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Torwarttrainer Jasmin Camdzic: „Till Klimpke kann Weltklasse werden!“

Foto: Sportfoto Oliver Vogler

LIQUI MOLY Handball-Bundesliga

Im 2. Teil des Geburtstagsinterview spricht Jasmin Camdzic, Co- und Torwarttrainer sowie Scouting-Verantwortlicher, über seine Arbeit bei der HSG Wetzlar. Der Bosnier, der am Sonntag seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, nennt zudem die für ihn besten Torhüter der Geschichte und spricht offen über seine Wünsche für die neue Saison.

Hier könnt Ihr den ersten Teil des Interviews nachlesen.

Jasko, blicken wir zurück auf die vergangene, leider abgebrochen Saison. Wie ist die Spielzeit für die HSG Wetzlar grundsätzlich aus Deiner Sicht verlaufen?

Alles in allem haben wir eine sehr gute Saison gespielt. Wir haben in den Monaten seit Sommer vergangenen Jahres immer an Kleinigkeiten gearbeitet, was sich letztlich ausgezahlt hat. Deshalb ist dieser Saisonabbruch doppelt schade, weil unsere Mannschaft in guter Verfassung war und wir einen guten Lauf hatten. Wir hätten einen Spielplan bis zum Ende gehabt, der es uns durchaus möglich gemacht hätte noch den 8. Tabellenplatz zu erreichen. So sind wir letztlich Neunter geworden, was auch eine sehr gute Leistung ist.

Was war das für Dich beste Spiel der Mannschaft?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich nochmal etwas wie das erlebe, was in Kiel passiert ist? In dieser Halle mit so einer Art und Weise zu gewinnen, ist unglaublich. Die Umstände darf man auch nicht vergessen. Wir hatten drei Spiele in sieben Tagen, waren zuvor fünf Tage unterwegs, hatten in Berlin verloren und kaum Vorbereitung. Was die Mannschaft unter diesen Umständen für ein Spiel abgeliefert hat, war einfach nur beeindruckend.

Seit vielen Jahren bildest Du jetzt ein Team mit Chefcoach Kai Wandschneider. Wie teilt Ihr Euch die Arbeit auf?

Nach neun Jahren zusammen teilen wir wirklich fast alle Aufgaben. Ich danke Kai, dass er ein besonderes Cheftrainer-System hat. Er gibt unserem Athletiktrainer Jonas Rath und mir sehr viel Raum und vertraut uns. Ich mache die individuelle Vorbereitung mit einzelnen Spielern oder Gruppen. Er führt als Cheftrainer die meisten Gespräche, ich übernehme auch einige. Ich unterstütze überall, wo ich kann. Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass unser Cheftrainer Unterstützung bekommt. Letztendlich steht immer die HSG Wetzlar an erster Stelle und da gibt es keinen Raum für Egoismus.

Was schätzt Du besonders an Kai?

Vor allem die Menschlichkeit, ansonsten hätten wir nicht so einen Erfolg, wie in den letzten neun Jahren gehabt. Ich schätze besonders die tagtägliche Arbeit mit ihm. Seine Ruhe hilft uns allen. Wenn alles läuft, ist er ruhig, aber auch in Krisen behält er die Ruhe bei. Diese Ruhe überträgt sich auf alles und man kann erfolgreich arbeiten.

Könntest Du dir die Rolle als Cheftrainer vorstellen?

Ich habe in meinem Leben gelernt, dass es keinen Plan im Leben gibt. Man kann sich Sachen wünschen, aber es passieren dann andere Dinge. Ich arbeite viel und bilde mich weiter. Ich habe die Trainer A-Lizenz und den EHF-Master-Coach Kurs bestanden. Trainer zu sein ist nicht einfach. Dazu sind die Jobs rar gesät. Die Bedingungen müssen immer stimmen, sowohl der Standort, die Führung, die Mitarbeiter als auch die Ziele. Da gibt es viele Punkte, die stimmen müssen – so wie für mich gerade in Wetzlar. Natürlich darf man auch nichts ausschließen. Mit meiner Ausbildung bin ich für eine Trainerstelle immer bereit. Wie auch in anderen Berufen bilde ich mich immer weiter und weiß nicht, was die Zukunft bringt. Aber: Ich bin seit neun Jahren bei der HSG Wetzlar und hier auch wirklich sehr zufrieden.

Du hast Andreas Wolff und Benjamin Buric zu Weltklasse-Torhütern geformt und mit Till Klimpke einen Youngster in die Bundesliga und die Nationalmannschaft gecoacht. Was ist Dein Geheimnis als Torwarttrainer?

Ich bin davon überzeugt, dass es viele gute Torwarttrainer gibt. Jeder von uns hat Geheimnisse und eine besondere Art, die den Unterschied ausmacht. Die Basis für meine Arbeit ist die Akzeptanz des Cheftrainers. Dieser muss mich verstehen und gut mit mir kommunizieren. Wir sind ein Team und denken zusammen. Dazu habe ich in Wetzlar die Scouting-Verantwortung, darf mitentscheiden und somit auch die neuen Torhüter aussuchen. Es gibt viele Torwarttalente und wir müssen uns miteinander wohlfühlen. Ich lege viel Wert auf Emotion, Mentalität, Fleiß und Vertrauen. Der Athlet gibt für mich alles und ich alles für ihn. Ich lerne immer und bilde mich weiter, versuche auch die Mentalität, die Herkunft und den Antrieb der Spieler zu verstehen. Jeder Mensch ist anders. Das Fachliche würde jetzt den Rahmen sprengen, aber mit dieser gesunden Basis klappt schon vieles.

Was wenige wissen, Du hast auch schon mal die deutsche Nationalmannschaft unterstützt.

