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Ben Matschke im ersten Interview als Trainer der HSG Wetzlar: „Es ist wirklich ein Privileg für mich hier zu arbeiten!“

Herzlich Willkommen in Mittelhessen, Ben Matschke! Bevor der 39-Jährige heute mit den Wetzlarer Jungs ins Training für die Saison 2021/22 einsteigt, stellte er sich dem ersten Interview als Trainer der HSG Wetzlar. Hier spricht der Cheftrainer über die Pläne der Vorbereitung, seine bisherige Beziehung zu Wetzlar und die Neuzugänge.

Wie hast Du jetzt die kurze spielfreie Zeit verbracht? 

Ich war mit meiner Familie wenige Tage in Österreich unterwegs. Ansonsten probiere ich aktuell möglichst viel Zeit auf dem Rad, schwimmend im Wasser oder mit meinen zwei Kindern zu verbringen. Ich bin noch an einer Schule Lehrer für Sport und BWL und hatte in den letzten Tagen noch einiges mit Konferenzen und dem Abitur zu tun. 

Worauf freust Du Dich in Wetzlar?

Wirklich auf alles! Aktuell ist es noch spannend für mich in den Nachbarort zu fahren und alles ins Navi eingeben zu müssen. Ich freue mich auf die Menschen hier und natürlich ganz besonders auf die Mannschaft. Bisher kenne ich die Spieler nur von der Analyse und von Einzelgesprächen. Ich habe Wetzlar sehr oft als Gegner vorbereitet und habe da natürlich Stärken und Schwächen analysiert, jetzt wird es natürlich spannend, ob sich meine Eindrücke auch in der Halle so decken werden. Wetzlar ist einfach der perfekte Ort nach 13 Jahren Ludwigshafen und ich freue mich echt mega hier zu sein. 

By the way, müssen auch Trainer einen Einstand für die Mannschaft geben?

Selbstverständlich. Ich werde die Jungs jetzt erstmal kennenlernen und mir dann einen passenden Einstand überlegen. In der Vorbereitung werde ich einen guten Zeitpunkt finden, wenn wir mal nett zusammensitzen. 

Was willst Du genau machen, um das Team besser kennenzulernen?

In den ersten Tagen möchte ich einfach präsent sein. Wir haben ja auch viele Testungen und da möchte ich erstmal die Stimmung wahrnehmen. Es war ein großer Wunsch von mir sehr frühzeitig ins Trainingslager zu fahren und das konnte von der Geschäftsführung zum Glück realisiert werden. Spätestens dort möchte ich mit jedem Spieler einzeln sprechen und die Jungs sowie das Team ums Team besser kennenlernen.

Wo setzt Du den Schwerpunkt in der Vorbereitung?

Natürlich haben mit Kristian Björnsen, Anton Lindskog und Tibor Ivanisevic Spieler den Verein verlassen, die auf und neben dem Feld wichtig waren. Da werde ich jetzt schauen, wie sich die Gruppe bildet. Für mich ist es wichtig, dass die Spieler Führung übernehmen und sich neue Eckpfeiler im Team entwickeln. Die Vorbereitung wird ohne zwei Spielmacher natürlich eine Herausforderung. Alexander Feld ist noch verletzt und Magnus Fredriksen bei den Olympischen Spielen Tokio. Da werden wir improvisieren müssen. Kernaufgabe wird die Integration der neuen Spieler und dass sich die Mannschaft in der neuen Zusammenstellung wieder als Team, als eine geschlossene Einheit versteht. Ab dem ersten Spieltag soll das jeder sehen und spüren.

In wieweit möchtest Du das Spielsystem ändern?

Wir werden das System zwangsläufig anpassen, schon aufgrund der neuen Spieler. Es ist schön für einen Trainer, wenn es auf den Positionen unterschiedliche Spielertypen gibt, wie beispielsweise mit Stefan Cavor und Ivan Srsen im rechten Rückraum, und das werde ich auch nutzen wollen. Außerdem sollten wir als Ziel haben ein neues Deckungssystem einzuführen, um eine echte Alternative zur 6:0-Deckung zu haben. Die Fähigkeiten dafür bringt diese Mannschaft auf jeden Fall mit. Dafür möchte ich die Vorbereitung nutzen. 

Stell uns doch mal die Neuzugänge aus Deiner Sicht vor!

