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Kai Wandschneider: „Der Sieg beim Meister THW Kiel war das absolute Highlight!“

Foto: Oliver Vogler

LIQUI MOLY Handball-Bundesliga

Der Trainer der HSG Wetzlar blickt auf die nunmehr abgebrochene Saison zurück, wagt einen Blick in die Zukunft und vertritt eine klare Meinung zum Thema Sport in der aktuellen Corona-Krise

Der Handball-Bundesligist HSG Wetzlar hat die nunmehr abgebrochene Saison in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga auf dem 9. Tabellenplatz abgeschlossen. Genau wie seine Spieler zwingt die Corona-Krise auch Trainer Kai Wandschneider zu einer Zwangspause in Kurzarbeit und das auf unabsehbare Zeit. Im Interview spricht der 60-jährige über die abgelaufene Spielzeit, die aktuelle Situation und die kommenden Wochen und Monate.

Herr Wandschneider, wie geht’s Ihnen? Wie verbringen Sie Ihre Zeit momentan?

Kai Wandschneider: „Danke, mir geht es den Umständen entsprechend gut. Die erste Zeit war wie ein Schock: von jetzt auf gleich war die Saison unterbrochen. Erst nach und nach konnte man realisieren, was das bedeutet. Trotzdem blieb ständig die Frage im Raum: Spielen wir nochmal oder nicht? In diesem Schwebezustand war es schwer richtig abzuschalten. Es war ein 'stand by'-Modus."

Jetzt ist die Saison endgültig vorzeitig abgebrochen. Ihre Meinung dazu?

Kai Wandschneider: „Ich finde es richtig, dass sich der Handball durchgehend an den Vorgaben der Politik orientiert und lange alle Optionen offengehalten hat. Jetzt ist der Abbruch absolut alternativlos, trotzdem ist irgendwie plötzlich Schluss. Wenn diese Vorzeichen nicht wären, wäre das wahrscheinlich die entspannteste Phase der letzten 20 Jahre. So lange Pause hatten wir noch nie und das tut uns allen auch mal gut.“

Aber trotzdem doch irgendwie ungewohnt, oder?

Kai Wandschneider: „Natürlich, man muss jetzt lernen mit der Situation umzugehen. Unser Alltag ist normalerweise zu 90% durch den Handball strukturiert, das muss man jetzt ändern. Wir alle kommen somit mal zu Dingen, für die man sonst keine Zeit hat. Ich habe die Wohnung aufgeräumt und viele Sachen sortiert. Dabei halte ich mich rigoros an die Verhaltensregeln und bin gerne viel draußen. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, fahre ich viel Fahrrad. In den letzten Tagen war ich oft auf der Strecke zwischen Gießen und Wetzlar unterwegs. Ich habe dabei ganz oft Gespräche gehabt, mit Menschen, die mich vom Handball kannten. Einmal saß ich auf einer Bank in der Nähe der Rittal Arena und ein 81-jähriger Herr hat mich angesprochen, dass wir eine tolle Saison gespielt haben und er auf den Regress seiner Dauerkarte verzichtet. Das sind natürlich sehr schöne Erlebnisse und man merkt die moralische Unterstützung.“

Wie bewerten Sie unter all diesen Umständen die Corona-Abschlusstabelle?

Kai Wandschneider: „Es bleibt ein fader Beigeschmack. Ich begrüße es, dass niemand absteigt. Das ist ein echtes Zeichen der Solidarität gegenüber den Teams aus Ludwigshafen und Nordhorn. Das wäre echt ungerecht gewesen, obwohl Nordhorn mit nur vier Punkte schon deutlich abgeschlagen war. Ansonsten hat man mit der Quotientenregel versucht, alles auf einen Nenner zu bringen, aber es werden nie alle zufrieden sein. Wir wissen alle, was der Handball für Eigendynamiken hat, gerade an den letzten sechs, sieben Spieltagen. Diese sind oft gespickt mit faustdichten Überraschungen, Mannschaften wachsen über sich hinaus oder werden auch überrascht. Die Anzahl der bestrittenen Heim- und Auswärtsspiele sind in dieser Regelung auch nicht ausgeglichen. Es ist sehr schwierig, aber vermutlich ist dieser Quotient dann noch die beste Lösung. Betroffen sind vor allem die Füchse Berlin, die hoffentlich noch in den Europapokal reinrutschen, indem sie, wann auch immer möglich, ein Qualifikationsturnier gewinnen.“

So wurde auch die Meisterschaftsfrage geklärt!

