Thielmann schockt HSG

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Aufsichtsratssprecher tritt zurück und schweigt über die Gründe

Die HSG Wetzlar hat ihren Derbysieg nicht lange genießen können. Einen Tag nach dem 26:22 im Nachbarschaftsduell der Handball-Bundesliga beim TV Hüttenberg zerriss ein Schock die Freude über den prestigeträchtigen Triumph: Manfred Thielmann, der neue starke Mann der Grün-Weißen, hat völlig überraschend seinen Rücktritt als Aufsichtsratssprecher erklärt.

 

"Ich bin zur Mannschaft gefahren und habe ihr vor dem Training mitgeteilt, dass ich ab sofort die sportliche Leitung und mein Aufsichtsratsmandat niederlege, damit wieder Ruhe in den Verein kommt und die Spieler kein mögliches Alibi mehr haben", bestätigte der 53-Jährige gestern. Auslöser für diesen Schritt war offensichtlich ein Presseboykott der HSG-Profis nach dem Derbysieg gegen diese Zeitung, von dem ihr Chef nichts gewusst hatte. "Es war für mich hochpeinlich, davon erst in der Pressekonferenz erfahren zu haben", so Thielmann, der sich daraufhin noch in der Gießener Osthalle vor den Journalisten offiziell entschuldigte und "Konsequenzen" ankündigte.

Dass diese Konsequenz letztlich sein eigener Rücktritt war, hatte offenbar niemand geahnt. Nicht nur Ex-Manager Rainer Dotzauer war "im ersten Moment schockiert", nachdem er die Nachricht erfahren hatte. "So ein Mann ist schwer zu ersetzen", lobte das Dutenhofener Urgestein seinen "Nachfolger" indirekt.

Thielmann hatte zuletzt mit der Verpflichtung von Nationalspieler Michael Müller (Rhein-Neckar Löwen), dem Ex-Internationalen Jens Tiedtke (TV Großwallstadt) und Tobias Reichmann von Rekordmeister THW Kiel aufhorchen lassen und sich auch beim Bemühen um weitere Neuzugänge als Macher der HSG Wetzlar öffentlich profiliert.

Geschäftsführer Björn Seipp: " Wir werden die Nachfolge intern lösen"

Ein Machtvakuum soll es bei der Spielgemeinschaft aus Dutenhofen und Münchholzhausen nicht geben. "Alle anderen Aufsichtsratsmitglieder haben sich bereits getroffen und erklärt, dass sie weitermachen. Wir werden die Nachfolge intern lösen und unseren Cheftrainer Gennadij Chalepo sowie seinen Assistenten Yasmin Camdzic für die sportliche Weiterentwicklung stärker mit einbinden", erklärte HSG-Geschäftsführer Björn Seipp, der sich von Thielmanns Schritt ebenfalls "total überrascht" zeigte und ihm ausdrücklich für seine "sehr gute Arbeit" dankte.

"Wir waren alle wie vor den Kopf gestoßen", betonte auch Trainer Chalepo, den der scheidende Aufsichtsratssprecher zuvor informiert hatte, bevor er vor die Mannschaft trat. "Es muss auch ohne Manfred weitergehen. Wir haben schon drei gute Neuzugänge, aber wir brauchen noch jemanden für die Abwehr und eventuell für den Kreis", ergänzte der ehemalige weißrussische Nationalspieler, den Thielmann nach dem Weggang von Michael Roth zum Bundesliga-Konkurrenten MT Melsungen als Chefcoach durchgesetzt hatte und als dessen "Fan" sich sein Chef noch unmittelbar vor der Demission im Abschluss an den Sieg über Hüttenberg ausdrücklich outete.

Vor dem von der Mannschaft verhängten Presseboykott hatte der "Fall" Andrej Klimovets für Unruhe - und auch für Kritik an Thielmann - gesorgt. Der vor der Partie gegen Frisch Auf Göppingen verpflichtete, zuletzt vereinslose Weltmeister von 2007 hatte offensichtlich zumindest formal auch eine Spielberechtigung für den Pfälzer Oberligisten TSG Haßloch, bei dem er zwischenzeitlich mittrainierte. Aus diesem Grund droht der HSG der Verlust des 26:25-Sieges über Göppingen. "Wir sind fest überzeugt, dass wir die sportlich gewonnenen Punkte auch juristisch behalten werden. Wir haben von der HBL die Spielgenehmigung für Andrej Klimovets erhalten und ihn folgerichtig eingesetzt", hatte sich der damalige Aufsichtsratssprecher am Freitag noch kämpferisch gegeben und einen Weg durch alle sportgerichtlichen Instanzen angekündigt.

"Für mich gibt es keinen Fall Klimovets", betonte Thielmann gestern und verwies darauf, bei der kurzfristigen Verpflichtung des Wunschspielers von Trainer Chalepo ebenso "alles richtig" gemacht zu haben wie die Mitarbeiter der Geschäftsstelle der HSG.

Ob die Vorgänge um Ex-Nationalspieler Timo Salzer, dessen Vertrag Thielmann nach sechs Jahren nicht verlängern wollte, zum Rücktritt führten, ließ der Geschäftsführer des Reisebüros Gimmler und der Wetzlarer Verkehrsbetriebe offen. "Die ehrenamtliche Arbeit bei der HSG war mein Hobby. Aber ein Hobby muss Spaß machen. Mein wahrer Beweggrund zum Rücktritt bleibt in meinem Kopf. Wie es in mir aussieht, braucht keinen zu interessieren", ergänzte der Familienvater eines erwachsenen Sohnes vieldeutig.

Er gehe erhobenen Hauptes und in der Gewissheit, "die HSG Wetzlar auf sehr vernünftige Füße gestellt" zu haben. Nun müsse wieder Ruhe einkehren, erklärten Manfred Thielmann und sein Vorgänger Rainer Dotzauer unabhängig voneinander. Genau das Gegenteil ist seit gestern für die kommenden Tage vorprogrammiert.

Thomas Hain