Unterhaltsam, das war aber auch schon alles

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Chalepo-Team wird Heimspiel-Druck nicht los Mit Salzer und Weber den Sieg eingewechselt Schiedsrichter ohne Linie

Als Richard Wöss, der flinke und abschlusssichere Rechtsaußen des Bergischen HC, in der 40. Minute zur 19:18-Führung des Aufsteigers einwarf, sah sich Wetzlars Trainer Gennadij Chalepo zum Handeln gezwungen. Mit Timo Salzer und Nikolai Weber wechselte er im Doppelpack exakt jene beiden Akteure ein, die wegen ihrer Zehen- bzw. Schulterblessuren bei einem positiveren Spielverlauf eigentlich noch hätten geschont werden sollen. So aber hatte sich die HSG Wetzlar im dritten Bundesliga-Heimspiel in Folge gegen einen der Erstliga-Neulinge 40 Minuten lang erneut selbst gegeiselt und in Anbetracht des Heimspiel-Drucks nicht einmal zu einem Befreiungsschlag ansetzen können. Gefahr im Verzug also. 20 Minuten später war die Geschichte des Spiels geschrieben. Mit Salzer und Weber kam die Wende, mit dem strukturierten Mittelmann und dem zuweilen spinnenartig reagierenden Torhüter fanden die Grün-Weißen vor 3180 Zuschauern doch noch in die Erfolgsspur und kamen letztendlich zu einem 33:28 (14:13)-Sieg, der in seiner zahlenmäßigen Überlegenheit den Verlauf der Partie jedoch nicht in der entsprechenden Relation wiedergab.

 

Der noch immer nicht ganz zu alter Form zurück gefundene Kreisläufer Kari Kristjan Kristjansson sah dies ähnlich, auch für ihn wechselte Trainer Chalepo in der 40. Minute mit Timo Salzer und Nikolai Weber den Sieg ein. »Timo hat eine riesen Performance gezeigt, Niko gerade bei den Gegenstößen uns im richtigen Moment den Rücken freigehalten.«

Genau genommen waren es sieben Minuten, in denen das Duell in die grün-weiße Richtung gelenkt wurde. In der 44. und 46. Minute parierte Weber spektakulär gegen die frei durchgebrochenen Richard Wöss und Hendrik Pekeler. In der 44. und 48. Minute nahm Kristjansson dankend die genialen Kreisanspiele von Salzer zu seinen ersten beiden Treffern (20:21, 22:21) überhaupt an. In der 47, 49. und 51. Minute war es der für Ruhe und viel mehr Ordnung sorgende Spielmacher selbst, der mit seinen drei Treffern von der Mitte aus für die erste Wetzlarer Drei-Tore-Führung der Partie (25:22) sorgte.

Das waren die schon lange überfälligen Beruhigungspillen. Gennadij Chalepo, der als Trainer an der Seitenlinie viel Energie aufbringen musste, wurde sogar pathetisch: »Die letzten 15 Minuten mit den drei Toren von Timo und dessen Anspiele an den Kreis haben uns das Leben gerettet.« »Wir haben Timo Salzer mit seinen Schnellschlagwürfen nicht in den Griff bekommen«, bestätigte BHC-Trainer HaDe Schmitz die Spielanalyse der Hausherren, »dennoch ist diese Niederlage ein Schritt nach vorn für uns«. Das sah auch BHC-Geschäftsführer Adam so: »Wir waren große Zeit des Spiels die bessere Mannschaft und haben zur Pause sogar gefühlt vorne gelegen.«

In der Endphase nutzte dem Bergischen HC auch eine schnelle Mitte nichts mehr. Wetzlar hatte sich - dank Salzer und Weber - stabilisiert und beim 31:26 in der 57. Minute durch einen Siebenmeter von Kevin Schmidt die Muss-Heimpunkte fünf und sechs sicher. »Das war Abstiegskampf, der fühlt sich zu Beginn einer Runde halt anders an als zu einem späteren Zeitpunkt«, hofft Co-Trainer Jochen Beppler, dass das HSG-Team in den nächsten Heimpartien dann endlich befreiter aufspielt. Gegen HBW Balingen/Weilstetten aber ist die Ausgangssituation nur wenig anders.

