Kai Wandschneider feiert heute runden Geburtstag!

Kai Wandschneider an seinem Lieblingsplatz in Gießen. (Bild: Alexander Fischer)

LIQUI MOLY Handball-Bundesliga

​Trainer des Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar wird 60 Jahre alt - Seit März 2012 steht der gebürtige Hamburger bereits am sportlichen Ruder der Mittelhessen

Es ist Zufall, dass die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar an diesem Wochenende spielfrei haben und für ihren Trainer Kai Wandschneider somit ausreichend Zeit bleibt, am heutigen Tag seinen 60. Geburtstag zu feiern. Wo und wie, das bleibt sein Geheimnis. Die Mannschaft und Vereinsverantwortlichen hat er für kommenden Dienstag zum gemeinsamen Abendessen eingeladen.

Dass Wandschneider einen runden Geburtstag feiert, scheint sein Umfeld mehr zu beschäftigen als ihn selbst. Es steht zu vermuten, dass der Jubilar diesen Tag mit ein paar Tassen Kaffee und noch ein paar mehr Zigaretten begehen – und sich dabei Gedanken machen wird. Über Handball ganz bestimmt, aber auch über das Leben an sich. 

„Seit 35 Jahren schreibe ich täglich das auf, was mir wichtig ist. Zitate, Lyrik, Buchtitel, Trainingseindrücke, einfach alles. Schreiben nimmt mir eine gewisse Last von der Seele, schreiben befreit, schreiben reduziert Stress“, so Wandschneider im heutigen Geburtstagsinterview mit der Wetzlarer Neuen Zeitung. Der Sport-Diplomlehrer ist alles andere als einer der modernen Laptop-Trainer. Trotzdem wurde der gebürtige Hamburger bereits zwei Mal von den Trainerkollegen und Managern zum „Trainer der Saison“ in der Handball-Bundesliga gewählt - 2013 und 2017 war das. „Das ist die höchste Anerkennung, die ich mir vorstellen kann“, erklärt Wandschneider, der bereits seit März 2012 Trainer der HSG Wetzlar ist. „Ich fühle mich unheimlich wohl in Wetzlar“, verrät der 60-jährige, der zu schätzen weiß, was es heißt, in einem so vertrauensvollen Umfeld zu arbeiten. „Ich kann nur sagen, dass es ein Knochenjob ist, Bundesligatrainer zu sein. Bis zu meinem offiziellen Rentenalter werde ich sicher nicht mehr im Oberhaus dabei sein. Bisher war ich physisch und psychisch in der Lage, den Belastungen standzuhalten, wie lange ich das allerdings noch schaffe, ist ungewiss.“

Die große Stärke des Hobby-Gitarrenspielers ist es, aus Wenig Viel zu machen. Das hat er in Wetzlar getan, wo ihm Jahr für Jahr die besten Spieler von der finanzkräftigeren Konkurrenz abgeworben wurden. Trotzdem schafften es die Grün-Weißen unter Wandschneider im Schnitt einen einstelligen Tabellenplatz zu belegen. "Die Handball-Bundesliga ist wie elf Monate auf hoher See. Du musst immer hellwach sein, du kannst nicht abschalten, du musst die Spannung hochhalten. Es kann immer etwas passieren", hat Wandschneider, der regelmäßig Verträge zum Thema Führung hält ("Rede die Sprache der Spieler, aber sprich ihnen nicht nach dem Mund"), einmal gesagt. "Wir haben in Wetzlar einen der niedrigsten Etats der Liga und kompensieren viel über Vertrauen, harte Arbeit und ein tolles Umfeld", erklärt der 60-jährige das Geheimnis des grün-weißen Erfolges. 

