„Partnerschaft mit HSG Wetzlar kann mehr als Sponsoring sein!“

Bild: media shots/Linden

DKB Handball-Bundesliga

Geschäftsführer Björn Seipp im Interview über bisherige Erfahrungen mit dem neuen TV-Vertrag, der 16er-Regel und die Zukunft der Grün-Weißen.

Acht Spieltage in der DKB Handball-Bundesliga sind absolviert. Die HSG Wetzlar steht aktuell mit 8:12-Punkten im Tabellenmittelfeld der Liga. Soviel zum sportlichen Zwischenfazit, aber seit Saisonbeginn hat sich auch viel im Umfeld der Erstligisten getan: Es wurden einige Neuerung eingeführt. Thema Fernsehvertrag, neuer Hallenboden, 16 Spieler auf dem Spielberichtsbogen. Wie sich dies bislang bewährt hat, dazu haben wir unseren Geschäftsführer Björn Seipp befragt

Björn, „alles neu macht der August“ hieß es dieses Jahr in der DKB Handball-Bundesliga. Wie haben sich die beschriebenen Neuerungen bislang ausgewirkt? 

Björn Seipp: „Vorranging ausgesprochen positiv. Es hat sich schon jetzt herausgestellt, dass der neue  Fernsehvertag der erhoffte Quantensprung für die Liga ist. Wir bekommen unheimlich viel positives Feedback zur Arbeit von SKY, auch von Menschen, die bislang noch nicht so viel Handball geschaut haben, jetzt aber auf den Geschmack gekommen sind. Es ist wahnsinnig toll, dass jetzt wirklich alle Spiele aller Clubs live im Fernsehen zu sehen sind. Dazu ist die Vor- und Nachberichterstattung über SKY Sport News HD, die Online-Portale sowie ARD und ZDF sehr intensiv und bringt dem Handball und der Liga somit eine große Breite in Sachen Reichweite. Für uns Verantwortliche und die Spieler ist die mediale Nachfrage, zum Beispiel nach Interviews, natürlich deutlich angewachsen, was schon zu einem erheblichen zeitlichen Mehraufwand führt. Wenn daraus jedoch so schöne Stories über die HSG Wetzlar gemacht werden, wie am vergangenen Sonntag rund um das Heimspiel gegen Magdeburg, dann ist jede Minute Mehraufwand gut investiert. Bezüglich der daraus resultierenden neuen Anwurfzeiten gibt es natürlich immer noch die unterschiedlichsten Meinungen. Gerade sonntags sieht man in einigen Hallen leider auch viele leere Plätze. Bei uns ist das bislang nicht so, ganz im Gegenteil – was einmal mehr für unsere tollen Fans und Zuschauer spricht.“

Thema 16 Spieler auf dem Spielberichtsbogen. Wie hat sich das ausgewirkt?    

Björn Seipp: „Auch dies war letztlich ein richtiger Schritt muss ich eingestehen. Wir konnten dadurch beispielsweise zuletzt immer Till Klimpke mit aufbieten und hätten dies auch gerne mit Hendrik Schreiber getan, der in der Vorbereitung richtig gut trainiert hat, dann aber wegen einer Lungenentzündung zurückgeworfen wurde. Till hat in den vergangenen Wochen neben dem täglichen Training so viele wichtige Eindrücke und Erfahrungen in den großen Erstliga-Hallen sammeln können, zudem sogar schon einige Minuten Erstliga-Luft schnuppern können, was wichtig für seine Entwicklung und die sportliche Zukunft der HSG Wetzlar ist. Erfreulich ist ganz nebenbei seine Quote bei Siebenmetern: Er stand bei vier Siebenmetern im Tor und hat nur ein Tor kassiert! Also, die neue Regelung hilft uns wirklich dabei, um langfristig unsere jungen, eigenen Talente an die Bundesliga heranzuführen.“

Stellst Du nach dem 6. Platz der abgelaufenen Saison eine veränderte Erwartungshaltung im Umfeld fest?

