"Das war die schlechteste Wurfausbeute, Angriffsleistung und Positionsangriff dieses Jahr."
Die HSG Wetzlar verliert nach zuletzt drei Auswärtssiegen in Folge in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga bei den Rhein-Neckar Löwen mit 21:26 (7:15). Maßgeblich dafür entscheidend war die miserable Wurfquote der Wetzlarer Jungs, die nur 40% der Bälle im gegnerischen Tor unterbringen konnten.
Löwen-Torhüter Mikael Appelgren hatte einen richtig guten Tag erwischt. Allein er knöpfte der HSG 24 Bälle ab und kam auf eine überragende Fangquote von 53%. Er sorgte von der ersten Minute an dafür, dass die Wetzlarer Jungs mehr und mehr unter Druck gerieten und ins Zweifeln kamen.
„Wenn man 27 Fehlwürfe hat, dann muss man sich fragen, wie die jeweils zustande kommen“, erklärte HSG-Trainer Frank Carstens. „Es sind sicherlich ein paar Chancen dabei, die nicht so optimal rausgespielt oder falsch entschieden waren. Da ist man vielleicht ein bisschen ungeduldig, je mehr Fehler passieren. Je größer der Rückstand war, desto ungeduldiger wurden wir dann vielleicht und haben dann auch mal einen schlechten Wurf genommen. Aber es sind genügend glasklare Chancen dabei, um selbst mit dem Rotz, den wir da zum Teil dann fabriziert haben nur mit vier in die Halbzeit zu gehen. Das ist ohne größeres Problem möglich gewesen. Das zeigt: mit Ausnahme dessen, was im Handball am wichtigsten ist, haben wir ziemlich viel richtig gemacht. Das war für mich die beste Abwehrleistung in der Positionsabwehr des ganzen Jahres. Problem ist nur, wenn du vorne so viele Bälle verlierst, kriegst du natürlich auch den einen oder anderen Konter.“
Zu Beginn ganz vorne mit dabei Löwen-Kreisläufer Jannik Kohlbacher. Der ehemalige Wetzlarer hatte beim 4:1 alle Tore seiner Mannschaft erzielt, ehe Niclas Kirkelokke das 5:2 beisteuern durfte. Nach dem 7:3 von Jon Lindenchrone in der 15. Minute beorderte Carstens seine Spieler erstmals zur Besprechung an die Seitenlinie. Er hatte zu viele schlechte Abschlüsse und Pässe gesehen und wollte der Verunsicherung seiner Mannschaft mit dem Spiel Sieben-gegen-Sechs entgegenwirken.
Die Ansprache verpuffte gleich mit dem ersten Angriff. Wieder war es Appelgren, der den Ball von Magnus Fredriksen entschärfte und seine Vorderleute wieder und wieder in die erste und zweite Welle nach vorn schickte. Wenn die Wetzlarer Jungs selbst in den Vorwärtsgang schalteten, taten sie es zu langsam, um die Löwen bei gelegentlichen Bummeleien zu überrennen.
Schnell hatte Kohlbacher sein sechstes Tor erzielt, Appelgren die zwölfte Parade und Wetzlar nur fünf Tore in 22 Minuten. Nach dem 13:5 von Lindenchrone in der 26. Minute sah sich Carstens bereits in seine zweite Auszeit genötigt. „Kämpft, das ist alles, was zählt“, brüllte er und brachte Anadin Suljakovic für Till Klimke, der das Debakel mit fünf Paraden noch m Rahmen hielt. Die Wetzlarer Jungs mühten sich mit einer Wurfquote von 28% und sieben technischen Fehlern zum 7:15-Pausenstand. Hier war Appelgren schon bei 15 Paraden (68%) und die HSG hatte 18 Chancen verballerte.
„Das hat uns einfach weh getan. Der Torwurf ist nun mal das zentrale Element im Handball und da waren wir ganz schlecht. Das war die schlechteste Wurfausbeute, Angriffsleistung und Positionsangriff dieses Jahr“, zog Carstens Bilanz.
In der zweiten Hälfte präsentierte sich die HSG etwas besser. Die Abwehr agierte beweglicher, Zwang jetzt auch den Gegner in schlechte Wurfpositionen und ermöglichte Suljakovic wichtige Paraden. Dennoch blieb es im eigenen Abschluss wie verhext. Egal, wer sich vor Appelgren aufbaute, der Schwede fischte weiter die Bälle weg. „Ein Stück weit haben wir wieder gezeigt, was wir eigentlich können. Nehmen wir mal Lenni zum Beispiel. Nach Wochen, in denen er in top Form war, darf er jetzt einmal richtig ins Klo greifen. Ich glaube, das gestehen wir ihm alle zu. Also ich zumindest tue es. Der hat uns wochenlang hier hochgehalten. Wir haben über viele Wochen eine gute Wurfeffizienz entwickelt. Aber das heute war bitter, zumal wir auch eine Riesentorwartleistung hatten “, erklärte Carstens.
Die sorgte mit dafür, dass Nemanja Zelenovic in der 42. Minute mit einem Doppelpack für das 13:17 sorgte und die vielen mitgereisten Fans wieder Hoffnung schöpften. Die war allerdings schnell wieder verflogen, weil die Löwen schnell wieder auf 19:13 erhöhten und den Vorsprung halten konnten. In der letzten Spielminute verkürzte Julian Fuchs auf 21:26, ein schmeichelhaftes Ergebnis für die Wetzlarer Jungs.
„Das ist völlig menschlich“, wirbt Carstens für Verständnis. „Das kennt jeder Mensch, der in seinem Bereich Leistung bringen muss, dass er nicht jeden Tag gleich gut drauf ist. Natürlich bemühen wir uns, alle möglichen Faktoren immer auf grün zu stellen und dahingehend zu beeinflussen, dass die Leistung so gut wie möglich ist. Aber manchmal reicht es eben nicht. Die Löwen waren sehr gut auf unsere Elemente vorbereitet und die Extraelemente, die wir dann in der Regel noch haben, die haben heute nicht gezogen und dann sieht es eben so aus.“
Stenogramm:
Rhein-Neckar Löwen: Appelgren, Späth; Kirkelokke (2), Jacobsen, Knorr (2), Oskarsson, More (3), Jensen, Davidsson (5), Forsell Schefvert (1), Michalski, Gislason (2), Lindenchrone (5), Jaganjac, Zacharias, Kohlbacher (6).
HSG Wetzlar: Till Klimpke, Suljakovic; Hoepfner, Meyer Ejlersen, Ole Klimpke (1), Vranjes (3), Becher (2), Fredriksen (1), Wagner (4), Mellegard, Zelenovic (2), Rubin (1), Fuchs (1), Novak (2), Cavor (4).
Schiedsrichter: Heine/Standke (Wendeburg/Ronnenberg). – Zuschauer: 8162. – Zeitstrafen: 2:6 Min. – Siebenmeter: 1/0:keine.









