HSG Wetzlar schreibt „Handballmärchen ohne Happy End!“

Bild: www.sportfoto-vogler.de

DKB Handball-Bundesliga

Ex-Wetzlarer Steffen Fäth sichert Rhein-Neckar-Löwen 26:25-Auswärtssieg gegen starke Mittelhessen in Schlusssekunden – Björn Seipp: „Wir hätten Punkt verdient gehabt!“

Was war das für ein Krimi am Sonntagmittag in der Rittal-Arena, den insgesamt über 3,5 Millionen Menschen entweder live bei Sky oder in den Zusammenfassungen bei ARD und ZDF zu sehen bekamen. 

Die HSG Wetzlar lieferte den Rhein-Neckar Löwen einen starken Fight und musste sich am Ende nur knapp geschlagen geben. Ausgerechnet der Ex-Wetzlarer Steffen Fäth erzielte Sekunden vor dem Abpfiff den Siegtreffer zum 26:25 (15:15). „Ganz klar: Wir hätten heute einen Punkt verdient gehabt“, so Wetzlars Geschäftsführer Björn Seipp nach dem Schlusspfiff. „Ich bin stolz auf die Leistung unserer Mannschaft gegen ein Topteam Europas!“

Zwischen der HSG Wetzlar und den Rhein-Neckar Löwen entwickelte sich von der ersten Minute an eine muntere Partie. Stefan Cavor erzielte für die Hausherren zwar das 1:0 (2.), doch dann übernahmen die Löwen zunächst die Kontrolle. Mit den drei Ex-Wetzlarern Jannik Kohlbacher, Steffen Fäth und Vladan Lipovina auf dem Feld setzten sich die Mannheimer etwas ab. Das Trio konnte sich bereits früh im Spiel in die Torschützenliste eintragen: Lipovina erzielte wichtige Tore aus dem Rückraum, Kohlbacher sorgte mit einem Doppelpack für das 6:4 (8.) und Fäth netzte zum 8:5 (10.) ein. Die HSG hatte in dieser Phase mit ihrer Effektivität zu kämpfen und scheiterte wiederholt an dem gut aufgelegten Mikael Appelgren. 

Doch auch sein Gegenüber Till Klimpke bekam immer wieder seine Hände an den Ball, womit er seinen Vorderleuten eine kleine Aufholjagd ermöglichte. Die Gastgeber minimierten ihre Fehlerqoute im Abschluss und kamen so wieder heran. Nachdem Cavor auf 11:12 (23.) verkürzt hatte, legte Jacobsen die Auszeit, doch das stoppte die Gastgeber nicht, die nun vorne immer wieder Lösungen fand. So fiel kurz darauf der Ausgleich: Maximilian Holst verwandelte einen Siebenmeter, den Niels Torbrügge herausgeholt hatte, zum 12:12 (25.) und nach einem Pfostentreffer von Mads Mensah Larsen ließ Kristian Björnsen gar das 13:12 (27.) folgen. Bis in die Pause konnten die Hausherren den Vorsprung jedoch nicht retten: Gudjon Valur Sigurdsson netzte per Strafwurf zum 15:15 (30.) ein. Kai Wandschneider legte zwölf Sekunden vor dem Ende zwar noch einmal die Grüne Karte, doch der letzte Ball landete in den Händen von Appelgren.

Nach der Pause agierte Wetzlar zwar aufgrund der späten Zeitstrafe gegen Herrmann noch in Unterzahl, doch Olle Forsell-Schefvert brachte die Mittelhessen mit dem ersten Angriff sofort wieder in Front. Die Löwen konterten ihrerseits allerdings mit zwei schnellen Treffern, Kohlbacher netzte zum 17:16 (34.) für die Mannheimer ein. Jacobsen ließ seine Mannschaft offensiv mit dem siebten Feldspieler agieren, wovon zunächst jedoch die Gastgeber profitierten: Öfors versenkte den Ball zum 17:17 (36.) ins verwaiste Tor. Appelgren verhinderte mit einer Doppelparade noch zwei Großchancen der Grün-Weißen. Kurz darauf lichteten sich die Reihen auf dem Feld: Gedeon Guardiola und Jesper Nielsen kassierten im Abstand von wenigen Sekunden jeweils eine Zeitstrafe.

