"Kinderlachen ist kostbar!" Kooperation mit Albert Schweitzer Kinderdorf Wetzlar

DKB Handball-Bundesliga

Handball-Erstligist unterstützt Arbeit von heilpädagogisch-therapeutischen Einrichtung der Jugendhilfe

Sport und Gesundheit sind wichtige Bestandteile der Gesellschaft. Ob in der Freizeit, in der Schule, im Verein, im Studium oder in der Therapie: Sport bereitet Freude, Sport sorgt für Ausgleich, Sport heilt – die körperliche Ertüchtigung trägt erwiesenermaßen zur besseren Gesundheit der Aktiven bei.  So wie auch der neue Kooperationspartner der HSG Wetzlar – allerdings auf ganz anderem Wege. Das Albert Schweitzer Kinderdorf Hessen e.V. hilft Kindern und Jugendlichen, die durch traumatische Erlebnisse psychischen und physischen Schaden erfahren haben. In verschiedenen Behandlungsmodellen wird durch die qualifizierten Mitarbeiter versucht, die Traumata aufzuarbeiten und eine Reintegration der Geschädigten in die Gesellschaft und in die Familien zu gewährleisten. Im Gespräch mit der HSG Wetzlar zeigt der Geschäftsführende Vorstand des Albert Schweitzer Kinderdorfes Wetzlar, Dr. Wolfram Spannaus, die Wichtigkeit der Einrichtung und die Bedeutung des Sports für die Kinder und Jugendlichen auf, und verdeutlicht zugleich die hoch differenzierte Betreuung des Individuums.

Herr Dr. Spannaus,  der breiten Öffentlichkeit ist der Begriff „Kinderdorf“ als eine sozial engagierte Einrichtung für Kinder sicherlich geläufig. Häufig kommt es aber auch zu Vermischungen oder Verwechselungen mit Institutionen wie Kindertagestätten oder Waisenhäusern, die ähnliche Aufgaben und Funktionen übernehmen, sich aber dennoch von einem Kinderdorf unterscheiden. Was kann man sich, beispielsweise als potentieller Spender, genau unter dem Albert Schweitzer Kinderdorf Hessen e.V. vorstellen?
Dr. Spannaus: "Das Albert Schweitzer Kinderdorf Wetzlar (ASK) ist eine heilpädagogisch-therapeutische Einrichtung der  ¬Jugendhilfe. Wir versuchen Kindern und Jugendlichen bei der Bewältigung und Verarbeitung traumatischer Erlebnisse zu helfen und ihren Weg zurück in die soziale Gesellschaft zu fördern. Diese Unterstützung äußert sich für jeden Einzelfall in einer individuell angepassten Betreuung, die ganz unterschiedliche Schwerpunkte haben kann. Von Kindern, die sexuelle Gewalt erfahren haben, über Kinder, die in ihren Familien einer starken Verwahrlosung ausgesetzt waren, findet man im ASK viele erschütternde Schicksale, die einer speziellen und individuell zugeschnittenen Behandlung bedürfen."

Aus diesem Grund gibt es im ASK eine gestaffelte Betreuung. Wie sieht diese Staffelung aus und welche Vorteile hat dieses Modell gegenüber anderer Behandlungen?
Dr. Spannaus: "Wir haben drei große Eckpfeiler der  Jugendhilfe: ambulante, teilstationäre und stationäre Betreuung. Je nach individuellem Schicksal kann hier die optimale Art und Weise und der Umfang der Behandlung gewählt und gesteuert werden. Der ambulante Dienst teilt sich in bis zu acht Unterpunkte auf, aus denen eine optimale Hilfe ausgewählt werden kann. Es kann zum Beispiel ein Sozialpädagogisches Ambulantes Clearing (SPAC) durchgeführt werden. Bei dieser Maßnahme gehen Mitarbeiter unserer Organisation, die über eine bis zu fünfjährige spezielle Ausbildung verfügen, für maximal sechs Wochen direkt in die Familien, um vor Ort aktiv mit den Familien zu arbeiten und Lösungsansätze und -strategien für Probleme zu entwerfen. Am Ende dieses Clearingprozesses sollen der Familie und auch dem Jugendamt eine Orientierung gegeben werden, welche weiteren Hilfsangebote am meisten erfolgsversprechend sind. Ein solches nächstes Angebot könnte z.B. das Video-Home-Training sein, bei dem familiäre Alltagssituationen von unseren Mitarbeiten gefilmt werden, um den Familienmitgliedern bei Problemen und Streitpunkten unmittelbar visuelles Feedback geben und Lösungsansätze anbieten zu können."