Björn Seipp: Erwartungen sind immer der Anfang von Enttäuschungen, sagt Kai Wandschneider immer und er hat recht! Wir haben in der vergangenen Saison mit Tabellenplatz 6 eine überragende Saison gespielt und sind weit vor Klubs gelandet, die eigentlich vor uns stehen sollten. Im Spitzensport spiegelt die Abschlusstabelle zumeist auch die Etattabelle. In dieser stehen wir auf Platz 14 der Bundesliga. Somit darf uns niemand am Ergebnis der abgelaufenen Runde messen. Im Gegenteil: Jeder, der das miterlebt haben sollte, der sollte stolz darauf sein, sich die Tabelle ausschneiden, einrahmen und aufhängen – aber nicht den Fehler machen, daran Erwartungen für die aktuelle Saison zu knüpfen. Für uns steht, wie immer, das klare Ziel frühzeitiger Klassenerhalt, denn wir haben eine Verantwortung für die Region, die Stadt Wetzlar und die Rittal Arena, in der wir Ankermieter sind. Wir haben eine homogene Mannschaft, die das Potential hat, dieses Ziel und mehr zu erreichen, was die ersten Spiele auch gezeigt haben, in denen wir auch bei Teams wie Hannover oder Magdeburg die Chance hatten zu gewinnen. Leider belohnen wir uns im Abschluss derzeit zu wenig für tolle Spiele und haben dadurch den ein oder anderen Pluspunkt liegen gelassen. Trotzdem: Was die Mannschaft spielerisch zeigt ist in der Kürze der Zeit beeindruckend und eine tolle Basis für die kommenden Wochen. Aber eine Saison in der „stärksten Liga der Welt“ ist ein langer, steiniger Weg, denn im Sport hat man täglich mit Unwegbarkeiten, wie Verletzungen zu kämpfen und da haben wir durch den langen Ausfall unseres Abwehrchefs und Leaders Evars Klesniks schon einen ersten, enormen Rückschlag erlitten.

20 Jahre spielt die HSG Wetzlar nun ohne Unterbrechung in der 1. Handball-Bundesliga! Was wäre Dein Wunsch für die kommenden 20 Jahre?

Björn Seipp: Meinen Wunsch würde ich an unsere Region richten: Nämlich, dass sich noch mehr Unternehmen klar werden, dass Sport Kultur ist und sie die Vorteile, die der Spitzensport werblich und netzwerktechnisch bietet, erkennen. Ein Beispiel: Das große Problemthema der allermeisten Firmen in Mittelhessen und darüber hinaus ist die Findung und Bindung von Auszubildenden, Fach- und Führungskräften. Hier kann der Sport eine wirklich große Hilfe sein! Für die HSG Wetzlar interessieren sich die jungen Leute von ganz alleine. Sie strömen in die Rittal Arena, die fast immer annähernd ausverkauft ist und informieren sich täglich über unsere Social-Media-Kanäle über die Geschehnisse in unserem Klub. Dies können Firmen verhältnismäßig einfach für eine direkte Ansprache an mögliche „Right potentials“ für sich nutzen! Wir haben Möglichkeiten für solche „Employer branding“-Partnerschaften ausgearbeitet und bereits erfolgreich vermarktet, aber es sind noch zu wenige Firmen, die diese Chance erkennen und weiter an klassischen Werbeformen festhalten, die heute aber unserer Meinung nach gar nicht mehr zielgruppengerecht und oftmals teurer sind. Unternehmerische Vorteile sind durch ein Engagement im Spitzensport jede Menge gegeben und müssen ganz einfach für sich erkannt werden.

Heißt, die HSG Wetzlar muss mittelfristig ihren Etat erhöhen, um im Konzert weiter mitspielen zu können?

Björn Seipp: „Ohne Wenn und Aber! Wenn man bedenkt, dass die Aufsteiger der vergangenen Jahre wie Leipzig, Erlangen und Stuttgart jetzt schon über höhere Etats als die HSG Wetzlar verfügen, dann zeigt das die Richtung und Gefahren für uns. Auch der Bergische HC hat und hatte mehr wirtschaftliche Möglichkeiten als unser Club. Wenn wir langfristig die 1. Liga halten wollen, dann müssen wir unseren Etat um knapp 30% auf 4,5 Millionen Euro erhöhen. Das geht nur über mehr Unterstützung aus der heimischen Wirtschaft! Generell muss sich unsere sportbegeisterte Region auf lange Sicht hin die Frage gefallen lassen, ob sie erfolgreichen Erstliga-Sport möchte oder nicht? Wenn ja, dann muss die Bereitschaft da sein, Klubs wie die HSG Wetzlar wirtschaftlich noch mehr zu unterstützen, damit diese auch die stetigen Etat-Entwicklungen in den großen Ligen, die vorrangig mit Großstadt-Klubs bestückt sind, mitgehen können. An der Unterstützung unserer Zuschauer mangelt es ja nicht – die ist herausragend! Und positive Imagewerte, Konzepte, Ideen und Reichweiten für unser Partner haben wir auch!“