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Routinier Stefan Kneer sagt „Auf Wiedersehen“!

Foto: Florian Gümbel

LIQUI MOLY Handball-Bundesliga

34-jähriger Ex-Nationalspieler blickt im Interview auf seine Zeit bei der HSG Wetzlar, die Besonderheiten und Erfolge zurück – Rückraumspieler wechselt zum benachbarten TV 05/07 Hüttenberg

Am letzten Donnerstag hätten die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar normalerweise ihr letztes Saisonspiel in der LIQUI MOLY HBL absolviert, in der heimischen Rittal Arena gegen den HBW Balingen-Weilstetten. Dann wäre auch die Zeit gewesen, um verdiente Spieler, die die Grün-Weißen im Sommer verlassen werden, gebührend mit den Fans zu verabschieden – so zum Beispiel Stefan Kneer. Nach vier Spielzeiten und 104 Spielen im HSG-Trikot wechselt der 34-jährige zum benachbarten Zweitligisten TV 05/07 Hüttenberg. Im ersten Teil der Interview-Reihe mit den Wetzlarer Abgängen spricht der frühere deutsche Nationalspieler unter über seine bislang schönsten Momente in Mittelhessen und bedankt sich bei den Fans.

 

Stefan, in Zeiten der Corona-Pandemie ist die erste Frage selbstverständlich: Wie geht es Dir und welche Fortschritte machst Du nach Deiner Rücken-OP?

Danke der Nachfrage. Ich bin gesund und auch meinem Rücken geht es soweit ganz gut. Ich habe zwar keine Schmerzen mehr, aber die Ausstrahlung in den Fuß ist leider noch da. Mir fällt es schwer, dass ich derzeit nicht viel machen darf und ruhig bleiben muss. Das ist auch nicht so ganz einfach, wenn man drei Kinder hat, die bei dem schönen Wetter mit Papa raus wollen. Ihnen dann zu erklären, dass ich nicht so mit ihnen spielen kann, wie sie wollen, ist schon schwierig. Die Rehabilitation braucht einfach Zeit und Geduld. Wer mich kennt, der weiß, dass Geduld nicht so meine Stärke ist. Das merkt meine Frau leider auch öfters (lacht).  

 

Ursprünglich war ja der Plan, dass Du Dich im letzten Spiel gegen Balingen auf dem Spielfeld verabschiedest. Wie schwer ist es akzeptieren, dass Dir das nun nicht möglich ist und wie hättest Du Dir den Abschied vorgestellt?

Das ist echt schwierig zu sagen. Ich hatte ja schon einige Vereinswechsel in meiner Karriere und hatte dabei jedes Mal große Emotionen. Man möchte an so einem Tag natürlich mit seiner eigenen Leistung zufrieden sein und das Spiel gewinnen. Ich habe mir aber nie genau vorgestellt, wie das letzte Spiel in der Rittal Arena ablaufen soll. Dass jetzt gar nichts mit den Fans stattfinden kann, ist natürlich total schade. 

 

Wie hast Du die Heimspiele in der Rittal Arena für Dich persönlich erlebt?

Das war immer etwas Besonderes aufgrund der wirklich sehr, sehr guten Stimmung. Unsere Zuschauer waren wirklich sehr oft der ausschlaggebende Punkt, dass wir enge Spiele noch drehen und gewinnen konnten. Ich habe es immer extrem genossen in der Rittal Arena aufzulaufen. Deshalb ist es so schade, dass ich das in den vergangenen Wochen und Monaten nicht mehr genießen konnte.

 

Wie lief die nunmehr abgelaufenen Saison der HSG Wetzlar aus Deiner Sicht?

Wir hatten eine tolle Vorbereitung im Sommer absolviert und wurden dann im ersten Saisonspiel gegen Lemgo kalt erwischt. Das war schon ein echter Niederschlag von dem wir uns aber schnell erholt haben. Danach haben wir uns von Spiel zu Spiel gesteigert. Natürlich gab es Highlights und auch wieder Ausrutscher, aber am Ende haben wir sehr nahe am Optimum gespielt, als Mannschaft einen Schritt nach vorne gemacht und uns den einstelligen, neunten Tabellenplatz auch verdient.

 

Du hast in Deiner Zeit hier in Wetzlar eine wichtige Führungsrolle in der Mannschaft übernommen. Wer, denkst Du, könnte diesbezüglich in Deine Fußstapfen treten?

 Puh, schwer zu sagen. Erfahrene Spieler wie Nils Torbrügge oder ich verlassen das Team. Filip Mirkulovski wird als Co-Trainer und Standby-Spieler fungieren. Ich denke, dass sich das entwickeln wird. Es wird eine neue Struktur geben und mir fallen genügend Mitspieler ein, die jetzt in Führungsrollen schlüpfen können.

 

Welcher Mitspieler war denn in Wetzlar am Prägendsten für Dich?

Schon als ich herkam war ich schon einer der älteren Spieler. In jüngeren Jahren habe ich immer versucht, mich an anderen Spieler zu orientieren. Das ist irgendwann anders. Deshalb würde ich jetzt keinen Mitspieler rausnehmen, weil ich auch keinem auf die Füße treten will. Schön ist, dass ich in Wetzlar neue Freunde gefunden habe und auch eine neue Sicht kennengelernt habe, wie man sich beispielsweise auf das Training bestmöglich vorbereitet.

