Björn Seipp im Interview: "Wir stehen vor, vorsichtig gesagt, spannenden Zeiten!"

Foto: Oliver Vogler

LIQUI MOLY Handball-Bundesliga

Geschäftsführer der HSG Wetzlar äußert sich im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung unter anderem über den geplanten Rückzug der U23 aus der 3. Liga

Kein neuer Hauptsponsor und zurückgehende Zuschauerzahlen einerseits, steigende Kosten und Anforderungen andererseits. Die HSG Wetzlar steht seit nunmehr 22 Jahren vor immer neuen Herausforderungen, um die wirtschaftliche Basis für das Überleben in der Handball-Bundesliga zu legen. Dazugehören auch unpopuläre Maßnahmen wie jetzt der zum Saisonende angekündigte Rückzug der U23 aus der 3. Liga.

Für die Stammvereine TSV Dutenhofen und TV Münchholzhausen sowie die HSG Wetzlar GmbH & Co.KG aber ist diese Maßnahme alternativlos. Wie einst das Zusammengehen zur HSG Dutenhofen/Münchholzhausen oder der Namensänderung zu HSG D/M Wetzlar. Ohne diese weitsichtigen Schritte gäbe es den Handball-Erstligisten HSG Wetzlar heute schon nicht mehr. 

Geschäftsführer Björn Seipp (45) erklärt im Interview mit der Gießener Allgemeinen Zeitung die Gründe und Hintergründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben. Und deutet an, dass es darüber hinaus längst Gedankengänge bezüglich einer Konzentration der Handball-Kräfte in Mittelhessen gibt.

Herr Seipp, vorneweg. Das erste Saisondrittel ist gespielt, die Bundesliga in der Länderspielpause. Welches Zwischenfazit lässt sich aus Ihrer Sicht für die HSG Wetzlar ziehen?

Seipp: »Wenn ich auf die Tabelle schaue, ist es sehr gut gelaufen. Vor allem muss man sehen, gegen wen wir zuletzt alles gespielt haben. Natürlich hätten wir uns gegen Lemgo einen anderen Start gewünscht, da haben wir zwei Punkte liegen lassen. Die wurden dann zu Hause gegen Flensburg und Magdeburg aber wiedergutgemacht. Das war überragend. Wir haben alle Aufgaben mehr als zufriedenstellend gelöst. Es ist kein Beinbruch, wenn man gegen absolute Topteams wie die Rhein-Neckar Löwen, Melsungen oder Kiel verliert.«

Die dreieinhalb Wochen Bundesliga-Pause kommen deshalb doch ganz gelegen.

Seipp: »Da gehen die Meinungen auseinander. Ich denke, nach dem jüngsten Monsterprogramm ist es ganz gut, dass wir mal ein wenig durchpusten können, auch wenn dreieinhalb Wochen Pause etwas zu lang sind. Danach kommen Hannover und in den Wochen darauf Teams, gegen die wir wieder punkten können beziehungsweise zum Teil auch müssen.«

Wie sehen Sie das Team für die Zukunft aufgestellt?

Seipp: »Das Wesentliche ist, dass wir in der Führungscrew seit über acht Jahren Beständigkeit haben und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Im Hinblick au die Zusammenstellung der Mannschaft wollen wir uns die Entwicklung einzelner Spieler in den kommenden Wochen noch etwas genauer anschauen, ehe wir endgültige Entscheidungen treffen. Den Trend der Spitzenclubs und Berater Verträge immer früher zu schließen, zum Teil schon ein Jahr im Voraus, gehen wir nicht mit. Klar ist aber, dass es im kommenden Sommer Veränderungen geben wird, mehr als in diesem Jahr.“

Die HSG Wetzlar darf sich dabei keine Fehlschüsse leisten.

Seipp: »Bei uns muss jede Entscheidung sitzen - ob bei den Neu- oder Weiterverpflichtung. Fehler können wir uns nicht leisten. Unsere Entscheidungen haben immer Auswirkungen auf das Kollektiv und das Zusammenwirken der Mannschaft auf und neben dem Spielfeld. Jeder unserer Spieler muss zu 100 Prozent zu uns passen - handballerisch und menschlich. Wir können nur über ein funktionierendes und ehrgeiziges Team erfolgreich sein. Das war in den vergangenen Jahren so und wird auch künftig so bleiben.«

Das ist die sportliche Seite. Wirtschaftlich geht die Suche nach einem neuen Hauptsponsor aber sicher weiter?

