Am Druck gescheitert! HSG Wetzlar enttäuscht beim REWE Final Four

Bild: Florian Gümbel

DKB Handball-Bundesliga

Mittelhessen mit desaströser 1. Halbzeit gegen TSV Hannover-Burgdorf - Halbfinale geht am Ende mit 19:24 verloren

Gänsehautatmosphäre in der Hamburger Barclaycard-Arena. 1000 Fans jubelen der HSG Wetzlar beim Einlaufen zum Pokalhalbfinale lautstark zu, brüllen Spielernamen in die 13 000-Zuschauer-Arena, die beim Final Four restlos ausverkauft ist. Doch danach jubelt nur noch einer - der Gegner. Der TSV Hannover-Burghof zeigt sich den übernervösen Mittelhessen in allen Belangen überlegen und zieht mit einem 24:19 (15:4)-Erfolg ins Endspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen ein. Wobei die desaströse erste Halbzeit die Domstädter später fast schon ratlos zurücklässt. "Die erste Halbzeit", schüttelt HSG-Trainer Kai Wandschneider den Kopf, "ist schwer in Worte zu fassen." 

Nach der stimmungsvollen Lasershow vor dem Anpfiff geben die Wetzlarer Anhänger durchweg ihr Bestes, doch die Mannen auf dem Feld verlieren nach einem völlig verpatzten Start komplett das Selbstvertrauen, auch den letzten Hauch von Spielkontrolle und jede Initiative. Kurzum: Das größte Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte beginnt schlimm und setzt sich von Minute zu Minute schlimmer fort bis zum Pausenpfiff. "Wir haben dem Druck nicht standgehalten", ist die deutliche Erklärung Wandschneiders auf das einseitige Geschehen. Die Wetzlarer agieren vier der ersten fünf Minuten in Überzahl und liegen dennoch durch zwei Treffer des starken Rückraum-Linken Fabian Böhm mit 0:2 hinten. Auch Kaspar Kvists Anschlusstreffer beruhigte die Nerven nicht. Im Gegenteil: Nationalspieler Kai Häfner, der grandiose TSV-Regisseur Morten Olsen und Außen-Ass Mortensen lassen die Hannoveraner bis zur 15. Minute auf 6:1 davonziehen. Ein grauenvoller Start. Ein Start, dem jedoch ein kompletter Blackout folgt. Was der fassungslose HSG-Coach Kai Wandschneider auch an Wechseln, Auszeiten und taktischen Kniffen versucht, nichts, aber auch gar nichts vermag das große Zittern in der Wetzlarer Offensive zu beenden. "In der Anfangsphase haben wir alle freien Würfe vergeben, Hannover damit aufgebaut und stark gemacht", der Trainer. "Die Recken" ziehen Tor um Tor um Tor davon. 12:3 steht es nach 25 Minuten. TSV-Schlussmann Martin Ziemer pariert einfach jeden, der aber auch nicht gerade prächtig geworfenen Wetzlarer Würfe. Und spätestens als Olsen die HSG-Abwehr per Kempatrick (29.) demoralisiert, ist die Partie überaus frühzeitig gelaufen. Eine Halbzeit zum Vergessen. Ein aus Wetzlarer Sicht tragisches Beispiel für Angst essen Seele auf. "Wir haben heute relativ klar gesehen, dass Spitzensport auch Kopfsache ist", glaubt auch HSG-Geschäftsführer Björn Seipp. 

Was auch immer Kai Wandschneider seinen Mannen in der Kabine erzählt hat: Es hilft. Zumindest soweit, den eh schon schlimmen Schaden zu begrenzen. Niko Weber kommt ins Tor und hält mit einer " Leistung gegen seinen Ex-Verein dabei, dass der Rückstand etwas zusammengeschmilzt ("("Niko hat eine herausragende Leistung gezeigt", so Seipp). Anton Lindskogg entlastet am Kreis nun Kohlbacher und ist dabei überaus treffsicher. "Da haben wir Moral bewiesen", sagt Weber später. Dass es nicht sogar nochmal knapp wird, als die HSG auf 11:18 beispielsweise durch Björnsens Doppelpack oder auf 15:22 (49.) durch Stefan Kneer herankommt, hat Hannover vor allem einen Mann zu verdanken: Torhüter Martin Ziemer bleibt der Mann des Spiels und raubt den Wetzlarer Angreifern immer wieder den letzten Nerv. Nach der 19:24-Niederlage steht der Frust den HSG-Akteuren in die Gesichter geschrieben, als die Hannoveraner ausgelassen durch die Halle tanzten und sich von ihren Fans für eine fantastische Leistung feiern lassen. Aber gefeiert werden schließlich auch die Verlierer: Die Wetzlarer Fans applaudierten ihren Idolen noch minutenlang, auch wenn der große Traum geplatzt ist. "Was die Fans" staunt Weber anschließend immer noch, "hinbekommen haben, ist aller Ehren wert." Mehr als die Ehre war aber schließlich nach diesen fast schon unerklärlichen ersten 30 Minuten auch nicht zu retten.

Quelle: Giessener Anzeiger/Karsten Zipp