Domen Novak hat in Slowenien einen attraktiven, schnellen Handball gespielt und ist ein toller Gegenstoßspieler. Er ist ein cleverer und zuverlässiger Siebenmeterschütze und hat mit seinen 23 Jahren schon viel internationale Erfahrung in der Champions League und mit der Nationalmannschaft gesammelt. Er wird mit Lars Weissgerber ein sehr dynamisches Duo auf Rechtsaußen bilden. Adam Nyfjäll ist ein Kreisläufertyp, den es so in der Bundesliga bisher selten gibt. Er hat sehr lange im Rückraum gespielt, schafft Räume und ist im Tempospiel flott unterwegs. Seine Athletik ist nicht typisch für seine Position und er wird der Mannschaft auf jeden Fall gut tun. Mit Felix Danner haben wir eine echte Konstante verpflichtet, der dieser jungen Mannschaft mit der Integration sehr helfen kann. Er kann in der Abwehr alle Formationen spielen und dem Team Stabilität geben. Ich bin mit der Zusammensetzung unseres Teams sehr zufrieden. 

Wie teilst Du Dir die Aufgaben mit Jasmin Camdzic?

Sein Steckenpferd ist natürlich die Arbeit mit den Torhütern. Wir stellen uns mit zwei jungen, talentierten Torhütern im Gespann einer großen Herausforderung für die neue Saison. Mit ihnen wird ‚Jasko‘ intensiv arbeiten. Ich sehe ihn aber auch als Berater an meiner Seite, da er die Mannschaft und das Umfeld bestens kennt. Dazu ist Jasko Verantwortlicher für das Scouting. Er beobachtet Spieler für die Zukunft und pflegt da gemeinsam mit Geschäftsführer Björn Seipp viele Kontakte.   

Wie siehst Du die Rolle von Filip Mirkulovski als Co-Trainer in der kommenden Saison?

Alleine durch den Wegfall von Alexander Feld und Magnus Fredriksen in der Vorbereitung brauche ich ihn als Spieler. Ich glaube aber, dass seine Rolle immer weiter an meine Seite wandert. So ist es auch von allen Beteiligten und Vereinsseite gewünscht. Trotzdem bin froh, dass ich zu jeder Zeit auf ihn als Mittelmann zurückgreifen kann. Jede Mannschaft wünscht sich einen Spieler mit so einer Erfahrung in der Hinterhand, der immer eingreifen kann.

Du hast als Spieler dein erstes Bundesligaspiel in Dutenhofen absolviert, wie sind da Deine Erinnerungen?

Ich hatte damals zwei Wochen vor Rundenstart einen Kaderplatz beim VfL Pfullingen als Linksaußen ergattert. Eigentlich habe ich bei Kornwestheim im Rückraum gespielt. Auch in der Vorbereitung war ich wenig anwesend und dann war das erste Bundesligaspiel in Dutenhofen und blauäugig wie ich war, dachte ich, dass ich keine Minute spielen würde. Nach exakt 7:34 Minuten sagte der ehemalige Trainer Ecki Nothdurft: „Ben mach!“. Wir haben das Spiel zwar verloren, aber es war ein einschneidendes Erlebnis in der lauten Sporthalle in Dutenhofen. Auch mein erster Bundesliga-Sieg mit Ludwigshafen war in Wetzlar. 

Wie hast Du die HSG Wetzlar bisher wahrgenommen?

Als einen Club mit viel Tradition, Herzblut und Engagement. Die Region hier ist einfach handballverrückt und da grenzen wir uns auch von Metropolregionen ab. Man spürt, dass es hier familiär und nicht anonym ist. Ich habe es echt positiv wahrgenommen, dass hier jeder von ‚wir‘ spricht. Das ist eine tolle Grundlage, um etwas aufzubauen, was mit Leidenschaft und Emotionen zu tun hat.  

Wie hast Du die Fans wahrgenommen?

Ich kann mich sehr gut an das Weihnachtsspiel 2019 erinnern. Ein Gespür, wann die Mannschaft Unterstützung braucht, kann man nicht erlernen und das haben die Fans hier in Wetzlar auf jeden Fall. Bei diesem Spiel hat Ludwigshafen mit drei Toren verloren, aber das Pendel hätte immer noch ausschlagen können. Die Zuschauer*innen haben da immer wieder die passende Antwort gefunden und den Extra-Push gegeben. Wir wollen zukünftig mit viel Leidenschaft spielen und bei unseren Fans einen Funken neu entfachen. 

