„Nationalspieler-Produzent“ mit philosophischer Ader!

Bild: www.sportfoto-vogler.de

DKB Handball-Bundesliga

Kai Wandschneiders Trainer-Werdegang weist Parallelen zu Thomas Tuchel und Jürgen Klopp auf - 57-jährige in Teil 1 eines Interviews mit der Handballwoche

Die Karawane zieht weiter: Wohl selten hat sich der deutsche Männer-Handball einer solch medialen Aufmerksamkeit erfreut  oder – je nach Lesart – ausgesetzt gefühlt wie im bisherigen Jahr 2016: Europameister zu Jahresbeginn in Polen, Bronze bei den Olympischen Spielen in Rio ein halbes Jahr später, explodierende Zuschauer-Resonanz an den Bildschirmen und in den Hallen, der Rückzug von Bundestrainer Dagur Sigurdsson  nach der WM  in Frankreich und der vierfach höhere Fernsehvertrag mit ARD und Sky. Schlagzeilen ohne Ende und bereits neue in Sicht, da verblassen selbst die Meldungen über einen erfolgreichen Start in die EM-Qualifikation.

Einer, der lieber im Schatten der Scheinwerfer seine akribische Arbeit als Heimtrainer der HSG Wetzlar seit 2012 leistet, ist der 57jährige Kai Wandschneider. Ihn als „Nationalspieler-Produzenten“ zu bezeichnen – und dabei  andere  Heimtrainer gleichwohl nicht aus dem Blick zu verlieren– scheint gerechtfertigt, denn unter ihm reiften Andreas Wolff und Steffen Fäth zu Weltklassespielern. Jannik Kohlbacher befindet sich ebenfalls auf dem Vormarsch. Nach dem Abgang von Wolff zum THW Kiel und Fäth nach Berlin im Sommer befindet sich Wandschneider wieder bei der „Sisyphus-Aufgabe“, die Abgänge aufgrund fehlender wirtschaftlicher Ressourcen der HSG Wetzlar mit Talenten zu kompensieren. Spannend wird sein, ob es ihm wieder gelingt, dass es weitere „Nationalspieler made in Wetzlar“ geben wird.

Wir sprachen mit dem gebürtigen Hamburger und waren sehr beeindruckt auch über die philosophische Tiefe, mit der er uns auch außerhalb des Interviewprotokolls Rede und Antwort stand. Im ersten von zwei Interviewteilen erklärt Wandschneider seine Vita, reflektiert die Mechanismen im Trainergeschäft der Bundesliga und zeigt Unterschiede zum Fußball auf.

Herr Wandschneider, es war bei Vereinbarung des Interviews vor 14 Tagen besprochen, zu Spekulationen rund um den Bundestrainer keine Fragen zu stellen. Nun liegen Fakten vor. Wo liegen die Verdienste von Dagur Sigurdsson jenseits der Medaillen aus Gold und Bronze?

Die Erfolge von Dagur Sigurdsson liegen auf der Hand: Platz sieben bei der WM in Katar sicherte die direkte Qualifikation für die Europameisterschaft 2016. Anschließend hat Sigurdsson Mut bewiesen, die richtigen personellen Schlüsse gezogen und mit der jüngsten Mannschaft des Turnieres in Polen den EM-Titel geholt. Mit der Bronzemedaille bei Olympia konnte er zeigen, dass der Triumph von Krakau nicht vom Himmel gefallen ist. Sein Abschied überrascht, aber auch hierzu hat er mit dem weisen Motto seines Buches im Vorfeld schon alle Fragen beantwortet: „A gentleman is someone who can play the accordion but doesn‘t.“ (Übersetzung d. Red.: „Ein Ehrenmann ist jemand, der Akkordeon spielen kann, aber es nicht tut“) Als Ehrenmann hat er demnach bewiesen, dass er sein Trainerhandwerk versteht – aber er muss es nicht immer wieder zeigen. Und dann sage ich: Respekt!

Welchen Austausch erwarten Sie vom künftigen Bundestrainer?

Der Austausch mit Dagur Sigurdsson und seinem Vorgänger Martin Heuberger war hervorragend. Ich kann dem zukünftigen Bundestrainer dabei helfen, die Spielerpersönlichkeiten zu verstehen. Ich kann mit dem Spieler täglich an den, vom Bundestrainer für erforderlich gehaltenen, Verbesserungen arbeiten. Ich mache das gerne, um den Spieler und die Nationalmannschaft voranzubringen. Im Gegenzug erwarte ich vom Bundestrainer, dass er als Spitze der Trainerpyramide seiner Verbundenheit mit allen Übungsleitern, auf deren Schultern er steht, Ausdruck verleiht. Sowohl das Grabmal des Pharaos als auch seine Goldschätze sind im Inneren seiner Pyramide verborgen. Ihr Herz schlägt in der Mitte.