Kai Wandschneider: „Die Kieler haben eine fantastische Saison gespielt, in allen drei Wettbewerben. Es ist wirklich großartig, was sie geleistet haben. Ich ziehe aber auch meinen Hut vor Flensburg oder Magdeburg. Diese Teams haben sich sicher noch eine Gelegenheit ausgerechnet und das ist natürlich schade. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir noch Tabellenachter geworden wären. Jetzt sind wir auf dem neunten Tabellenplatz und das ist auch eine überragende Platzierung. Das ist erst der fünfte einstellige Tabellenplatz in 22 Jahren Erstliga-Handball in Wetzlar, viermal haben das Jasmin Camdzic und ich geschafft. In dieser Saison hätten wir im Schnitt noch gegen den 10,5 Tabellenplatz der Liga gespielt, Leipzig noch gegen den 7,5 und Lemgo gegen den 6,5. Wir haben Leipzig auswärts geschlagen und hätten auch zuhause gewonnen. Von diesen drei Mannschaften hätten wir das leichteste Restprogramm gehabt. Trotzdem ist Platz neun eine überragende Platzierung und alle, die dazu beigetragen haben, können sehr zufrieden sein.“

Was bedeutet eine so lange Pause, von der man ja noch gar nicht weiß, wie lange sie geht für Handballprofis?

Kai Wandschneider: „Nichts Gutes. Einerseits kann man sagen, dass alle Spieler der Bundesliga seit vielen Jahren extrem überlastet sind, weil das mit Abstand die ausgeglichenste Liga und somit auch die beste Liga der Welt ist. Vor allem die Nationalspieler hatten durch Qualifikationsspiele oder internationale Spiele mit den Clubs annähernd gar keine Pausen, sowohl physisch als auch psychisch. Deshalb tut diese Phase den Spielern und Trainern wahrscheinlich auch mal gut. Normalerweise gibt es ja allerhöchstens sechs Wochen Pause. Alle werden sich mal mental und physisch grunderneuern können, das begrüße ich sehr. Wir haben aber natürlich alle keinen Handball in der Hand. Im Hinblick auf die neue Saison wirft das natürlich neue Fragen auf: Wann können wir wieder trainieren, welche Maßnahmen sind zu treffen? Was sagen uns die Virologen, die Gesundheitsämter und die Politik? Das ist alles noch offen. Das wird mit Sicherheit interessant, wenn wir drei, vier oder fünf Monate nicht als Mannschaft trainieren durften, wie wir es schaffen, das alte Level zu erreichen?“

Aber die Jungs halten sich ja zumindest selbstständig fit.

Kai Wandschneider: „Ja klar, das sind Profisportler, die brauchen die tägliche Belastung einfach auch. Physisch ändert sich trotzdem viel, denn laufen, skaten, Fahrrad fahren, Athletikübungen und Hanteltraining fordern den Körper anders, als die Anforderungen in der Halle, wie z.B. das spontane Abstoppen. Das macht mir schon Sorgen, da werden wir in der neuen Saison sehr genau hinschauen müssen.“

Schauen wir nochmal zurück. Was war für Sie das beste Spiel der abgelaufenen Saison?

Kai Wandschneider: „Das kann man so nicht sagen. Wir haben extrem viele gute Spiele gemacht. Für Wetzlar ist es völlig neu, auf dem siebten Platz der erzielten Tore zu landen. Wir hatten uns in diesem Bereich vorgenommen, besser zu werden. Wir wollten mehr ins Tempo gehen und das Umschaltverhalten deutlich verbessern. Zum Teil haben wir grandios in der zweiten Welle gespielt und haben uns tolle taktische Sachen einfallen lassen. So haben wir so vielen großen Mannschaften Punkte abgeknöpft wie lange nicht mehr. Das erste Mal seit vielen Jahren haben wir gegen den SC Magdeburg gewonnen, gegen Hannover und Flensburg gepunktet. Das absolute Highlight der Saison ist natürlich der Sieg beim Rekordmeister THW Kiel.“

Und das mit sieben Toren Differenz!

Kai Wandschneider: „Ja, unglaublich! Wir sind die einzige Mannschaft der Liga, die überhaupt dort gewinnen konnte und das auch noch in unserem Hammer-Dezember. Ich bekomme echt Gänsehaut, wenn ich daran denke. Stefan Kneer ist lange ausgefallen, Nils Torbrügge war angeschlagen, Lars Weissgerber hat sich in Berlin verletzt und dann fällt auch noch Till Klimpke mit einer Gehirnerschütterung aus. Das haben wir alles weggesteckt. Es war schon ein wirklich ganz besonderer Tag.“

Und zu Beginn des neuen Jahres 2020 ging es ja genau so weiter.

Kai Wandschneider: „Die Neujahrspause und die Europameisterschaft hat uns nicht geschadet, obwohl ein Leistungsträger wie Kristian Björnsen bei der EM schon extrem belastet wurde. Was diese Mannschaft als Team geleistet hat, ist überragend. Gemessen an den wirtschaftlichen Voraussetzungen und den permanenten Umbrüchen hat sich eine Sache ausgezahlt, nämlich dass wir vor dieser Saison eben mal keinen Umbruch hatten. Mit Alexander Feld und später Viggó Kristjansson mussten wir nur zwei Spieler integrieren.“

Was macht das Team so besonders?

