Keine schöne Qualität, aber sie zählt

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HSG Wetzlar mit mäßigen Leistungen zu sieben Punkten Hüttenberger Negativerfahrungen

Soll man eine Kassette nehmen und sie immer wieder abspielen? In der Handball-Bundesliga der Männer verlaufen die Spieltage aus heimischer Sicht seit dem Saisonstart stets nach dem gleichen Muster. Der Etablierte, die HSG Wetzlar, gewinnt zu Hause und verliert auswärts. Der Newcomer, der TV 05/07 Hüttenberg, bedrängt seine Gegner einigermaßen und beschwört Stimmung und Moral, verlässt am Ende aber immer als Verlierer das Parkett.

 

Dabei verschwimmen schon einmal die Aussagen. Die Wetzlarer nämlich spielen handballerisch noch längst nicht auf dem Niveau des Vorjahres, sind aber stabil genug, dass sie mittlerweile selbst an schwachen Tagen für positive Ergebnisse sorgen. Die Hüttenberger loben die vollen Hallen und die tolle Unterstützung von den Rängen, obwohl gerade die Älteren wissen, dass es früher viel enger, viel heißer, viel emotionaler zugegangen ist.

Was die HSG Wetzlar betrifft, so hat Trainer Gennadij Chalepo nach der 23:23-Partie gegen HBW Balingen/Weilstetten am Freitag erstmals öffentlich Ansätze unternommen, sein Team stärker in die Pflicht zu nehmen. »Das war das schlechteste Spiel, seit ich hier Trainer bin«, stellte sich der 42-Jährige nicht mehr ganz so frontal vor sein Team wie bisher. Eine Angriffsquote unter 50 Prozent und technische Fehler in schwindelerregender Dimension waren ein deutliches Warnsignal für Trainer und Mannschaft.

Es mag durchaus eine Qualität sein, wenn man als Erstligist schon so weit gereift ist, sich selbst über derart blutarme Auftritte zu Punktgewinnen zu retten. Gegen Eintracht Hildesheim, TV 05/07 Hüttenberg, Bergischer HC und HBW Balingen/Weilstetten mag das noch ausreichend gewesen sein, nunmehr aber geht es zum TV Großwallstadt sowie im DHB-Pokal gegen die SG Flensburg/Handewitt, wo aus der »4« schnell ein mangelhaft bzw. ungenügend werden kann.

Das 23:23-Unentschieden gegen tempostärkere, taktisch versiertere und explosivere Schwaben war schmeichelhaft, wie Chalepo auch bestätigte: »Wir können am Ende froh sein, dass wir diesen einen Punkt geholt haben.« Fruchtlose Eins-gegen-eins-Aktionen gegen die offensive Balinger Defensive, die nacheinander auf der Mitte die Spielmacher Adnan Harmandic, Alois Mraz und Timo Salzer – wie schon 40 Minuten lang im Derby gegen Hüttenberg – verschliss, die anhaltenden Überzahlschwächen mit unerklärlichen Einzel- statt gebundenen Aktionen sowie der ständige Infight mit der HBW-Abwehr waren Indiz für eine Spielführung ohne Kopf und Verstand. Gennadij Chalepo verriet zwar nicht, was seine Spieler bei der Auszeit in der 29. Minute zu hören bekommen hatten; viel kann es aber nicht gewesen sein, denn es war eine der kürzesten Auszeiten der HSG-Geschichte.

Immer mehr erweist sich auch der HBL-Passus, die Schiedsrichter bis 48 Stunden nach Spielschluss nicht kritisieren zu dürfen, als Bumerang. Eine Woche zuvor in Hüttenberg hatten die Unparteiischen beim Catchen der Magdeburger Schwergewichte unter anderem eine eindeutige, sogar mit Zeitstrafe geahndete Attacke von SCM-Kreisläufer Bartosz Jurecki nicht mit Rot bestraft; am Freitag nun ruhten sich die Herren Immel/Klein auf diesem HBL-Persilschein aus.