Wetzlar konnte die doppelte Überzahl jedoch nicht zu ihrem Vorteil nutzen: Björnsen setzte den Ball von Rechtsaußen über das Tor, im Gegenzug holten die Löwen einen Strafwurf heraus, den Sigurdsson sicher verwandelte. Im folgenden Angriff agierten die Wetzlarer trotz zwei Mann mehr fast hilflos und suchten die Chance erneut über Björnsen - Appelgren parierte. So gingen die Mittelhessen ohne eigenes Tor und mit einem Gegentreffer aus der Überzahl. „In dieser Phase war es extrem bitter, dass wir kein Tor erzielen konnten“, so Wetzlars Rückkehrer Nikola „Bobby“ Marinovic. „Gegen Top-Mannschaften muss man seine Chancen nutzen, wenn man eine Aussicht auf Erfolg haben möchte!“

Die Löwen, gepusht durch die erfolgreich überstandene Unterzahl, setzten sich durch einen Siebenmeter von Sigurdsson auf 21:18 (41.) ab. Der extra-eingewechselte Nikola Marinovic war gegen den Isländer chancenlos gewesen, kam wenig später jedoch komplett für Klimpke in die Partie. Mit einer Parade gegen Patrick Groetzki sorgte er in der 50. Minute für Jubel bei den HSG-Fans, denn er ermöglichte den Ausgleich: Wetzlar trieb den Ball nach vorne und holte einen Siebenmeter heraus, den Holst gegen Andreas Palicka zum 24:24 (51.) verwandelte. Jacobsen zog eine Auszeit, doch erneut verhinderte Marinovic den Treffer der Löwen - und das zwei Angriffe hintereinander. Fünf Minuten vor dem Ende stand es so weiterhin 24:24. Da die Mannheimer Defensive und jedoch ebenfalls stand, kratzte Wetzlar wiederholt am passiven Spiel und war zu Abschlüssen gezwungen - es waren Würfe, die Palicka entschärfen konnte.

Nach einer torlosen Phase war es der in Szene gesetzte Kohlbacher, der die Löwen dreieinhalb Minuten vor dem Ende mit 25:24 in Front brachte. Wandschneoder zog die Auszeit und brachte Cavor zurück in die Partie. Der Wurf der Gastgeber landete jedoch im Block und Sigurdsson hatte die Entscheidung im Gegenstoß in der Hand - Marinovic nahm ihm den Wurf jedoch ab und parierte auch eine weitere Chance der Löwen.

Als Herrmann im Angriff den Ausgleich zum 25:25 (60.) erzielte, kochte die Halle über. Der Angriff der Löwen wurde von einem Pfeifkonzert begleitet, die Auszeit, die Jacobsen 18 Sekunden vor dem Ende zog, ging in dem Tumult fast unter. Die Mannheimer spielten den Angriff bis kurz vor Schluss aus und brachten Fäth in Wurfposition. Der Ex-Wetzlarer hämmerte den Ball in die Maschen - und traf damit mitten ins Wetzlarer Herz. Die Löwen feierten den 26:25-Sieg hingegen erleichtert.

 „Wir haben die Rhein-Neckar Löwen an den Rand der Niederlage gebracht. Schade für uns, denn wir haben heute ein Handballmärchen geschrieben. Leider ohne Happy End“, so Nikola Marinovic nach dem Schlusspfiff und sein Trainer Kai Wandschneider fügte an, „grundsätzlich war das eine bravouröse Leistung von unserer Seite. Wir lagen mit drei Toren hinten und haben uns wieder herangekämpft. Wir haben den zweifachen deutschen Meister am Rande einer Niederlage gehabt. Bitter ist natürlich, dass ein ehemaliger Spieler von uns das entscheidende Tor macht. Die Löwen haben sich in der Abwehr gesteigert in der zweiten Halbzeit, da war dann der Ballfluss bei uns nicht mehr so gut. Da war es zu statisch. Da hätte ich mir Spielfluss gewünscht. Daran werden wir arbeiten.“

Stenogramm:

HSG Wetzlar: Klimpke, Marinovic; Hermann (4), Kneer, Björnsen (1), Ferraz (2), Mirkulovski (2), Schreiber, Torbrügge (2), Weissgerber, Frend Öfors (3), Holst (3/3), Forsell Schefvert (3), Lindskog, Cavor (5).

Rhein-Neckar Löwen: Appelgren, Palicka; Schmid (4), Lipovina (4), Sigurdsson (4/3), Radivojevic, Mensah Larsen (3), Fäth (3), Groetzki (2), Taleski, Guardiola, Nielsen (2), Kohlbacher (4), Kessler.

Schiedsrichter: Lars Geipel/Marcus Helbig (Leipzig/Landsberg). – Zuschauer: 3.956. – Zeitstrafen: 8:10 Min. – Siebenmeter: 3/3:3/3.