Kommen wir zu Ihrer Vita: Sie haben sich aus den Niederungen des deutschen Handballs von der Nachwuchsarbeit nach oben gekämpft. 2001 übernahmen Sie dann Dormagen in der Regionalliga und führten den Verein in Ihrer 10jährigen Amtszeit später als DHC Rheinland bis in die Bundesliga…

Zumindest was die Qualität der Trainer angeht, sind mir im deutschen Handball keine Niederrungen bekannt. Selbst in der Ober- und Verbandsliga sind viele führungsstarke und taktisch versierte Trainerpersönlichkeiten aktiv. Diese Kollegen haben allerdings für ihr Leben andere berufliche bzw. private Prioritäten gesetzt. Oder aber sie mussten erfahren, dass im Handball – im Gegensatz zum Fußball – nach wie vor die sportliche Herkunft das entscheide Kriterium für die Besetzung eines Trainerpostens bei den Bundesligaclubs ist. Hier ist es noch ausgeschlossen, dass beispielsweise ein Trainer, der deutscher A-Jugendmeister wird, in der nächsten Saison die Chance auf einen Posten in der ersten Liga erhält. Über viele Jahre war sogar eine sportwissenschaftliche Ausbildung eher ein Handicap. Das hat sich zumindest mittlerweile verändert – nicht zuletzt weil unter anderem Trainer wie Jan Gorr, Emir Kurtagic und mit großem Abstand vorneweg Michael Biegler die Erkenntnis des erfolgreichen italienischen Fußballtrainers Arrigo Sacchi bestätigt haben, nach der „ein erfolgreicher Jockey schließlich auch nicht als Pferd geboren sein muss.“ Trotzdem gibt es im Handball wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen die sprichwörtlich gläserne Decke und im Handball ist sie aus Panzerglas. Der Handballhimmel hängt nicht nur voller Geigen, sondern auch voller Ressentiments. Der Zugang zu den finanzstärksten Clubs der Liga ist exklusiv. Der Leistungsgedanke gilt für Spieler. Was die Trainer angeht, bleibt es beim – Gedanken!

Seit 2012 sind Sie in Wetzlar und haben vorzeitig bis 2019 verlängert. Sind Sie jemand, der für sich persönlich Kontinuität schätzt oder fehlt Ihnen die Sehnsucht anderer Kollegen, ständig nach vorne oder weiterzustreben?

Ich weiß: einen Zug zu verpassen tut nur dann weh, wenn man hinter ihm her rennt. Ich habe einen weiten Weg bis in die Bundesliga zurück gelegt und dabei gelernt, frei nach Marc Aurel Hindernisse in Treibstoff zu verwandeln. Man darf sich vor allem nicht aufgrund von Herkunftshindernissen einschüchtern lassen. In Wetzlar kann ich gemeinsam mit Geschäftsführer Björn Seipp, meinem Co-Trainer Jasmin Camdzic und etablierten Spielern den Talenten auf die Sprünge helfen. Ich habe das große Glück, dass so Erfüllung und Erfolg zusammen treffen.

Als aktiver Spieler ist Ihnen der Sprung in die erste Liga verwehrt geblieben – analog zu erfolgreichen Fußball-Kollegen wie Thomas Tuchel oder Jürgen Klopp. Oder halten Sie diese Parallele für abwegig?

