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Björn Seipp im Interview: „Wir sprechen in keiner Weise von einer normalen Saison!“

LIQUI MOLY Handball-Bundesliga

Seit Mitte März hat sich die Welt verändert und somit auch der Sport. Das Corona-Virus macht auch dem Handball, der stärksten Liga der Welt und somit der HSG Wetzlar schwer zu schaffen. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch im Alltäglichen. Was bis zum Ausbruch der Pandemie als selbstverständlich erschien und hilfreich war, fehlt heute: im Kleinen wie im Großen. Der Mediendienst der Grün-Weißen hat sich mit Geschäftsführer Björn Seipp über die Auswirkungen von Corona auf das Tagesgeschäft, die Integration der Neuzugänge und den Saisonstart der HSG Wetzlar unterhalten. Dazu hat der 46-Jährige einen Ausblick gewagt.  

Herr Seipp, die HSG Wetzlar hatte zum Saisonstart ein als extrem schwierig eingestuftes Auftaktprogramm vor der Brust. Wie sind Sie heute mit dem Rundenbeginn zufrieden?

Björn Seipp: „Wir haben 8:6-Punkte auf dem Konto – das ist bislang eine ganz, ganz starke Leistung unserer Mannschaft, wenn man überlegt, gegen welche Gegner wir zu spielen hatten. Natürlich sticht der überdeutliche Heimsieg gegen den THW Kiel bei den Fans heraus, weil er so besonders ist, aber die Auswärtssiege in Minden und beim Bergischen HC waren nicht weniger wichtig. Bei beiden Teams hatten wir zuvor schon lange nicht mehr gewonnen. Unter den ganzen Umständen, die uns die Pandemie beschert hat, hat unser Team bislang einen tollen Job gemacht. Und die Mannschaft ist hungrig, will mehr! Das spürt man auch im Training.“

Wie sind die von Ihnen genannten Umstände für die Spieler und Trainer zu beschreiben?

„Als extrem schwierig, in der Hinsicht, sich mental voll auf das Eigentliche, nämlich den Handballsport zu konzentrieren. Im gemeinsamen Training geht das, da bekommen alle mal die Köpfe frei. Ansonsten geht es gefühlt mehr um Corona-Testungen, positive oder negative Laborergebnisse, Vorsorge zur Vermeidung von Quarantäne oder die Diskussion um fehlende Zuschauer als um Tore, Punkte und den nächsten Gegner – aber das kann man in dieser komplexen Situation niemandem verübeln. Alles in allem machen das unsere Jungs richtig gut. Wenn man sieht, wie uns Corona täglich umtreibt, ist die Leistung unserer Mannschaft noch höher einzustufen, denn wir sprechen seit dem Start im Juli in keiner Weise von einer normalen Saison.“

Wie meinen Sie das genau?

„Die Pandemie und ihre Auswirkungen beschäftigt alle Menschen und somit auch unsere Spieler, Trainer und Mitarbeiter rund um die Uhr. Auch sie haben Angst um ihre Gesundheit und die ihrer Familien. Dazu kommt, dass viele Spieler weit von ihren Eltern und Freunden getrennt leben und somit nicht direkt da sein können, wenn mal etwas sein sollte. Auch die Angst um die Zukunft des Profihandballs und ihre Jobs ist da. All das und die Auswirkungen der stetig neuen Restriktionen sind nicht so einfach auszublenden, wenn ein Training oder ein Spiel ansteht. Das, was die Welt derzeit zu erleiden hat, haben wir noch nicht erlebt und ist für uns somit nicht vergleichbar. Deshalb sollten wir auch nicht den Fehler machen, Leistungen von Einzelnen oder Mannschaften aus irgendeiner Spielzeit mit denen in dieser Saison zu vergleichen.“

Sie sagen, dass es die Neuzugänge am schwersten hatten beziehungsweise haben. Warum?

„Sie müssen sich unter den schwierigsten Umständen bei einem neuen Club beweisen, die man sich nur vorstellen kann. Zunächst einmal haben alle ihre Verträge vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie bei uns unterschrieben, also unter anderen Voraussetzungen. Dann veränderte das Virus auch die Möglichkeiten von Urlaub und der individuellen Vorbereitung für die neue Saison – das gilt aber für alle Spieler. Im Juli, nach der Ankunft in Wetzlar und einem neuen Umfeld, musste dann mehr oder weniger direkt über Vertragsanpassungen und Gehaltsverzichte gesprochen werden und auch die Rahmenbedingungen sind komplett anders als für alle Neuzugänge in den Jahren zuvor.“

In welcher Weise?