Du arbeitest noch als Lehrer an einem Wirtschaftsgymnasium, war das immer Dein Ziel?

Ich wollte immer Lehrer werden und das mit dem Sport verbinden. Ich bin der Älteste von sechs Geschwistern und mir wurden früh Aufgaben in der Familie übertragen. Nach dem Abitur bin ich dann direkt ausgezogen und habe angefangen Lehramt zu studieren. Der Handball konnte mir dabei bei der Finanzierung des Studiums natürlich helfen. Ich habe echt das gemacht, was ich immer wollte. Ein Bürojob war für mich nie eine Option.

Wirst Du weiterhin als Lehrer arbeiten?

Ich bin froh, dass die Verantwortlichen und auch die Schule mir weiterhin ermöglichen sechs Schulstunden zu unterrichten, das werden vier Stunden Sport und zwei Stunden BWL/VWL sein. Ich möchte nicht von Ablenkungen sprechen, aber das Arbeiten in der Schule ist schon nochmal eine andere Perspektive und dafür bin ich sehr dankbar. 

Was sind Deine persönlich größten Erfolge?

Ich rede da ungern von mir alleine, sondern immer vom Team. Im Mannschaftssport erreicht man alleine nichts. Ich hatte in meiner Karriere extreme Jahre, viele „do-or-die“-Spiele fast acht Jahre lang. Erst habe ich mit dem TV Hochdorf am letzten Spieltag den Klassenerhalt geschafft, in den beiden folgenden Spielzeiten sind wir auf dem dritten Platz gelandet. Mit den Eulen Ludwigshafen sind wir aufgestiegen und konnten dreimal die Klasse halten, das waren immer extreme Spiele. Der schönste Moment war der erste Klassenerhalt mit Ludwigshafen, weil es einfach historisch war. Da sind mir zwei, drei Minuten vor Spielende die Tränen runtergelaufen, weil es klar wurde, dass wir es schaffen würden. 

Was ist Deine Stärke als Trainer?

Ich habe schon viele Interviews gegeben und ein halbes Jahr später gedacht, dass Themen sich stark verändert haben und mir andere Aspekte wichtiger wurden. Ich würde aber sagen, dass ich sehr viel in Kommunikation investiere. Ich rede viel mit den Spielern und erarbeite mit ihnen persönliche Ziele, die sowohl kurz- als auch langfristig sind. Kein Spieler wird wochenlang an mir ohne Gespräch vorbeikommen. Meine Aufgabe als Trainer ist nicht nur die Spieler taktisch besser zu machen, sondern sie auch persönlich zu begleiten. Mir war immer wichtig, dass sowohl ich als auch die Spieler neben dem Feld Aufgaben für den Club übernehme. Das mache ich auch hier in Wetzlar gerne. 

Was möchtest Du noch besser machen?

Ich reflektiere von Woche zu Woche. Rein taktisch gesehen möchte ich noch an den Auszeiten arbeiten. Wann setze ich Auszeiten und mit welchem Input, damit habe ich mich sehr viel beschäftigt. Ansonsten möchte ich immer wieder Routinen brechen, aber das wird hier anfangs natürlich kein Thema, weil alles neu ist. Es ist wirklich ein Privileg für mich hier zukünftig zu arbeiten und jeden einzelnen von Ben Matschke zu überzeugen. Mich hier in diesem tollen Club zu beweisen, motiviert mich extrem. 

Wie möchtest Du am liebsten genannt werden?

Wo ich ursprünglich herkomme, nennen mich immer noch alle ‚Benni‘. Komischerweise hat in der Schule dann ein Kollege ‚Ben‘ gesagt und das hat sich dann durchgezogen bis nach Ludwigshafen. Benjamin nennt mich aber tatsächlich nur meine Oma. Ich habe mit allen drei Varianten kein Problem, aber am besten reagiere ich auf ‚Ben‘. 

Was ist für Dich typisch hessisch?

Das muss ich erstmal noch herausfinden. Typisch für die Region hier ist aus meiner Sicht aber die Sportbegeisterung und Leidenschaft. Das habe ich in allen Gesprächen gespürt und darauf freue ich mich sehr. 

Nächstes Spiel

30.08.2026 - 16:30 Uhr
Buderus Arena Wetzlar

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