Fakt bleibt, dass die HSG Wetzlar in allen bisherigen drei Heimspielen spielerisch nicht an die Leistungen der Vorsaison herangereicht hat. Unterhaltsam war es jedesmal. Gegen Hildesheim, Hüttenberg und den Bergischen HC – und erfolgreich. Das war aber auch schon alles.

Gegen die Knudsen, Karason und Co. fehlten am Sonntag über zwei Drittel der Distanz Tempo und eine ordnende Hand. Der Angriff wirkte nicht so, als gäbe es die jüngste wissenschaftliche Erkenntnis, die Lichtgeschwindigkeit übertreffen zu können. Am Kreis fehlte jedwede Spritzigkeit, um helfend für die eigene Aufbaureihe Wurflücken zu schaffen. Die sieben kassierten Gegentreffer in Überzahl (!) waren nicht nur statistisch gesehen eine Katastrophe. Und so konnten die Mittelhessen froh sein, dass auch die Wuppertal-Solinger Gemeinschaft in Anbetracht der Vielzahl eigener Stockfehler in den letzten Tagen wohl zu oft in der Spätsommer-Sonne gesessen haben muss, denn sonst hätte diese vor allem im ersten Abschnitt mehr Kapital aus den Wetzlarer Unzulänglichkeiten geschlagen. Brachiale Einzelaktionen überwogen hüben wie drüben, nach gebundenem Spiel musste beidseits oft mit dem Fernglas gesucht werden.

Dazu kamen auf Wetzlarer Seite im Deckungszentrum elementare Probleme mit dem 2,03 m großen BHC-Kreisläufer Hendrik Pekeler, den man selten hinter sich und den Ball bringen und in der Regel nur auf Kosten von Siebenmetern halten konnte. Und da auch die gesamte Spielsteuerung stotterte (ob im Gegenstoß oder in - wie erwähnt - Überzahl), wankte die HSG von einer (6:8, 17.,Timeout) Verlegenheit in die andere (19:21, Oelze, 43.). Zum Glück begannen exakt hier die sieben siegbringenden Bundesliga-Minuten, da nach Adnan Harmandic und Alois Mraz nun Timo Salzer die Spielsteuerung übernommen hatte.

Probleme mit dieser, vor allem bei der Stürmerfoul-Ahndung, hatten in verstärktem Maß auch die beiden Schiedsrichter als eben wesentlicher Bestandteil der Partie. Deren fehlende Linie war für den Sonntag eine (ärgerliche) Momentaufnahme, die fehlende Linie im Wetzlarer Spiel wird Trainer und Mannschaft hingegen noch länger beschäftigen müssen.

HSG Wetzlar: Marinovic, Weber; Schmidt (7/3), Valo (5), Jungwirth (3), Mraz (3), Müller (3), Chalkidis (2), Fäth (1), Harmandic (1), Friedrich (2), Kristjansson (3), Salzer (3), Hahn (n.e.)

Bergischer HC: Stochl, Huhnstock; Behr, Hoße (1/1), Klev (2), Nippes, Oelze (4/3), Wöss (7), Reinarz (1), Böhm (1), Knudsen (4), Pekeler (4), Karason (4), Quade

Schiedsrichter: Pritschow/Pritschow (Leinfelden/Stuttgart)
Zuschauer: 3180
Zeitstrafen: Chalkidis (38.), Salzer (52., beide Wetzlar); Nippes 810.), Böhm (20.), Knudsen (48.), Pekeler (24., 38., alle BHC)
Siebenmeter: 4/4:4/4
Torfilm: 4:4 (10.), 8:10 (23.), 14:13 (30.);
18:18 (38.), 21:21 (47.), 25:22 (50.), 29:25 (55.), 33:28 (Endstand)

Ralf Waldschmidt