 

Daran anknüpfend, wie war die Zusammenarbeit mit Kai Wandschneider für Dich?

Bis ich nach Wetzlar kam habe ich in meiner Karriere noch nie eine solche Eigenverantwortung in einer Mannschaft erlebt, wie hier. Kai merkt genau, ob das Team damit umgehen kann, ob es funktioniert oder nicht. Wir haben als Spieler viele Freiheiten und auch viel dafür getan, dass das so bleibt. Diese Art der Führung hat auf jeden Fall Erfolg gebracht. Dafür braucht man natürlich aber auch die entsprechenden Charaktere und eine gute Struktur innerhalb der Mannschaft und der Vereinsführung. Aber das war in den Jahren, in denen ich für die HSG Wetzlar gespielt habe, immer gegeben und hat immer sehr gut funktioniert.

 

Was war Dein schönster Moment in Wetzlar?

Da gab es wirklich viele schöne Momente! Die schönste Erfahrung war ganz sicher ins REWE Final Four einzuziehen. Das Viertelfinale zu Hause gegen Stuttgart war großartig und die Feier nach dem Sieg sehr ordentlich (lacht). Ansonsten war es einfach immer schön die Stimmung in der Rittal Arena und die Heimsiege gegen große Teams zu genießen. Das haben wir zum Glück ja öfters geschafft.

 

Und fernab des Spielfeldes?

In erster Linie, dass wir unser drittes Kind in Wetzlar bekommen haben. Während meinen letzten drei Stationen als Spieler kam immer eines unserer Kinder zur Welt. Das ist für die nächste nicht geplant. (lacht) Wir fühlen uns hier in Wetzlar wirklich sehr wohl, haben eine tolle Nachbarschaft und viele neue Freunde gefunden. Wir ziehen jetzt zwar um, bleiben aber in Wetzlar wohnen, weil es uns und den Kindern einfach gefällt.

 

Welches war, Deiner Meinung nach, Dein bestes Spiel im grün-weißen Trikot?
Das ist echt schwierig. Ich bin kein Freund davon, ein einzelnes Spiel rauszuziehen. Das beste Spiel ist immer dann, wenn die Mannschaft gewinnt und von daher habe ich schon viele gute Spiele gemacht. Ich stecke mir vor jeder Partie eigene Ziele und wenn es mir gelingt, diese im Sinne der Mannschaft umzusetzen, dann kann ich von einem guten Spiel sprechen.

 

Gab es auch schwierige Momente für Dich?

Eigentlich versuche ich immer schlechte Erinnerungen zu verdrängen, aber als Erstes fällt mir da wieder das REWE Final Four ein. Es dorthin geschafft zu haben, war super, aber die erste Halbzeit im Halbfinale gegen Hannover war extrem bitter. Da haben wir Fehler ohne Ende gemacht und waren vom Kopf her überhaupt nicht da. Dieses Spiel zu vergessen ist nicht so einfach. Auch die erste Zeit nach dem Pokalturnier in Hamburg war wirklich sehr, sehr schwierig.

 

Beschreibe uns bitte die nähere Zukunft und Deine nächsten Ziele!

Kurzfristig ist die oberste Prämisse wieder gesund zu werden. Vielleicht spielt mir die momentane Situation etwas in die Karten, wodurch ich persönlich etwas weniger Zeitdruck habe. Ab Sommer werde ich dann beim TV Hüttenberg spielen, eine Jugendmannschaft trainieren und versuchen meine Erfahrung weiterzugeben. Ich hoffe, dass mein Körper und Corona es zulassen, dass ich meiner neuen Mannschaft bald auf dem Spielfeld helfen kann.

 

Kannst Du Dir auch vorstellen irgendwann mal im Männerbereich Trainer zu werden?
Mein Ziel ist auf jeden Fall dem Handball über die Spielerkarriere hinaus verbunden zu bleiben. Ich werde sicher keine zehn Jahre mehr spielen und deshalb im Sommer meine B-Lizenz machen. Ob der Lehrgang aber stattfinden kann, das weiß keiner. Die letzten Jahre war es immer sehr schwierig, länger als zwei bis vier Jahre im Voraus zu planen. Daran wird sich erstmal nichts ändern. Natürlich möchte ich auch mal eine Männer-Mannschaft trainieren. In welcher Spielklasse das dann sein wird, muss man sehen. Ich weiß allerdings jetzt noch nicht, was die nähere Zukunft bringt. Vielleicht arbeite ich in einigen Jahren auch in einem normalen Job? Wer weiß. Das wird die Zeit zeigen.

 

Willst Du noch ein paar Worte an die HSG-Fans richten?

Ja, unbedingt. Liebe Fans, viele Dank an alle von Euch, die mich und die Mannschaft in den vergangenen vier Jahren unterstützt haben. Ihr wart immer für uns da, auf und abseits des Spielfeldes. Das macht Euch besonders. Irgendwie ist es auch schön zu wissen, dass ich ja nicht aus der Welt bin und die Gelegenheit habe, viele von Euch auch weiterhin außerhalb der Arena zu treffen. Bei den Heimspielen werde ich mit Sicherheit öfters vorbeischauen. Tausend Dank an Euch alle, die Sponsoren und Mitarbeiter der HSG Wetzlar – und natürlich an mein Team.

 

Das Interview führte Jana Lieber.