An den Schiedsrichtern lag es aber nicht, dass der HSG Wetzlar nur ganz wenige gute Angriffsaktionen (16:14, Kreisabsetzen Harmandic, 43./17:15, Friedrich übers Zentrum gekreuzt, 44.) glückten. Diese hatten es den Jungwirth, Schmidt und Co. ja auch nicht verboten, gegen den 1,92 m großen Matthias Puhle im HBW-Tor flach zu werfen. Auch für die vergebenen 100-Prozentigen von Chalkidis, Hahn oder Müller waren die Referees nicht verantwortlich. Und dass sich die Gastgeber-Angreifer immer wieder zu vorschnellen Abschlüssen hinreißen ließen und gegen die wechselnden Abwehrstrategien viel zu hektisch agierten, war auch keinem Dritten geschuldet.

Verantwortlich für den Teilerfolg waren letztlich der Torwartwechsel Nikolai Weber für Nikola Marinovic in der 52. Minute, den Balingens Manager Bernd Karrer indirekt kommentierte: »Unsere Torhüter haben heute die Antwort auf den Torwart-Wechsel von Nikola Marinovic gegeben.« Sowie ein simpler handballerischer Aufsetzer-Bauerntrick, den Daniel Valo in der 56. Minute nach dem Motto »Der Zweck heiligt die Mittel« wieder zur Wetzlarer 22:21-Führung nutzte.

Im Endeffekt kommt es ohnehin auf die Formulierung der Sichtweisen an. Während die beiden Freitag-Kontrahenten das Ergebnis zu einem »in Zukunft vielleicht noch wichtigen Punktgewinn« analysierten, hatte in der objektiven Betrachtung keiner der Rivalen den Sieg verdient. Schon allein deshalb war es ein gerechtes Unentschieden.

24 Stunden später hatte der TV 05/07 Hüttenberg mit Rückkehrer Florian Laudt eine Überraschung in der Hand, das 25:26 bei Frisch Auf Göppingen war deshalb eine gefühlt schlimmere Niederlage als das 22:33 eine Woche zuvor gegen den SCM. »Es waren Kleinigkeiten«, wie Trainer Jan Gorr einräumte, die zum ersten Punkt im Oberhaus fehlten. »Flo« Laudt spürte nach seinem starken Comeback am Tag danach – so Gorr – kaum Nachwehen. Jetzt wird man in dieser Woche vor dem so wichtigen Heimspiel am Samstag gegen Mitaufsteiger Eintracht Hildesheim alles daransetzen müssen, den verletzten Timm Schneider auch auf Vordermann zu bringen. Seine Stauchung der Wurfhand hat sich glücklicherweise nicht als Bruch erwiesen, die in der vergangenen Woche getragene Schutzmanschette soll in dieser Woche wieder abkommen. Nach abschließenden Untersuchungen steht dann einem Einsatz des engagierten Allrounders hoffentlich nichts mehr im Wege.

Hatte jüngst Magdeburgs Trainer Frank Carstens den Hüttenberger Angriff gelobt (»Sie haben uns durch schnelle Seitwärtsbewegungen immer wieder düpiert«), so zollte Göppingens Velimir Petkovic der 3:2:1-Deckung des Neulings Respekt. Sollte der TVH am nächsten Samstag gegen das Hildesheimer Team von Volker Mudrow in beiden Bereichen überzeugen können und darüber hinaus das Hüttenberger Publikum nicht den Hallensprecher als Animateur benötigen, könnte es durchaus was werden mit einem Resultat in der Nähe der Fastüberraschung in Göppingen, auch wenn Frisch Auf ähnlich große personelle Probleme hatte. Für den weiteren Saisonverlauf wäre es von großer Bedeutung, wenn die Zeit der Hüttenberger Negativerfahrungen im Aufsteiger-Duell mit den Niedersachsen zu Ende gehen würde.

Ralf Waldschmidt