»Leistungssport vor der Haustür ist ein Luxus«

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Jochen Beppler wird DHB-Stützpunkttrainer in Wetzlar

Beim Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar ist vor zehn Tagen still und leise die Arbeit von Jochen Beppler als Co-Trainer zu Ende gegangen. Der gebürtige Langgönser hatte diese Position schon an der Seite von Ex-Trainer Michael Roth inne und rettete anschließend zusammen mit Chefcoach Gennadij Chalepo die HSG vor dem Erstliga-Abstieg. Jochen Beppler, hauptberuflich Sportlehrer an der Gießener Herderschule, hat sich aber weder von der HSG getrennt noch ist ihm ein Ausscheiden nahegelegt worden; er wird vielmehr ab 1. Januar den in Wetzlar neu eingerichteten DHB-Stützpunkt für die Jahrgänge 1993 bis 1995 leiten.

 

Was hat Sie bewogen, das Amt als Co-Trainer der HSG Wetzlar aufzugeben?

Beppler: »Es hat im Jugendbereich in den letzten fünf, sechs Jahren einen Wandel gegeben. Leistung kann nicht mehr nur einen regionalen Bezug haben, sondern wir müssen uns in der Region Gedanken machen, wie wir es schaffen, künftig Leute aus Mittelhessen auf Erstliga-Niveau zu bringen. Durch meine neue Tätigkeit als DHB-Stützpunktleiter kann ich dazu einen wichtigen Beitrag leisten.«

War dies eine kurzfristige Entscheidung oder hat sich diese abgezeichnet?

Beppler: »Im Sommer hat sich die Option bereits aufgezeigt, als DHB-Stützpunkttrainer arbeiten zu können. Seinerzeit hat sich das aber noch nicht realisieren lassen. Ich habe aber immer klargemacht, das dies ein möglicher Weg für mich wäre und ich ohnehin den Aufwand der vergangenen beiden Jahre nicht mehr würde fahren können.«

Waren die Wetzlarer Verantwortlichen in den Prozess eingebunden?

Beppler: »Wir haben uns schon im Sommer gemeinsam beraten. Björn Seipp, Martin Bender, Manfred Thielmann und ich. Seinerzeit habe ich den Co-Trainer-Posten behalten unter der Prämisse, wenn sich die DHB-Stützpunkt-Chance noch einmal ergebe, diese auch wahrnehmen zu können. An diese Vereinbarung haben sich alle Seiten gehalten, als das jetzt so kurzfristig wieder ins Gespräch kam.«

Spielt auch der Umstand eine Rolle, dass Sie demnächst als Sportlehrer voll verbeamtet werden?

Beppler: »Mein momentaner Berufsstatus lässt es nicht zu, dass ich derart mehrgleisig fahre. Lehrer plus DHB-Stützpunkt plus Co-Trainer. Das kann ich auch meinem Arbeitgeber gegenüber nicht verantworten.«

Noch einmal zum Stützpunkt. Reicht die Arbeit u. a. bei den hiesigen Teams in der neuen Nachwuchs-Bundesliga nicht aus, um die Talente an die 1., 2. oder 3. Liga heranzuführen?

Beppler: »Ich will es mal so sagen: Wenn zum Beispiel der Sohn von ›Wolle‹ Klimpke, der Till, in die Bundesliga gebracht werden soll, dann muss auch seine Mannschaft so stark gemacht werden, dass er überhaupt die Chance hat, dahin zu kommen. Allein mit Hüttenbergern, Langgönsern und Dutenhofenern schaffst du das heute nicht mehr.«

Man muss also grundsätzlich das Niveau anheben?

Beppler: »Genau. Die Jugendförderung benötigt eine systemische Kompetenz. Leistung darf nicht nur einen lokalen Bezug haben.«

Das wird eine Ihrer Aufgaben sein.

Beppler: »Das ist ein spannendes Feld. Was braucht ein Hessenauswahlspieler jetzt, um in drei oder vier Jahren in der Bundesliga sein zu können?«

Ab wann übernehmen Sie den DHB-Stützpunkt?

Beppler: »Los geht es am 1. Januar. Wir sind jetzt in der Phase, den Kader zusammenzustellen. Hier trainieren nur Auswahlspieler bis Ferndorf oder Siegen. Da gibt es vom DHB klare Regularien, die erfüllt werden müssen.«

Ein DHB-Stützpunkt in Mittelhessen ist doch eine Riesensache.

Beppler: »Er stärkt und wertet die ganze Region auf. Wir haben in Hessen mit einem Dissinger, einem Bornemann und einem Kremers Riesentalente, die sind alle weggegangen. Das ist fatal. Das wollen und müssen wir ändern.«

Was sagen Sie denjenigen, die z. B. in Hüttenberg meinen, sie würden künftig deren Talente nach Wetzlar lotsen?

Beppler: »Das tritt am Anfang gar nicht ein. Der Weg in die Bundesliga führt ja nicht mehr direkt über die A-Jugend, sondern meist über Doppelspielrechte. Da wird es künftig schwierig. Sollte z. B. Pohlheim absteigen aus der 3. Liga, wird es problematisch, weil die Doppellizenzler und Kaderspieler vom DHB vorgeschrieben bekommen, 3. Liga und aufwärts spielen zu müssen. Also wer das unterstellt, den kann und will ich nicht überzeugen.«

Keine leichte Aufgabe.