„Das fängt damit an, dass wir auf unser Sommertrainingslager im Ausland verzichten mussten, das normalerweise immer etwa eine Woche dauert. Diese intensive Zeit ist fast die Wichtigste im Hinblick auf die Integration der neuen Spieler. Dazu untersagen die Corona-Restriktionen zum Beispiel teaminterne Feiern mit den Familien oder auch die so wichtigen Fanbegegnungen, dazu noch alltägliches, wie das Umziehen in einer gemeinsamen Mannschaftskabine. Seit Sommer sind die Spieler aus Abstandsgründen und zur Vermeidung von Quarantäne in zwei Kabinen untergebracht, müssen unter anderem auf die heißgeliebten Kabinenfeste – beispielsweise als Einstand für neue Spieler – verzichten. Gemeinsame Aktivitäten außerhalb des Handballfeldes waren so leider sehr selten und werden es absehbar wohl auch bleiben. Das alles erschwert das Kennenlernen, das Ankommen und das Teambuilding.“

Und wie bewerten Sie die Leistungen der fünf Neuen Magnus Fredriksen, Philip Henningsson, Emil Mellegard, Patrick Gempp und Ivan Srsen?

„Das ist nicht meine Aufgabe, sondern die der Trainer. Ich kann nur sagen, dass es sich vollends bestätigt hat, dass Magnus, Philip, Emil, Patrick und Ivan nicht nur sportlich zu 100 Prozent zur HSG Wetzlar passen, sondern auch menschlich, weil sie tolle Typen sind. Ich finde jeder von ihnen hat bereits gezeigt, welche Stärken er einbringen kann, um uns zu helfen, erfolgreich zu sein. Neben den beschriebenen, außergewöhnlich schwierigen Umständen, die uns die Pandemie beschert hat, hatten Ivan und Patrick leider auch mit erheblichen köperlichen Problemen zu kämpfen. Ivan hatte ein verdammt schweres Jahr, nachdem er sich einige Monate vor seinem Wechsel zu uns eine heftige Schulterverletzung zugezogen hatte. Der Prozess, bis Ivan wieder bei 100 Prozent ist, dauert noch an. Das ist aber keine Überraschung und ganz normal für die Art und Intensität der Verletzung. Für Patrick hätte der Start in Wetzlar nicht schlechter laufen können. Auch wenn wir alle froh über die Diagnose der Kardiologie sind und auch darüber, dass alles ausgestanden ist, darf man nicht vergessen, dass Patrick fast zehn Wochen außer Gefecht war. Es wäre für ihn als jungen, talentierten Spieler auch schon ohne die Zwangspause eine große Herausforderung gewesen, in der 1. Liga Fuß zu fassen.“

Das heißt, Sie sind grundsätzlich zufrieden?

„Absolut. Ich bin froh, dass alle fünf bei uns sind und mir sicher, dass wir noch viel Spaß an ihnen haben werden. Magnus Fredriksen hat beispielsweise schon bewiesen, welches Spielmachertalent er ist und wie wertvoll er kurz- und langfristig noch für uns sein wird. Philip Henningsson scheint immer besser mit der Körperlichkeit in der HBL zurecht zu kommen und sich in seiner Rolle mehr und mehr wohl zu fühlen und Emil Mellegard hat eine wahnsinnige Dynamik und dazu ein tolles Wurfrepertoir. Auch er braucht noch Zeit, macht aber, wie die anderen auch, jeden Tag wichtige Schritte in die richtige Richtung.“

Nochmal kurz zurück zu dem Einfluss der Pandemie auf die Handball-Bundesliga. Hat das Hygienekonzept der HBL ihrer Meinung nach bislang funktioniert?

„Ein klares Ja. Bis zu der ‚National Team Week‘, also der Länderspielwoche, sind wir in der 1. Liga wirklich toll durchgekommen und hatten die Lage im Griff. Natürlich gibt es nie eine hundertprozentige Sicherheit, aber das von Experten entwickelte Modell, das jedes Team eine eigene ‚Blase‘ bildet hat bis dahin funktioniert. Wir testen unsere Spieler, Trainer und Verantwortliche mindestens zwei Mal pro Woche. Wahrscheinlich gehören wir damit zu den am besten geschützten Beschäftigten in Deutschland. Dementsprechend sollte man Vertrauen in unser Hygienekonzept und die Gesundheitsämter haben. Durch die Berufung von Spielern zu ihren Nationalmannschaften mussten diese zuletzt ihr gewohntes Umfeld verlassen, somit aus ihrer ‚Blase‘ heraus. Was passiert, wenn sie Spieler aus unterschiedlichen Vereinen zu Lehrgängen treffen und dabei über Tage engen Kontakt haben, haben wir leidvoll erfahren, ohne dabei einem Verband einen Vorwurf machen zu wollen. Bleibt zu hoffen, dass wir daraus unsere Lehren ziehen und die an Corona erkrankten Spieler schnell wieder vollends gesund werden.“

Blicken wir noch gemeinsam in die Zukunft. Was erwartet uns in den kommenden Wochen?