Seipp: »Ja, natürlich. Wir fahren weiterhin zweigleisig und bemühen uns um den einen Hauptsponsor, der uns wirtschaftlich weiter voranbringt und uns mehr Planungssicherheit gibt. Auf der anderen Seite ist auch unser Konzept ‚17 UND WIR’ toll angelaufen und kann auch eine Lösung für die Zukunft sein. Unsere Partner sind bislang vollends zufrieden."

Wie realistisch ist die vor einem Jahr angesprochene, notwendige Etataufstockung?

Seipp: »Wir müssen in der Handball-Bundesliga Schritt halten, wenn wir langfristig dazugehören wollen. Allerdings leben alle Clubs davon, dass es der Wirtschaft und den Sponsoren gut geht. Nur dann lassen sich Etataufstockungen realisieren. Mit Blick auf die zu erwartende Rezession kann in naher Zukunft aber auch bereits die Wahrung des Bestands oder der verantwortungsbewusste Umgang mit etwas weniger Mitteln eine beachtliche Leistung sein. Wir stehen vor, vorsichtig gesagt, spannenden Zeiten." 

Eine perfekte Überleitung zum Kernthema. Der Entschluss, die U23 am Ende der Saison aus der 3. Liga zurückzuziehen, steht. Wie ist es dazu gekommen?

Seipp: »Das ist das Ergebnis aus zahlreichen Gesprächen mit den Vorständen unserer Stammvereine und einem abschließenden Meeting, bei dem auch unsere Aufsichtsräte dabei waren. Wir mussten einfach feststellen, dass wir langfristig nicht die Mittel zur Verfügung haben, um eine 2. Mannschaft in der 3. Liga zu halten und zielführend so aufzustellen, dass das Team als echter Unterbau für die Bundesliga-Mannschaft dient. Wir haben den mit Abstand niedrigsten Etat aller Drittligisten in Deutschland und sind jetzt schon personell unterbesetzt. Erfahrene Akteure wie Timo Ludwig oder Tim Weber haben im Sommer aufgehört. Talentierte Spieler wie Matthias Schwalbe oder Tim Rüdiger sind zu finanzkräftigen Dritt- oder Zweitligisten gewechselt. In Mittelhessen haben wir für sie keinen Ersatz gefunden. Andere Spieler, die sportlich für die 3. Liga - mehr aber auch nicht - in Frage gekommen wären, konnten wir nicht bezahlen. Bei ein paar anderen kam zum nicht können auch das nicht wollen hinzu, da es bei einer U23 auch um Identifikation mit dem Verein und der Region geht, nicht um Söldnertum." 

Die 3. Liga ist eben Teilprofitum. Da kommen die Spieler auch aus 50 bis 150 km Entfernung.

Seipp: »Exakt. Und letztlich kämen diese Spieler nur, um hier 3. Liga zu spielen und um Geld zu verdienen. Mit Anschlusskader für die Bundesliga-Mannschaft hätte das nichts zu tun. Der Abstand ist viel zu groß – ungefähr so wie der der Gießen 46ers zu den Teams in der NBA. Die Entwicklung von Till Klimpke ist etwas komplett anderes. Er ist in seinem Alter der wohl talentierteste Torhüter der Welt. Dazu kommt, dass er seit Jahren hart mit Jasmin Camdzic arbeitet. Sein Werdegang ist das Ergebnis daraus, ein Glücksfall. Ein Sechser im Lotto. Als junger Spieler musst Du demütig sein, Geduld haben und vor allem arbeiten, arbeiten, arbeiten. Die Vorstellung, die viele haben, dass ein Spieler aus der A-Jugend kommt, ein Jahr U23 spielt und es dann fest in den Bundesliga-Kader schafft, ist Sport-Romantik pur. Das hat nichts mit der harten Realität zu tun. Selbst aus dem hochgespriesenen Magdeburger Internat spielt kein einziger Spieler, der in den vergangenen Jahren rausgekommen ist, dort in der Bundesliga. Keiner!«

Das heißt?

