„Stolz auf das bislang Erreichte, aber noch nicht zufrieden!“

Bild: media shots

DKB Handball-Bundesliga

Geschäftsführer der HSG Wetzlar, Björn Seipp, im Interview – Personalplanungen der Mittelhessen annähernd abgeschlossen

Die HSG Wetzlar ist bislang eines der Überraschungsteams der DKB Handball-Bundeliga. Aktuell rangieren die Mittelhessen, die vor der Saison einmal mehr Topspieler wie Andreas Wolff (THW Kiel) oder Steffen Fäth (Füchse Berlin) ziehen lassen mussten, auf Platz 7 der Tabelle, punktgleich mit dem Sechsten aus Leipzig. Sportlich ist der Klassenerhalt seit einigen Wochen unter Dach und Fach und die Grün-Weißen um Geschäftsführer Björn Seipp freuen sich in der kommenden Saison ihr 20. Erstligajahr in Folge bestreiten zu können. Der 43-jährige ist seit nunmehr über sechs Jahren im Amt und blickt in diesem Interview auf den bisherigen Saisonverlauf zurück und wagt einen kurzen Ausblick. 

Mit 28:22-Punkten steht die HSG Wetzlar derzeit auf Platz 7 der Tabelle der DKB Handball-Bundesliga. Wie zufrieden sind Sie mit dem derzeitigen Saisonverlauf?

Björn Seipp: „Wir können mit großem Stolz auf das bislang Geleistete zurück schauen, aber zufrieden sollten wir noch nicht sein. Zufriedenheit ist Stillstand und das können und wollen wir uns nicht erlauben, denn noch steht ein Viertel der laufenden Saison vor uns! Wir haben noch schwere Spiele vor der Brust, wie beispielsweise am Gründonnerstag in Stuttgart. Dort können wir nur etwas Zählbares mitnehmen, wenn wir voll fokussiert und mit einem klaren Ziel vor Augen antreten, auch was unser gemeinsames Saisonziel angeht.“

Wie lautet dieses denn für die HSG Wetzlar?

„Wir sind sehr dankbar, dass die Mannschaft unser Primärziel, den vorzeitigen Klassenerhalt, wieder einmal sehr frühzeitig realisieren konnte. Wir alle im Club – also Verantwortliche, Sponsoren und Fans - wissen, dass dies bei einem solch großen personellen Umbruch, wie wir ihn vergangenen Sommer hatten, keine Selbstverständlichkeit, besser gesagt eine große Leistung, ist. Jetzt setzen wir alles daran, dass es uns gelingt unseren bisherigen Bundesliga-Punkterekord aus der Saison 2012/2013 zu knacken. Damals standen am Ende 37 Pluspunkte auf unserem Konto. Schön wäre es auch, wenn wir damit mindestens den 7. Tabellenplatz absichern könnten. Aber der Weg bis dahin ist noch weit und hinter uns lauern einige Teams, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten am Ende eigentlich vor uns in der Tabelle stehen müssten.“

Wie schafft es die HSG Wetzlar immer wieder solche personellen Umbrüche, wie zum Beispiel vergangenen Sommer, zu meistern?

„Zunächst einmal ist es immer wichtig, wie man an eine Sache herangeht! Enttäuscht und mit gesenktem Haupt, weil wieder Leistungsträger zu Spitzenclubs wechseln, oder mit Elan sich einer neuen Herausforderung zu stellen. Dass uns unsere besten Akteure irgendwann verlassen, ist ja nicht erst seit vergangenen Sommer so. Ich weiß nicht, ob irgendein Bundesligist in den vergangenen Jahren mehr Spieler an Spitzenvereine abgegeben hat, als die HSG Wetzlar – ich denke nicht! Dies ist ein echtes Markenzeichen, das sich in der Szene mittlerweile herumgesprochen hat! Die HSG Wetzlar hat sich zu einer tollen Adresse für junge Talente entwickelt, um sich in einem familiären Umfeld und unter professionellen Bedingungen in der stärksten Liga der Welt zu beweisen. Dazu bedarf es Toptrainer, wie sie Kai Wandschneider und Jasmin Camdzic wahrlich sind, aber in gleichem Maße ein solides und gut organisiertes Umfeld. Vor allem aber harter Arbeit von allen!“ 

Was macht die Arbeit der Trainer so besonders?