„Eine schwere Zeit, durch die wir gemeinsam durch müssen. Ich hoffe inständig, dass sich der Aufwand, die Investition und das Knowhow, das wir in die Hygienekonzepte gesteckt haben, dahingehend auszahlt, dass wir so bald wie möglich wieder mit Zuschauern spielen können, denn Profisport ohne Fans im Stadion oder in den Arenen ist gar nichts. Man hat bei unserem Heimspiel gegen Melsungen gesehen, was das mit den Spielern, Trainern und Verantwortlichen macht. Natürlich hat die Bekämpfung der Pandemie und die Gesundheit der Menschen Priorität. Die politischen Entscheidungen, die das Gewährleisten sollen, sind absolut zu akzeptieren, sie sollten jedoch mit der entsprechenden Verhältnismäßigkeit getroffen werden. Nachweislich hat sich bei einem Sportevent mit Zuschauern kein Besucher mit dem Corona-Virus angesteckt. Das heißt, die Hygienekonzepte haben funktioniert und werden es auch wieder tun, wenn man sie denn anwenden darf. Ich hoffe im Dezember, so recht glauben kann ich es aber leider nicht.“

Was würde es bedeuten, wenn das Zuschauerverbot aufrecht erhalten werden würde?

„Dass die Luft bei den Clubs immer dünner wird. Bei den ersten Planungen im Sommer hieß es, dass wir uns zwei, drei, maximal vier Geisterspiele leisten können, mehr aber nicht. Bleiben Zuschauer im Dezember verboten, werden es wohl acht bis zehn Geisterspiele pro Club bis Jahresende sein. Das geht bei den meisten nur, weil es die Soforthilfe vom Bund für entgangene Ticketeinnahmen gibt. Geld, das helfen wird, diese Wochen wirtschaftlich zu meistern, in wenigen Wochen aber auch aufgezehrt sein wird. Erstreckt sich das Zuschauerverbot ins neue Kalenderjahr, vielleicht sogar bis März oder April, wer weiß das heute, dann wird es ohne weitere Hilfspakete vom Staat nicht gehen. Für uns kann ich sagen, dass wir unheimlich treue und verständnisvolle Sponsoren haben, die uns in überwältigender Art und Weise die Stange halten, aber die fehlenden Ticketeinnahmen sind nicht zu kompensieren, wenn der Bund oder die Länder dann nicht einspringen. Deshalb hoffe ich inständig auf die Rückkehr zu Spielen mit Zuschauern, im Sinne der Fans, aber auch der Spieler und Trainer.“

Heiß diskutiert wird ja auch die WM im Januar in Ägypten. Wie ist Ihr Meinung dazu?

„Eine Handball-WM ist das Highlight unserer Sportart und ich stimme jedem zu, der sagt, dass es wichtig ist, dass wir eine starke deutsche Nationalmannschaft bei einer WM haben, die erfolgreich ist und so vor einem Millionenpublikum Werbung für unseren Sport macht. Absolut richtig und wichtig, in normalen Zeiten – aber nicht, wenn sich die Menschheit mit einer weltweiten Gesundheitskrise herumschlägt. Dann ist eine Handball-WM, egal wo sie ausgetragen wird, mit 32 Mannschaften ein viel zu hohes gesundheitliches Risiko für die Teilnehmer und meiner Meinung nach auch ein falsches Signal, das unsere Sportart an die Gesellschaft aussendet. Natürlich geht es bei einem solchen Event um Wirtschaftlichkeit und viel Geld, das bei den Verbänden dringend benötigt wird. Deshalb sollte man das Turnier auch nicht absagen, sondern Überlegungen weiter forcieren, die WM und alle nachfolgenden internationalen Turniere um ein Jahr zu verschieben. Oder wenigstens das anstehende Turnier von Januar in den Juni zu verlegen. Dann wäre eventuell ein Impfstoff da, der hoffentlich vieles einfacher und sicherer macht. Es heißt, dass diese Ideen schon mal eingebracht und zumindest diskutiert wurden.“