Und wie erklären sich teilstationäre und stationäre Hilfe?
Dr. Spannaus: "Eine teilstationäre Hilfe könnte z.B. in unseren Tagesgruppen Anwendung finden. Bei diesem Angebot können Kinder und Jugendliche nach ihrem Schultag in unsere Einrichtungen kommen und erfahren dort neben schulischer Hilfe auch auf therapeutischem und pädagogischem Weg Unterstützung. Ziel ist hier, wie auch bei jedem anderen unserer Angebote, sowohl dem Kind zu helfen, als auch die Eltern mit ins Boot zu holen und Erziehungskompetenzen bei den Erwachsenen auszubilden oder zu schärfen. Die Bereitschaft der Eltern mitzuarbeiten und Strukturen für ein besseres Familiensystem zu verändern, ist dabei Grundvoraussetzung. Ein stationäres Angebot wären hingegen unsere Wochengruppen, in denen die Kinder von Sonntagabend bis Freitagnachmittag in unserer Einrichtung sind und nur am Wochenende zurück in die Familien gehen. Ziel ist auch hier die Reintegration des Kindes in die Familie. Dies gelingt etwa bei drei Viertel der Klienten.
Nach wie vor sind unsere traditionellen Familiengruppen von höchster Bedeutung. Die Basis bildet in der Regel ein (Ehe-) Paar mit in der Regel eigenen Kindern. Ein Partner verfügt über eine pädagogische Ausbildung und wird als FamiliengruppenleiterIn eingestellt. Für das Kind wird ein stabiler und weitestgehend natürlicher Lebensraum geschaffen, der ergänzend zur Herkunftsfamilie eine stationäre Hilfe für das Kind anbietet. Den altersbedingten Entwicklungsbedürfnissen  nach Intimität, Geborgenheit und Zuwendung wird entsprochen. Die Herkunftsfamilie wird soweit wie möglich einbezogen. Chancen der Rückführung , die sich hierdurch ergeben, werden im Interesse der Kinder genutzt. Ein Wechsel von ambulanter Hilfe zu stationärer und umgekehrt ist jederzeit möglich."

Wie sieht die zeitliche Gewichtung bei stationär betreuten Kindern zwischen Behandlung, Freizeit und schulischer Bildung und Hilfe aus?

Dr. Spannaus: "Natürlich steht die psychische und pädagogische Hilfe und Betreuung bei uns im Vordergrund. Das heißt aber nicht, dass die Kinder und Jugendlichen 24 Stunden am Tag einen Mitarbeiter um sich herum haben. Ganz im Gegenteil. Die therapeutischen Maßnahme beschränken sich häufig auf ein bis zwei Treffen pro Woche mit maximaler Dauer von einer Stunde, in denen intensiv gearbeitet wird. Dafür haben wir ein breites Angebot an verschiedenen Therapien und Therapeuten, wie z.B. Ergotherapie, Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie oder aber auch Reittherapie, auf die wir besonders stolz sind. Hier wird mit verschiedensten Ansätzen und Mitteln versucht, den Kindern Ängste zu nehmen und Vertrauen zu schaffen. Das geschieht auch über die gemeinsame schulische Arbeit. Darüber hinaus steht für uns im Vordergrund, dass die Kinder und Jugendlichen viele soziale Kontakte knüpfen – auch und vor allem außerhalb unserer Einrichtung, um in die Gesellschaft zurückgeführt werden zu können. Dies geschieht unter anderem durch externe Aktivitäten in Sportvereinen."

Sportvereine wie die HSG Wetzlar, beziehungsweise die Trägervereine aus Dutenhofen und Münchholzhausen. Was erwarten Sie sich von Ihrem neuen Kooperationspartner?
Dr. Spannaus: "In erster Linie verfolgen wir mit der Partnerschaft zwei große Ziele. Das wäre zum einen den Kindern und Jugendlichen den Spaß am Sport näherzubringen und vielleicht neue Idole zu kreieren. Wir sind der HSG Wetzlar sehr dankbar, dass sie uns die Möglichkeit gibt, beispielsweise die Einlaufeskorte für ein Heimspiel zu stellen, oder dass die Kinder ins HSG-Training reinschnuppern dürfen. Darüber hinaus werden sogar Spieler unsere Einrichtung besuchen und im engen Kontakt mit den Jugendlichen Gespräche führen oder Tipps geben. Für die Kinder ist dies eine tolle Sache, weil Sport bei uns ganz groß geschrieben wird. Zum anderen wollen wir durch die Kooperation versuchen unseren Bekanntheitsgrad zu steigern. Das Albert Schweitzer Kinderdorf ist, wie jede gemeinnützige Einrichtung auch, von Spendengeldern abhängig, um den Kindern die bestmögliche Betreuung zu bieten. Wir wollen durch diese Zusammenarbeit  mit der HSG unsere Standpunkte in Hessen stärken."

Wie äußert sich das große Interesse der Kinder und Jugendlichen Ihrer Einrichtung am Sport?
Dr. Spannaus: "Sport ist Thema Nummer Eins bei uns hier im Dorf. Ganz besonders Fußball wird hier groß geschrieben. Wir haben eine Fußballgruppe ins Leben gerufen, die wöchentlich in Zusammenarbeit mit Eintracht Wetzlar trainiert. Einmal im Jahr organisieren die Albert Schweitzer Kinderdörfer den so genannten „Kido-Cup“, bei dem Mannschaften aus allen Institutionen zusammentreffen und gegeneinander antreten, aber miteinander Spaß haben.
Die Kinder in den Einrichtungen außerhalb von Wetzlar gehen häufig in die dortigen Vereine und betreiben Sport. Das muss nicht immer Fußball sein, denn auch andere Sportarten, wie Basketball oder Handball erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Deswegen freut es uns ganz besonders, dass die Zusammenarbeit mit der HSG Wetzlar realisiert wurde."

Weitere Informationen: www.ask-hessen.de