Kai Wandschneider: „Wir haben einen ganz tollen Spirit in der Mannschaft und eine ganz starke Entwicklung. Es freut mich sehr, dass Lenny Rubin seit Januar einen großen Schritt gemacht hat. Stefan Cavor, Anton Lindskog, Olle Forsell Schefvert und Lenny sind mehr oder weniger als Junioren zu uns gekommen und haben eine großartige Entwicklung hingelegt und das schweißt zusammen. Jeder geht für jeden durch das Feuer. Der starke Zusammenhalt macht den Erfolg in Wetzlar aus. Beim letzten einstelligen Tabellenplatz waren nur Filip Mirkulovski, Kristian Björnsen und später Stefan Cavor dabei. Aus dieser Mannschaft hat ansonsten bis auf Stefan Kneer und Emil Frend Öfors noch niemand in der besten Liga der Welt einen einstelligen Platz erreicht. Das zeigt, wie gut wir zusammenarbeiten und welche Entwicklungen zu beobachten sind.“

Hat Sie ein Spieler in dieser Saison besonders überrascht?

Kai Wandschneider: „Der unverwüstliche Filip Mirkulovski hat bei allen Spielen die Mannschaft angeführt und Kristian Björnsen ist einfach ein echter Dauerbrenner. Aber auch Olle Forsell Schefvert und Anton Lindskog haben einen ganz großen Schritt gemacht. Die beiden Schweden mussten in der Abwehr Stefan Kneer ersetzen und sind beide einfach nicht mehr wegzudenken. Ich kann und will da jetzt aber eigentlich gar nicht einzelne Spieler nennen. Alle haben großen Anteil am Erfolg! Dieser Einsatzwille und das Vertrauen untereinander sind unsere Erfolgsfaktoren.“

Was sollte die Gesellschaft von der momentanen Situation lernen?

Kai Wandschneider: „Wir lernen permanent, das ist immer ein Prozess. Handballer kennen das, wir sind sehr diszipliniert und stehen nach Rückschlägen immer wieder auf. Wir können uns total fokussieren und verzichten auf sehr viel. Durch Corona hat sich bei mir nicht viel geändert. Ich bin abends und nachts in keinen Discos und Kneipen unterwegs und auch die Spieler in der Regel nicht. Sie ordnen alles dem Handball unter. Insofern brauchen wir als Gesellschaft momentan alle die totale Selbstdisziplin und Rücksichtnahme auf unsere Mitbürger. Wir haben eine Pflicht unsere Mitmenschen durch unser Verhalten und entsprechende Masken zu schützen. Ich begrüße deshalb die Maskenpflicht sehr. Ich hoffe nur, dass die Lockerungen gut gehen. Wir müssen gegenseitig auf uns achten und Fürsorge tragen. Ich glaube uns Handballern fällt das weniger schwer, da wir seit Kindesbeinen sehr diszipliniert mit uns selbst und unseren Mitspielern umgehen.“

Mit welchen Gefühlen blicken Sie momentan in die Zukunft?

Kai Wandschneider: „In den letzten sechs Wochen war das Vorausschauen schwierig und das ist es auch jetzt. Wir müssen uns auch weiterhin nach den staatlichen Vorgaben richten. Großveranstaltungen sind richtigerweise noch bis Ende August verboten, also planen wir derzeit einen Saisonstart für Anfang/Mitte September. Aber wer weiß! Wir hatten schon ein Trainingslager in Dänemark geplant, das ist jetzt aber abgesagt. Wir wollen und werden den 30. April abwarten und dann die nächsten Schritte planen, je nachdem, was die Politik entscheidet. Danach gilt es sich unbedingt zu richten! In der aktuellen Corona-Krise sollten bei allen Entscheidungen vor allem systemrelevante Organisationen, Unternehmen und Menschen immer Vorrang haben. Der Sport muss da einfach hinten anstehen!“

Eine ungewöhnliche Aussage für einen Trainer, der sein Geld im Profisport verdient?

Kai Wandschneider: „Uns geht es immer noch gut, wir sind privilegiert. Das müssen wir immer im Hinterkopf haben und natürlich ist Sport eine wunderbare Ablenkung und die schönste Nebensache der Welt. Vor allem als bodenständige Sportart, ohne die großen Umsätze, freuen wir uns, dass wir mit Handball andere Menschen erfreuen können. Und natürlich wollen wir so schnell es möglich ist, optimaler Weise wieder vor vollen Rängen Handball spielen, aber die Sicherheit und Gesundheit aller Menschen hat dabei immer absolute Priorität.“

Das Interview führte Jana Lieber.