Beppler: »Wir müssen aufpassen, dass wir im Männerbereich in fünf, zehn Jahren nicht da sind, wo wir jetzt im Frauenbereich gelandet sind. Wir müssen jetzt sehen, dass uns die Ausbildungsvereine für Wetzlar und Hüttenberg nicht wegfallen. Da gibt es eine wechselseitige Abhängigkeit. Diesen veränderten Ansprüchen müssen wir uns stellen.«

Das geht bis zur Basis runter.

Beppler: »Richtig. Langgöns hat im männlichen Bereich schon keine Jugendmannschaft mehr. Unglaublich. Wenn uns z. B. Kirchhain als Standort wegfiele, hätten wir bis Alsfeld ein Vakuum. Da müssen wir gegensteuern. Wenn wir die Breite nicht mehr haben, gibt es auch keine Spitze mehr und dann wird der Handball von anderen Sportarten verdrängt.«

Der Stützpunkt-Gedanke aber ist stark leistungsorientiert. Das muss so sein. Wer hierher kommt, hat ja auch schon einige Stationen durchlaufen.

Beppler: »Manchmal wird mir der Begriff Leistung zu stark entwertet. Die Gefahr in unserer Region ist doch die, dass es die Jugendlichen nicht mehr als etwas Besonderes erleben, in Hüttenberg oder Wetzlar leistungsorientierten Handball vor der Haustür spielen zu können. Fragen sie doch einmal einen Timo Salzer oder Peter Jungwirth, wo die überall hin mussten. Viele wissen gar nicht, was das für ein Luxus ist. Ich habe hier Leute im Stützpunkt aus Fulda oder Wiesbaden, die nehmen viel mehr auf sich.«

Haben Sie schon einen Plan, wie lange Sie die Arbeit im Stützpunkt machen möchten?

Beppler: »Ich möchte schon eine Position ausfüllen, die den Nachwuchssport mit dem Leistungssport verbindet. Ich kann jetzt nicht sagen, ich möchte unbedingt Trainer beim THW Kiel werden oder einmal Schulleiter. Auf Dauer nur mit Jugendlichen zu arbeiten, kann ich mir auch nicht vorstellen: Dann möchte ich den Schritt lieber weitergehen und an der Schnittstelle beteiligt sein, die Leute nicht nur weiterzuentwickeln, sondern sie auch zu integrieren. Ich möchte den Weg bis zum Ende mitgehen.«

Ein frommer Wunsch. Andererseits ist doch irgendwo im Hinterkopf bestimmt auch das Ziel Cheftrainer. Oder?

Beppler: »Ja. Es gibt aber auch Aufgaben, wie in Kronau zum Beispiel, wo der Internatsleiter für den Verein viel zu wichtig ist, als ihn in der Bundesliga auf den Trainer-Schleudersitz zu setzen.«

Anderes Thema. Wie geht es bei der HSG Wetzlar weiter?

Beppler: »Die Gespräche mit einem Assistenz- oder Torwarttrainer sind - wie ich gehört habe - abgeschlossen.«

Kann Gennadij Chalepo die Aufgabe eine Zeit lang alleine bewältigen?

Beppler: »Nicht über einen längeren Zeitraum. Gennadij identifiziert sich zwar enorm mit der HSG und steckt ein hohes Maß an Arbeit in seine Tätigkeit, in diesem Geschäft ist aber vieles zu spezifisch, als dass ein Mann dies alles alleine bewältigen könnte. Ich wünsche ihm zunächst einmal, dass er die Mannschaft in der aktuell schwierigen Phase führen kann.«

Wie ist er als Trainer?

Beppler: »Immer zielorientiert und dabei stets aufrichtig. Unsere Zusammenarbeit war immer sehr harmonisch.«

Wie sehen Sie die aktuelle sportliche Situation der HSG?

Beppler: »Wir haben sicher nicht optimal gepunktet und auch nicht die Leistungen abgerufen, die wir von uns selbst erwartet haben. Ich hoffe, dass die Mannschaft - wie im vergangenen Jahr - in dieser Phase der Saison die Kurve bekommt.«

War der Zeitpunkt ihres Ausstiegs von daher nicht unglücklich gewählt?

Beppler: »Wir hatten uns schon länger auf den Termin in der Nationalmannschafts-Pause verständigt. Da wir in diesen zwei Wochen frei hatten und nicht der Mittwoch-Sonntag-Rhythmus das ganze einschränkte.«

Gefehlt hat aber die Kommunikation, weshalb nach dem Auswärtsspiel in Hannover, in dem sie überraschenderweise erstmals nicht auf der Bank saßen, Diskussionen aufkamen.

Beppler: »Der Part, die Bekanntgabe zu übernehmen, war nicht meiner.«

Die Mannschaft im Tief, der Co-Trainer geht von Bord, da dürfen die in den Vorjahren leidgeprüften Wetzlarer Anhänger schon einmal rätseln.

Beppler: »Sicher. Aber ich kann mich nur wiederholen, dass meine persönliche Veränderung weder etwas mit der aktuellen Situation der Bundesliga-Mannschaft zu tun hat noch dass sie kurzfristig gekommen ist.«

Ralf Waldschmidt