Sind die Verletzungen bei der HSG Wetzlar einfach nur Pech?

DKB Handball-Bundesliga

Mannschaftsarzt Marco Kettrukat äußert sich im Interview mit dem Medienpartner Gießener Allgemeine über die Verletzungsmisere der HSG Wetzlar

Während die Personaldecke bei der HSG Wetzlar immer dünner wird, wächst das Lazarett des Handball-Bundesligisten beunruhigend schnell. Vier Langzeitverletzte haben die Grün-Weißen derzeit zu beklagen. Nach dem letzten Jahr trifft es die Mittelhessen schon wieder hart. »Ein großer Schock« war die jüngste Verletzung von Linksaußen Maximilian Holst, wie HSG-Geschäftsführer Björn Seipp sagte. Der Neuzugang fällt mit Kreuzbandanriss monatelang aus. Im Interview äußert sich Mannschaftsarzt Marco Kettrukat zu den möglichen Ursachen der Misere, der Belastung in der Bundesliga und was die HSG Wetzlar präventiv unternimmt.


Erst Adnan Harmandic, dann Steffen Fäth und jetzt Maximilian Holst. Die Liste der Verletzten bei der HSG ist nicht nur in dieser Saison lang. Im letzten Jahr traf es über ein halbes Dutzend Spieler. Ist das noch Pech?


Marco Kettrukat: "Natürlich muss man darüber nachdenken, wo die Ursachen liegen. Aber wenn man sich die letzten beiden Verletzungen bei der HSG Wetzlar anschaut, dann sieht man, dass Max Holst von hinten gestoßen und Steffen Fäth aus der Luft geholt wurde. Es waren also äußere Faktoren im Zweikampf, die dazu geführt haben. Generell haben wir schon seit einigen Jahren eine Systematik, um solchen Dingen vorzubeugen. Mit Thorsten Ribbecke wurde ein Athletiktrainer verpflichtet, der die Jungs in der Vorbereitung und während der Saison fit und viel in Sachen Stabilisation und Balance macht."


Können solche Verletzungen wie bei Max Holst, der sich das vordere Kreuzband im linken Knie angerissen hat, auch von inneren Faktoren hervorgerufen werden?


Kettrukat: "Das ist natürlich möglich, wenn zum Beispiel zu einseitig trainiert wurde oder die Balance nicht stimmt. Deswegen arbeiten wir viel im Bereich der Propriozeption, der Eigen- und Bewegungswahrnehmung im Raum, und machen Übungen zur Stimulierung des Gleichgewichtes."


Ist die Häufung schwerer Verletzungen ein allgemeines Phänomen oder trifft dies nur die HSG Wetzlar?


Kettrukat: "In der Handball-Bundesliga treten solche Verletzungen querbeet auf. Beim HSV hat es zuletzt Kevin Schmidt erwischt, nun Alexandru Simicu. Im Fußball fällt einem Marco Reus ein, der sich nun zum zweiten Mal am Sprunggelenk verletzt hat. Solche Dinge sind einfach der zunehmenden Dynamik in den Ballsportarten geschuldet. Die Vereine tun aber viel, um dem vorzubeugen. Vor zehn Jahren haben die Übungsleiter noch Medizinbälle werfen lassen, heute gibt es eine große Anzahl an Co- und Athletiktrainern sowie Physiotherapeuten."


Stichwort Überbelastung. Seit Jahren beklagen die Handballer den dichten Terminkalender. Reichen die Regenerationsphasen nicht mehr aus?


Kettrukat: "Der Rhythmus Freitag/Sonntag an den Doppelspieltagen ist schon grenzwertig, zumal die Leistungsdichte so hoch ist, dass man ein Spiel eben nicht mit 80 Prozent Einsatz gewinnen kann, sondern man jede Partie mit 100 Prozent Intensität führen muss."


Das klingt wie ein Plädoyer für eine Entzerrung des Terminkalenders.


Kettrukat: "Das wäre schon gut, allerdings weiß ich nicht, wie man das sinnvoll umsetzen kann. Man muss ja auch der Wirtschaftlichkeit Genüge tun. Und Großevents wie WM oder EM können dabei helfen, den Sport wieder populärer zu machen."


Was können Sportler – im Spitzen- wie im Breitenbereich – generell tun, um sich vor Verletzungen zu schützen?


Kettrukat: "Wichtig ist ein vernünftiges Athletiktraining, am besten ein- bis zweimal pro Woche. Das beinhaltet u. a. Übungen für die Stabilisation und das Gleichgewicht. Man sollte auch ein ausgewogenes Krafttraining absolvieren, dabei aber nicht nur darauf achten, was optisch optimal ist."