Seipp: »Das wir aus all diesen genannten Punkte die Konsequenz gezogen haben. Es ist doch klar, dass diese Entscheidung für emotionalen Gesprächsstoff bei unseren Fans und Partnern sorgt. Aber klar ist auch, dass wir die wirtschaftliche Verantwortung für die Vereine und die Bundesliga-GmbH haben. Die beiden Stammvereine tun, was sie können für den Nachwuchsbereich und werden dies auch weiter tun. Mehr ist aber aus strukturellen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht möglich. Auch nicht für die GmbH. Wir haben in den vergangenen Jahren jeweils einen sechsstelligen Betrag eingebracht, um die 3. Liga zu bewerkstelligen. Soll das aber nachhaltig und sportlich zielführend sein, müsste man diesen Betrag mehr als verdoppeln. Dieses Risiko können und werden wir nicht gehen. In der Situation, in der wir gerade sind, dass wir, wie fast alle Clubs der Region, Zuschauerrückgänge zu verzeichnen haben und es unglaublich schwierig ist, den Etat zu entwickeln, wäre ein solches Zusatzinvest unverantwortlich. Unverantwortlich, weil wir dem Erstliga-Etat wegnehmen müssten. Das wäre noch unverantwortlicher, weil es das Große und Ganze gefährden kann. Der Rückzug in die Oberliga, ist somit leider die einzig richtige Konsequenz. Ein einstimmiger Beschluss aller Beteiligten.« 

Welche Auswirkungen hat das auf die Jugendarbeit?

Seipp: »Die Nachwuchsarbeit von der C- bis zur A-Jugend wird weitergeführt. Das stand nie zur Debatte. Im Gegenteil: hier soll noch mehr Kraft reingelegt werden. Die Verantwortung tragen die Vereine. Die GmbH unterstützt.  Ein Teil der Mittel, die aus dem U23-Bereich frei werden, sollen unter anderem dafür genutzt werden, weitere qualifizierte Trainer zu engagieren. Klares Ziel ist auch das Vorantreiben der Kooperation und Zusammenarbeit mit dem TV 05/07 Hüttenberg. Denn wir haben hier wie dort die gleichen Probleme.«

Gibt es da einen neuen Stand?

Seipp: »Es haben schon einige Gespräche stattgefunden. Federführend sind dabei die jeweiligen Stammvereine, denen die Nachwuchsteams ja unterstellt sind. Alle Beteiligten haben, meiner Auffassung nach, die Zeichen der Zeit erkannt und wissen um die Möglichkeiten und Vorteile, die eine Zusammenarbeit bringen würden. Auch die Profibereiche kooperieren ja bereits, wie zum Beispiel bei der Ausleihe von Hendrik Schreiber, Tim Lauer und Malvin Werth.«

Also ein neuer Ansatz des Forderns und Förderns?

Seipp: » Wir können jetzt in Bezug auf die Toptalente intensiver arbeiten und Kooperationen wie beispielsweise mit Hüttenberg schmieden, ohne Rücksicht nehmen zu müssen, dass die U23 stark genug bleibt, um in einer 3. Liga Spiele zu gewinnen. Dies kann nämlich auch die Entwicklung einzelner Talente blockieren, wenn sie eigentlich schon das Format für die 2. Liga haben.«

Das Kooperationsmodell gab es aber vor der Drittliga-Zugehörigkeit schon einmal.

Seipp: »Der Sport liefert ständig neue Erkenntnisse und Herausforderungen. Natürlich haben wir noch vor drei Jahren gesagt, die U23 muss unbedingt in die 3. Liga. In diesem Zusammenhang muss man heute klar feststellen: die U23 hat und hätte uns in der Zukunft keinen direkten Mehrwert für die Bundesliga-Mannschaft gebracht. Sportlich sind das, wie gesagt, Welten.«

Welche Idealvorstellung gibt es bei der HSG Wetzlar in Sachen Nachwuchsarbeit für die nächsten zwei, drei Jahre?

Seipp: »Das kurzfristige Ziel ist es, dass wir eigenständig in allen Altersklassen, also C- bis A-Jugend, die höchsten Spielklassen erreichen, um den Spielern die Entwicklungsmöglichkeiten auf bestmöglichem Niveau geben zu können. Auf längere Sicht hin, müssen die Vereine in Hüttenberg und Wetzlar ihre Kräfte im leistungsbezogenen männlichen Nachwuchsbereich bündeln, um für die Jugendlichen unserer Region ein Top-Produkt anbieten zu können. Eines, das Talente entwickelt und sie mit einem nachhaltigen Konzept auch davon abhält, zu finanzkräftigeren Clubs mit Internatsstrukturen, wie beispielsweise zu den Rhein-Neckar Löwen oder der MT Melsungen, zu wechseln."   

Und danach?

Seipp: »Es wäre unseriös, darüber zu spekulieren. Der erste Schritt muss im Nachwuchsbereich vollzogen werden. Ist das geschehen, kann man sich Gedanken über den nächsten machen.« 

 

Quelle: Gießener Allgemeine Zeitung/Ralf Waldschmidt