Sieger müssen zum Rapport

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Bei der HSG hängt trotz des Derbytriumphs der Haussegen schief

Da gewinnt die HSG Wetzlar ihr für viele zweitwichtigstes Spiel der ganzen Saison - und der prestigeträchtige 26:22 (13:11)-Triumph im Mittelhessenderby der Handball-Bundesliga beim TV Hüttenberg gerät dennoch fast zur Nebensache. Der "Fall" Andrej Klimovets und der von der Mannschaft verhängte Boykott gegenüber dieser Zeitung standen am Morgen danach im Mittelpunkt.

 

Bevor die Schützlinge von Trainer Gennadij Chalepo gestern um 11 Uhr am Dutenhofener Sports Plaza zum Auslaufen starteten, mussten sie zum Rapport. Aufsichtsratssprecher Manfred Thielmann verdonnerte seine Profis für den selbst verhängten Maulkorb zu jenen "Konsequenzen", die er bereits unmittelbar nach dem Sieg in der Gießener Osthalle nach einer "ausdrücklichen Entschuldigung, für das, was passiert ist" angekündigt hatte. Wie diese Konsequenzen aussehen, wollte er allerdings intern halten. "Jedenfalls wird so etwas nicht wieder vorkommen", betonte Thielmann. Er selbst sei von der Aktion der Spieler, die mit der Berichterstattung dieser Zeitung über "über uns und speziell über Timo (Salzer, die Red.) nicht einverstanden" waren, überrascht worden: "Das war ein Schlag ins Kontor."

Im "Fall" Klimovets verweist Wetzlar auf das Beispiel Bergischer HC

Dem von ihm selbst zuvor hart kritisierten Mittelmann Salzer, der nach sechs Jahren keinen neuen Vertrag erhält und im Sommer zum Zweitligisten SG BBM Bietigheim wechselt, bescheinigte der starke Mann der HSG "ein sehr, sehr starkes Spiel". Wie einigen anderen auch. Auf diesen Zusatz lege er "sehr großen Wert". Salzer und Co hätten eine "Trotzreaktion auf die Entwicklungen der vergangenen Tage gezeigt" und Charakter bewiesen. Was der Aufsichtsratschef vom fünffachen Gießener Derby-Torschützen bis zum Ende seines Vertrags am 2. Juni erwartet: "Dafür ist er Profi und wird wie ein leitender Angestellter bezahlt."

Die meisten Spieler wollten nichts sagen, einer sollte nicht. Deshalb hatten die Grün-Weißen Neuzugang Andrej Klimovets gar nicht erst mitgenommen. "Wir wollten ihn schützen vor tausenden von Fragen. Er ist ab Montag wieder im Training", klärte Thielmann auf. Die Frage, ob der mit dem zwei Tage zuvor verpflichteten Weltmeister von 2007 errungene 26:25-Heimsieg über Frisch Auf Göppingen in eine Niederlage umgewandelt wird, will die Handball-Bundesliga (HBL) morgen oder am Dienstag beantworten. Sollten die Punkte am "grünen Tisch" verloren gehen, weil der zuletzt vereinslose Ex-Nationalspieler nicht hätte eingesetzt werden dürfen, will die HSG dies nicht hinnehmen. Für den Fall der offenbar zu erwartenden Annullierung des Sieges, weil Klimovets rein formal auch eine Spielberechtigung für den Oberligisten TSG Haßloch hatte, haben die Wetzlarer bereits den Gang vors Sportgericht des Deutschen Handball-Bundes (DHB) angekündigt.

Aufsichtsratssprecher Thielmann betonte am Rande des Gießener Derbys noch einmal, dass die HSG "alles richtig gemacht" habe und äußerte die Hoffnung, "den Fall in den nächsten 14 Tagen, drei Wochen klären zu können". Dagegen spricht der Wetzlarer Hinweis auf den Erfolg des Bergischen HC. Der Bundesligaaufsteiger war bis in die letzte Instanz, dem DHB-Bundesgericht, gegangen, um am Ende einen zuvor beschlossenen Sechs-Punkte-Abzug wegen des Einsatzes des dreimal angeblich nicht spielberechtigten Kreisläufers Hendrik Pekeler zu verhindern - und damit den Sprung ins Oberhaus perfekt zu machen.

HSG-Trainer Gennadij Chalepo verlässt sich lieber auf den Sport. "Umso wichtiger, dass wir heute gewonnen haben", sagte er nach dem Sieg in der Osthalle sichtlich erleichtert, während seine Spieler feierten und schwiegen.

Thomas Hain