum wie in der Bundesliga nicht leisten. Klar, als Erstes stehen die Jungs und der Trainer. Trotzdem ist mein Job immens wichtig. Ich bin die Erste, die im Training ist, und die Letzte, die geht. Die im Trainingslager als Erste aufsteht und als Letzte ins Bett geht."

Wie weit fungieren Sie da als „Kummerkastentante“?

Katharina Dietsch: "Kommt immer drauf an. Wenn gerade kein anderer im Behandlungsraum ist, kommen dann schon mal irgendwelche Sorgen auf den Tisch. Bei den älteren Spielern kommen Fragen: Was passiert nach meiner Karriere? Wenn man weiß, es steht ein Wechsel an: Wie ist das mit der neuen Situation, der neuen Umgebung. Oder auch familiäre Sachen. Mit manchen Spielern hat man einen engeren Draht, die erzählen dann auch mehr."

Wie ist das so für Sie, als Frau in dieser Männerwelt? Im Kern-Team, in der Mannschaft,  sind sie ja die einzige Frau.

Katharina Dietsch: *lacht* "Ich komme mit Männern ganz gut klar. Teilweise besser, als mit Mädels, weil die mir zu zickig sind. Es gibt da schon Unterschiede bei Männer- und Frauenmannschaften. Bei den Männern geht es lockerer zu. Da knallt es zwar auch mal, wird mal auf den Tisch gehauen, aber dann ist es wieder gegessen. Ich bin eher unkompliziert, es macht mir einfach Spaß und es ist auch witzig. Und bei manchen Themen denkt man sich: Jungs eben."

Die haben dann also keine Scheu, in ihrem Beisein mal einen rauszuhauen?

Katharina Dietsch: "Nein. Ich bin jetzt auch schon so lange dabei, dass die sich nicht zurückhalten, bloß weil ich ein Mädel bin. Ich war auch bei zwei Abschlussfahrten mit dabei. *lacht* Das ist wirklich unkompliziert, die sind schon locker."

Werden Sie nach Siegen, wie zum Beispiel vor einigen Wochen gegen Flensburg, mal mit unter die Dusche gezerrt?

Katharina Dietsch: "Das ist schon passiert. *lacht* Wenn die Jungs austeilen, gibt es irgendwann die Retourkutsche. Ich sage denen aber auch, wenn mir was nicht passt, mir etwas gegen den Strich geht."

Haben Sie einen „Spock-Griff“, mit dem sie jeden der Spieler kriegen?

Katharina Dietsch: "Ja, ich habe schon die eine oder andere Technik, die jetzt nicht so beliebt ist. Wenn zum Beispiel das Therapie-Stäbchen ausgepackt wird, sagen die Jungs schon: Steck das wieder ein. Aber fürs Streicheln werde ich nicht bezahlt."

Wie bedeutsam ist Ihr Job im heutigen  Leistungssport?

Katharina Dietsch: "Die Physiotherapie ist sehr wichtig. Jeder Sportler kann nur an die Leistungsgrenze gehen, wenn er körperlich fit ist. Du kannst als Sportler die besten Voraussetzungen haben, das größte Talent sein. Ein, zwei blöde Verletzungen - und schon ist alles ganz schnell vorbei. Dazu gehört auch die Betreuung im Spiel, was der Zuschauer meist gar nicht mitbekommt. Ein Spieler bekommt irgendwo eine rein, es zieht und zwickt. Das versuche ich dann auf der Bank oder in der Auszeit wieder einigermaßen zu richten, damit er weiterspielen kann. Das ist schon ein Posten, der oftmals als selbstverständlich angesehen wird, der aber einer gewissen Wertschätzung bedarf. Ich bin jetzt seit drei Jahren dabei, das gibt es nicht so häufig in der Liga. Oft sind die Physiotherapeuten fest angestellt oder es ist ein Team. Dafür bin ich überall dabei. Training, Testspiele, Trainingslager. Überall, wo etwas passieren kann, muss die Erstversorgung gewährleistet sein. Man stelle sich vor, Steffen Fäth blutet am Knie. Er ist in dem Moment der, der vorne die Akzente setzt, gerade einen Lauf hat. Da muss alles ganz schnell gehen. Da würde sich Kai nicht freuen, wenn ich erst mal zehn Minuten brauche, um dem einen Pflaster oder Verband zu verpassen."

Würden Sie den Weg so wieder gehen?

Katharina Dietsch: "Ja. Natürlich habe ich in meiner Karriere auch nicht so tolle Erfahrungen gemacht. Aber die gehören im Leben dazu, damit man sich weiterentwickelt und reift. Du musst diesen Job lieben, mit dem Herzen dabei sein. Und ich bin stolz darauf, was ich erreicht habe. Aber ich renne jetzt nicht durch die Gegend und schreie: Ich bin die Physiotherapeutin der HSG Wetzlar. Klar ist es cool, wenn Du in die Arena einläufst und da sitzen 4000 Leute. Das blende ich aber aus und bin auf meine Jungs konzentriert."

 Quelle: Daniela Pieth/Gießener Allgemeine Zeitung