Der Sprung in die erste Liga wurde mir nicht verwehrt, ich war ganz einfach nicht gut genug (lacht). Man kann dem Handball nicht vorwerfen, dass er ein industrieller oder Dienstleistungskomplex ist, wie ihn der Fußball weltweit darstellt. Sehen Sie: Thomas Tuchel oder Jürgen Klopp hätten hundert Alternativen im Fußballgeschäft gehabt, wenn es mit der großen Bundesligakarriere als Trainer nicht geklappt hätte. Im Handball gibt es nur eine verschwindend geringe Anzahl an Möglichkeiten, durch den Sport eine Familie zu ernähren. Christopher Nordmeyer und Markus Gaugisch, die Hannover und Balingen zu den besten Platzierungen der Vereinsgeschichte geführt haben, hätten im Fußball schon längst wieder einen Arbeitsplatz bei den besten Adressen. Stattdessen sind sie ohne neuen Vertrag geblieben und verständlicherweise wieder in ihren Lehrerberuf zurückgekehrt. Auf diese Art und Weise geht dem Handball jedes Jahr ein großes Potential an Kreativität, Innovationskraft, Nachhaltigkeit und auch Kollegialität verloren. Der Handball ist, was Trainer angeht, ein Monster, das dich verschluckt und genauso schnell wieder ausspuckt. Während sich Tuchel und Klopp vor Ihrem nächsten Karriereschritt ein Jahr Auszeit nehmen konnten, bedeutet das für Handballtrainer in der Bundesliga in der Regel die ewige Auszeit. Aus Sicht der Handballtrainer sind die Trainer aus dem Fußball Bewohner der Andromedagalaxie: das fernste Objekt, das am Sternenhimmel mit bloßem Auge regelmäßig gesehen werden kann. Sie sind nur sehr entfernt mit uns verwandt.

Sie sind diplomierter Sportwissenschaftler und damit vermutlich nicht Handball-betriebsblind. In welchen anderen Sportarten finden Sie womöglich Anregungen zu Trainingskonzeptionen oder auch zur unmittelbaren Mannschaftsführung?

Für mein Selbstverständnis als Trainer war die Lektüre „Sacred Hoops“ (deutsch: „Heilige Ringe“) von Phil Jackson, dem legendären Basketballtrainers der Chicago Bulls und Los Angeles Lakers, vor allem was Mannschaftsführung angeht ein Schlüsselerlebnis. Seine Art und Weise mit Menschen umzugehen wurzelt im Buddhismus und den Traditionen der Sioux-Indianer. Jackson hat einem Einzelkönner wie Michael „Air“ Jordan gelehrt, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Mit Basketballcoach Dennis Wucherer, der die Gießen 46ers trainiert, tausche ich mich regelmäßig aus. Ansonsten habe ich Zeit meines Lebens versucht, alles aus allen Bereichen der Gesellschaft und Kultur aufzusaugen und zu „handballisieren“. Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, der Globus ist ein Handball und auch selbst für Ägypter unwiderlegbar mit einem wunderschönen Harz belegt (lacht).

Regisseur Steffen Fäth und Torhüter Andreas Wolff haben in der Vorsaison unter Ihnen einen kometenhaften Aufstieg bis in die Weltklasse geschafft. Wie erleben Sie die Entwicklung Ihrer beiden ehemaligen Schützlinge in ihren neuen Vereinen?

Steffen Fäth wurde Ende der letzten Saison durch seinen Handbruch zurückgeworfen. Dass er trotzdem mit nach Rio durfte, zeigt, wie wichtig er für die Nationalmannschaft geworden ist. Diese Zeit fehlte ihm als Vorbereitung für die aktuelle Saison. Zudem ist er zum zweiten Mal Vater geworden – besondere Umstände, die vorübergehend zu einer Schwächung der Konzentration führen. Ich denke auch, dass in Berlin ein rauerer Wind weht als in Wetzlar. Er beißt sich aber durch und wird noch sehr wichtig für Berlin. Andreas Wolff marschiert im nächsten Verein einfach weiter. Er ist ein Energiebündel und beeindruckt mich durch scheinbar übernatürliche Kräfte. Für ihn ist Kiel genau der richtige Verein zum genau richtigen Zeitpunkt.

Aber schmerzt es nicht, wenn Sie regelmäßig Spieler nach vorne entwickeln – und diese dann dem Lockruf des Geldes und/oder den Möglichkeiten Champions League spielen zu können erliegen?

Natürlich schmerzt jeder Abschied im Leben. Ich freue mich aber auch für die Spieler. Es liegt in der Natur der Sache: täglich wird von ihnen verlangt, sich zu verbessern. Warum sollen sie das dann nur sportlich und nicht auch finanziell tun. Ich bin als Trainer vorübergehend ein helfender Wegbegleiter und stehe auf den Schultern vieler anderer Trainer, die schon vorher mit diesen Spielern gearbeitet haben und loslassen mussten. Andreas Wolff hätte beispielsweise ohne die Unterstützung von Gottfried Kunz aus Kirchzell (Anm. der Red.: Wolffs Mentor zu dessen Zeit im Jugendleistungszentrum Großwallstadt) den Einstieg ins Profigeschäft nicht so schnell und vielleicht auch nie gemeistert. Im Grunde genommen haben Spieler Trainerstammbäume.

Quelle: Dr. Philipp Breitbart und Günter Breitbart (für Handballwoche)