"Mund abputzen und weiter"

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HSG schluckt "bittere Pille" und blickt nach vorn

Nach dem Spiel gab es eine herzliche Umarmung von seinem ehemaligen Mannschaftskollegen Lars Kaufmann, doch so richtig freuen konnte sich Torwart Nikolai Weber an seinem 31. Geburtstag nicht. Großer Kampf und Leidenschaft der Handballer der HSG Wetzlar waren nicht belohnt worden, der Traum vom dritten Final Four in Hamburg platzte in der dritten Pokalrunde. Mit 27:29 mussten sie sich am Dienstagabend nach Verlängerung der SG Flensburg-Handewitt in der Dutenhofener Sporthalle geschlagen geben.

 

Ausgerechnet dort, wo die Kleinen aus dem Wetzlarer Osten in früheren Zeiten schon so manchen Großen der Liga das Fürchten lehrten. Das ging wohl auch Rainer Dotzauer durch den Kopf, als er sich nach der dramatischen Partie auf dem wieder flugs zur Kneipe umgebauten Spielfeld ein kühles Blondes genehmigte und seinen Blick durch die frühere Wirkungsstätte der Grün-Weißen schweifen ließ. "Wenn man in Dutenhofen in die Verlängerung geht, muss man eigentlich mit einem Tor gewinnen. Schade, ich dachte, wir schaffen das noch", sagte der HSG-Macher im Ruhestand. Diese Meinung teilte er mit den meisten der 1280 Zuschauer, die besonders in der Schlussphase für ohrenbetäubenden Krach gesorgt hatten. "Es war geil vor dieser Kulisse. Es herrschte ein Riesenlärm und hat Riesenspaß gemacht", bemerkte Spielmacher Timo Salzer bei allem Frust.

"Wir wussten, dass es hitzig zugehen wird, umso schöner, dass wir gewonnen haben", betonte derweil der Ex-Wetzlarer und fünffache Torschütze Lars Kaufmann. "Es war der erwartete Hexenkessel", ergänzte sein Teamkollege Petar Djordjic, der mit einem Doppelschlag zum 22:18 (47. Minute) scheinbar für die Vorentscheidung gesorgt hatte. Doch sein Ex-Club kam zurück, schaffte in der Schlussminute der regulären Spielzeit durch Daniel Valo den 24:24-Ausgleich und rettete sich nach der erneuten SG-Führung von Michael Knudsen durch Timo Salzers 25:25 in die Verlängerung. "Wir lagen mit vier Toren zurück, haben aber an uns geglaubt und uns wieder herangekämpft. Das war stark, auch wenn wir am Ende eine bittere Pille schlucken mussten", meinte Co-Trainer Jochen Beppler.

Wetzlars Coach Chalepo: "Hoffe, dass die Partie uns Mut gibt für das, was kommt"

Denn in der Schlussphase der Verlängerung machte der dreifache DHB-Pokalsieger aus dem Norden den Sack doch zu. Weltmeister Holger Glandorf traf trotz der dritten Zeitstrafe für Lasse Svan Hansen doppelt zum glücklichen 29:27-Erfolg, während die Gastgeber einmal mehr ihre Vorteile durch Überzahl nicht nutzten. "Das war mitentscheidend", sagte Petar Djordjic. Und im Endeffekt ebenso wie die starke Leistung des SG-Torwartduos Mattias Andersson und Sören Rasmussen einer der Knackpunkte des Spiels, bei dem der Wetzlarer Kevin Schmidt mit neun Treffern bester Werfer war.

Der Favorit aus dem hohen Norden ist in der Spur, sein Trainer Lubomir Vranjes hingegen war nach aufregenden 70 Minuten zu Beginn der Pressekonferenz noch etwas daneben, als er von einem Erfolg mit nur einem Tor Unterschied sprach. Aber im Prinzip war ihm das Ergebnis auch egal, nur der Sieg zählte und deshalb war seine Erleichterung groß: "Ich bin zufrieden. Es war ein hartes Match. Wir hatten das Glück auf unserer Seite. Ich weiß, wie schwer es hier ist, wenn die Zuschauer Druck machen. Ich habe das als Spieler selbst noch erlebt." Mit einer Verlängerung hatten die Flensburger Verantwortlichen aber wohl auch nicht gerechnet. Denn im Hotel Blankenfeld mussten die bereits bestellten Steaks, mit dem sich die Sieger auf der nächtlichen Heimfahrt im Bus stärken wollten, wegen der Extrazeit noch einmal vom Grill genommen werden.

In der Dutenhofener Sporthalle war die verpasste Pokalüberraschung am späten Dienstagabend noch lange Thema. "Es ist unheimlich schade. Nicht der Bessere, sondern der Glücklichere hat gewonnen", sagte Geschäftsführer Björn Seipp, während Aufsichtsrat Manfred Thielmann den Blick schon wieder nach vorne richtete: "Auch wenn das Ergebnis sehr ärgerlich ist, war es eine überzeugende Reaktion der Mannschaft." Die am vergangenen Sonntag beim TV Großwallstadt eine überflüssige 23:28-Pleite kassiert hatte und in der Liga im dritten Spiel ohne Sieg geblieben war.

Gestern war Regenerieren angesagt. Viel Zeit, die Wunden zu lecken, bleibt nicht. Am Freitag (19.45 Uhr) sind - dann wieder in der Rittal-Arena - die Rhein-Neckar Löwen zu Gast. "Ich hoffe, dass die Partie gegen Flensburg uns Mut gibt für das, was kommt", erklärte ein "sehr zufriedener" Wetzlarer Coach Gennadij Chalepo, von dem es nach dem "Super-Kampf" ein Riesenlob gab. Doch bei allen Komplimenten müssen jetzt Punkte her. "Mund abputzen und weiter", meinte Philipp Müller trotzig, aber auch zuversichtlich.

Christiane Müller