Die deutsche Nationalmannschaft hat sich mit einem Lehrgang in Wetzlar für die Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark vorbereitet. Davor hatte mich Christian Prokop angerufen und mir gesagt, dass sich Andi Wolff wünscht, dass ich Teil des Trainerstabs bin. Diesen Lehrgang in Wetzlar habe ich dann mitgemacht und das war eine riesen Erfahrung. Leider hat es aus verschiedenen Gründen nicht geklappt, dass die Zusammenarbeit fortgesetzt werden konnte.

Wer war für Dich eigentlich bislang das größte Torwarttalent in Wetzlar?

Ich habe viele Talente trainieren dürfen, da ist es schwierig einen Spieler hervorzuheben. Natürlich wird viel von Andi, Benko und Till gesprochen, aber wir hatten zum Beispiel auch Stefan Hanemann, der auch ein toller Torwart ist. Bei der Betrachtung der Torhüter und ihrer Entwicklung muss man Unterschiede machen. Benjamin Buric war schon in der fortgeschrittenen Entwicklung als er nach Wetzlar kam. Das war eine gute Scoutingarbeit von uns. Benko hat sofort Leistung gebracht. Andreas Wolff kam mit weniger Erfahrung, aber auch viel Talent nach Wetzlar. Wir haben drei Jahre hart gearbeitet. So ist auch er zu einem großartigen Torhüter geworden. Ob er oder Till Klimpke das größere Talent war beziehungsweise ist, ist wirklich schwer zu beantworten, aber ich sage: Till ist das größere Talent! Er ist ein Glücksfall für die HSG Wetzlar, kommt aus dem eigenen Verein und somit kann ich schon mit ihm arbeiten, seitdem er 14 Jahre alt ist. Till ist schon jetzt in seiner letzten sportlichen Entwicklungsphase. Er hat das Zeug dazu, ein Weltklasse-Spieler zu werden!

Und wer ist für Dich der beste Torhüter aller Zeiten?

Es ist fast unmöglich diese Frage zu beantworten. Es gibt einen großen Generationenunterschied zwischen den Spielern. Somit liegen zum Teil auch viele Jahrzehnte zwischen den Zeiträumen, in denen sie trainiert und gespielt haben. Ich habe jetzt Torhüter aus mehr oder weniger vier Handball-Epochen ausgewählt. Von vielen habe ich gelernt und mit ihnen mitgefiebert. In der älteren Generation favorisiere ich den russische Torhüter Andrei Lawrow, der drei Goldmedaillen bei Olympischen Spielen gewonnen hat. Außerdem beeindruckte der Schwede Tomas Svensson. Die beiden Torhüter haben in den besten Ligen gespielt, Medaillen gewonnen und aus meiner Sicht diese Zeit bis zur Jahrtausendwende geprägt. In der Epoche danach war Dejan Peric beeindruckend. Arpad Sterbik hat alles gewonnen, was man gewinnen kann und hat gerade seine Karriere beendet. Henning Fritz und Jan Holpert waren in dieser Zeit zwei sehr gute deutsche Torhüter. In der dritten Generation war Thierry Omeyer herausragend, der auch eine Zeit geprägt hat. Aktuell finde ich, sind Niklas Landin und Benjamin Buric die besten Torhüter in der Bundesliga.

Wie bereits erwähnt, bist Du bei der HSG Wetzlar auch für das Scouting verantwortlich. Was beinhaltet diese Aufgabe?

Ehrlich gesagt habe ich Scouting am Anfang nur oberflächlich verstanden. Mit der Zeit habe ich begriffen, dass diese Aufgabe eine riesen Verantwortung ist. Talent, Potential und die Motivation von fremden Menschen zu erkennen und zu begreifen, ist sehr schwierig. Vor allem weil diese eine unterschiedliche Herkunft und Mentalität haben. Wir arbeiten mit Menschen und keinen Maschinen. Den Charakter des Spielers rauszufinden ist die schwierigste Aufgabe. Das private Umfeld, die Familie, die soziale Intelligenz und den eigentlichen Antrieb des Spielers, da gibt es viele Faktoren, auf die wir achten. Sportliche Aspekte, wie Springen, Passen und Torgefährlichkeit sind für Trainer leichter einzuschätzen. Für die gesamtheitliche Beurteilung benötigt man ein gutes Netzwerk. Dieses habe ich in den letzten fünf Jahren in ganz Europa aufgebaut, zum Teil mit Bekannten und Freunden aus der Handballszene. Das hat uns schon sehr viel geholfen. Gutes Scouting ist keine One-Man-Show. Mit Björn Seipp tausche ich mich diesbezüglich jede Woche aus und Kai Wandschneider halte ich immer auf dem Laufenden. Am Ende müssen ja wir auch entscheiden, welcher Spieler die sportliche Zukunft der HSG Wetzlar mitentscheiden soll. In der letzten Zeit habe ich auch in ganz Europa Spiele live gesehen, wenn das Interesse an einem Spieler besonders groß ist. Beispielsweise waren Olle Forsell Schefvert und Stefan Cavor mehr oder weniger unbekannte Spieler als sie zu uns kamen. Jetzt sind beide enorm wertvoll für das Team.

Was wünschst Du Dir für die neue Saison?

Zunächst einmal hoffe ich, dass wir möglichst bald wissen, wann es wieder losgehen kann. Dann ist mein Wunsch, die die Mannschaft nach der langen Pause gut vorbereiten zu können. Ich möchte die Spieler gesund durch die Saison führen und das ist eine enorm schwere Aufgabe. Unter welchen Umständen die Saison durchgeführt wird, wissen wir noch nicht, aber die Gesundheit sollte immer an erster Stelle stehen – die der Zuschauer und auch der Spieler, Trainer und Mitarbeiter.

 

Das Interview führte Jana Lieber.