Es gab Zeiten, da bestand die halbe Nationalmannschaft aus Spielern, deren Höhenflug erst unter Wandschneider begann, wie Steffen Fäth, Andreas Wolff, Jannik Kohlbacher, Philipp Weber oder Tobias Reichmann. Zum Bundestrainer hat es für den EHF-Mastercoach aber (bislang) nicht gereicht. „Als Dagur Sigurdsson 2014 Nationaltrainer wurde, war auch ich im Gespräch. Viele damals aktuelle Nationalspieler, aber auch Bundesliga-Kollegen, hätten es gerne gesehen, wenn ich das höchste Amt im Staate übernommen hätte. Doch ich hatte keine Lobby. Wenn du kein Nationalspieler warst, sondern selbst nur in der Regionalliga gespielt hast, ist es schwer, in diesen geschlossenen Zirkel einzudringen.“

In Wetzlar genießt Wandschneider ein enormes Ansehen im Club, bei den Fans und Sponsoren. Seine Auszeiten nimmt sich der Mann, der seit seinem 28. Lebensjahr Handballtrainer ist, gerne in seinem Stammcafé in Gießen. „Schon als ich in Köln gelebt habe, gab es Cafés, in denen ich mich gerne aufgehalten habe. Um mich zu sammeln, zu konzentrieren. Um zu lesen. Vor allem aber, um Training und Spiele vorzubereiten. Nicht mit dem Laptop, nicht mit dem Tablet, sondern mit dem Rucksack, in dem ich stapelweise das dabei habe, was für die nächste Aufgabe wichtig ist: Zettel mit Aufzeichnungen aus meiner jahrzehntelangen Tätigkeit.“

Immer wieder betont der Sport-Diplomlehrer, dessen Vorbild Nelson Mandela ist, nach seiner Trainerkarriere ein Buch schreiben zu wollen. Dann vielleicht an seinen Sehnsuchtsorten, die er der Wetzlarer Neuen Zeitung verriet. „Beruflich war ich einige Male, aber nur zu Kurztrips, in Skandinavien. Ich möchte gerne mal einen längeren Urlaub machen in Dänemark, Schweden, Norwegen, vielleicht mit dem Wohnmobil. Und dann immer mal mit dem Rad Städte wie Kopenhagen oder Oslo erkunden, das wäre ein Traum. Außerdem schwebt mir eine Wanderung an der innerdeutschen Grenze entlang vor. Ich denke, das würde meinen Blickwinkel enorm weiten“, so Wandschneider, dessen Leidenschaft das Radfahren ist. „Teilweise fahre ich sogar mit dem Fahrrad ins Training nach Dutenhofen. Und wenn ich Urlaub habe, mache ich größere Touren. An der Elbe entlang von Hamburg nach Dresden, zweieinhalb Wochen von Konstanz nach Köln oder Fahrten rund um den Bodensee. Deutschland hat schließlich sehr viel zu bieten.“

Umso mehr stört sich Wandschneider an der derzeit politischen Extreme in seinem geliebten Heimatland. „Ein Jeder in Deutschland sollte sich immer wieder vor Augen führen, dass die Demokratie das Beste ist, was uns widerfahren konnte. Wir leben seit 75 Jahren in Frieden, das hat es in unserer Geschichte noch nie gegeben. Politik muss jedoch die Sorgen der Menschen, egal ob in der Lausitz oder im Ruhrgebiet, ernst nehmen. Sonst werden die Ränder stark, was eigentlich niemand will“, mahnt der Jubilar. „Wir Handballer leben das Thema Integration tagtäglich. Ausländer haben die Bundesliga belebt und sie zur stärksten Liga der Welt gemacht. Insofern fand ich die Worte unserer Bundeskanzlerin, ‚wir schaffen das‘, richtig, denn eine weltoffene Gesellschaft lebt nicht von Abschottung.“

Kai Wandschneider ist vermeintlich einer der klügeren Köpfe in einer oftmals auch oberflächlichen Sportbranche. So einer wie er hätte auch Philosoph oder Historiker werden können, wenn da nicht dieses Spiel gewesen wäre, das seine große Leidenschaft ist, dem er – ohne Übertreibung zu sagen – sein Leben gewidmet hat: dem Handball.

Quelle von Zitatauszügen: Wetzlarer Neue Zeitung/Alexander Fischer