„Kai und Jasmin sind absolute Fachmänner auf ihrem Gebiet. Sie sind akribische Arbeiter, die nichts dem Zufall überlassen und auch immer ein Ohr für ihre Spieler haben. Sie pflegen einen sehr kooperativen, menschlichen Führungsstil mit der Mannschaft. Dazu arbeiten sie die Stärken der Spieler heraus und lassen das Team so spielen, dass diese auch zur Geltung kommen können. Zwischen Mannschaft und Trainern herrscht ein großes Vertrauensverhältnis und deshalb sind wir sehr froh, dass beide ihre Verträge im Herbst bis 2019 verlängert haben. Es passt einfach!“  

Aber Trainer brauchen auch Spieler, die ihre Vorstellungen umsetzen können. Da spielt das Scouting eine große Rolle!

„Absolut. Der Spielermarkt ist stark umkämpft, weil viele Vereine um Talente buhlen. Man muss das Ohr mittlerweile ganzjährig offen halten, da sich das Rad in Sachen Transfers immer schneller dreht. Bei Verpflichtungen legen wir großen Wert darauf, dass die Persönlichkeit des Spielers stimmt. Sportliche Qualitäten kann man sehr schnell durch intensives Videostudium beurteilen, aber ob der Mensch zu uns passt, das erfährt man nur durch persönliche, transparente Gespräche. Darauf legen wir den größten Wert, denn Handball ist ein Mannschaftssport. Nur ein funktionierendes Team kann letztlich auch entsprechend erfolgreich sein!“

Gibt es auch etwas, das Sie in dieser Saison geärgert oder enttäuscht hat?

„Klar, im Sport läuft nicht immer alles nach Maß. Gerade weil jetzt das REWE Final Four im DHB-Pokal vor der Tür steht, war es sehr schade, dass wir im Achtelfinale gegen Leipzig ausgeschieden sind. In diesem Heimspiel waren wir über 50 Minuten die bessere Mannschaft und haben es am Ende verpasst, uns für ein, bis dahin richtig gutes Spiel, zu belohnen und in die nächste Runde einzuziehen. Der Pokal ist immer etwas Besonderes und eine mögliche Teilnahme am Final Four bleibt ein Traum, den wir unbedingt gemeinsam realisieren wollen.“

Sind denn die Personalplanungen für die kommende Saison abgeschlossen?

„Ja, so gut wie sie es eben sein können! Wir sind sehr froh darüber, dass wir im Sommer nur einen, für die HSG Wetzlar verhältnismäßig kleinen personellen Umbruch haben. Mit Philipp Weber, Tobias Hahn und Emil Berggren werden uns zwar drei Spieler aus dem aktuellen Kader verlassen. Dafür kommen aber mit Alexander Herrmann und Olle Forsell Schefvert zwei hoffnungsvolle Spieler für den linken Rückraum. Des Weiteren freuen wir uns auf das hoffentlich zeitnahe Comeback von Joao Ferraz und die baldige Rückkehr von Maximilian Holst. Sie sind zwar keine Neuzugänge, aber machen unser Team in Topform noch einmal besser. Aktuell steht noch die Besetzung der zweiten Position auf Rechtsaußen aus, aber hier hoffen wir schon bald auf eine Lösung.“

In der kommenden Spielzeit feiert die HSG Wetzlar ein besonderes Jubiläum, nämlich das 20. Erstligajahr in Folge! Ein toller Erfolg auf den man stolz sein kann in Mittelhessen, oder?

„Das sind wir! Als unser Club im Jahr 1998 den Aufstieg geschafft hat, da war das ein echtes Abenteuer und eine große Herausforderung für die damals Verantwortlichen um Rainer Dotzauer. Strukturen mussten geschaffen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen hergestellt werden, um sportlich möglichst lange in der Bundesliga ‚überleben‘ zu können. Das war nicht immer einfach – allen voran finanziell, aber letztlich hat sich die HSG Wetzlar mit Hilfe von vielen treuen Sponsoren, ihren Trägervereinen und der Stadt Wetzlar in der stärksten Liga der Welt etabliert. Maßgeblich war dafür sicherlich der Bau der Rittal Arena Wetzlar vor elf Jahren. Eine damals mutige Entscheidung, für die wir allen Mitwirkenden aus Politik und Verein heute noch sehr dankbar sind, denn heute sind unsere Heimspiele das sportliche Highlight unserer Region, mit im Schnitt über 4.200 Zuschauern. Die HSG Wetzlar ist zu einer Marke geworden und wir sind stolz darauf, dass wir so lange wie kein anderer hessischer Verein durchgehend in der Handball-Bundesliga spielen. Es muss allerdings allen, denen etwas an der HSG Wetzlar liegt, klar sein, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist.“