Björn Seipp: „Wir wissen, was zu tun ist – und wir sind vorbereitet!“
Die HSG Wetzlar steckt mitten im Saisonendspurt der 1. Handball-Bundesliga im Kampf um den Klassenerhalt. Parallel dazu laufen im Hintergrund bereits die Planungen für die kommende Spielzeit. Geschäftsführer Björn Seipp (52) spricht im Interview über die aktuelle Lage, notwendige Klarheit – und warum der Klub in alle Richtungen vorbereitet ist.
Björn, wie bewertest Du die aktuelle sportliche Situation?
Die Ausgangslage ist klar: Wir stehen auf einem Abstiegsplatz und brauchen Punkte – das beschäftigt uns alle im Klub natürlich rund um die Uhr. Gleichzeitig bringt es aber nichts, jeden Tag nur auf die Tabelle zu schauen. Entscheidend ist ausschließlich, was wir selbst beeinflussen können – und das sind unsere Leistungen in den verbleibenden sechs Spielen. Da müssen wir ansetzen und auf unsere vorhandenen Stärken vertrauen.
Was macht Dir aktuell Mut?
Die Leistungen, die die Mannschaft in den direkten Duellen gegen die Konkurrenten aus dem unteren Tabellendrittel gezeigt hat. Gegen Leipzig, Minden und Stuttgart sind wir ungeschlagen geblieben und haben vier von sechs möglichen Punkten geholt. Da hat die Mannschaft gezeigt, dass wir gegen diese Gegner mehr als nur konkurrenzfähig sind. Es geht darum, diese Leistungen in den kommenden Wochen zu bestätigen, angefangen im nächsten Heimspiel gegen den Bergischen HC.
Wo siehst Du in der derzeitigen Situation die größten Schwachpunkte?
Dass es uns zuletzt unglaublich schwergefallen ist, gegen die Teams aus der oberen Tabellenhälfte über 60 Minuten leistungstechnisch mitzuhalten. Wir haben uns in diesen Spielen zu viele Schwächephasen geleistet, die es am Ende unmöglich gemacht haben, überhaupt in die Nähe der Möglichkeit zu kommen, einen Überraschungserfolg zu landen. Vielleicht war zu viel Respekt, vielleicht auch eine zu große Anspannung vorhanden, das wissen nur die Spieler, aber auf jeden Fall war es deutlich zu wenig! Da müssen wir uns anders präsentieren.
Wie erlebst Du gerade die Mannschaft?
Jeder weiß genau, um was es hier gerade für die HSG Wetzlar und für ihn persönlich geht. Alle setzen sich intensiv mit der Situation auseinander, jeder auf seine Weise. Wir sind uns alle einig, dass es wichtig ist, nicht in Hektik zu verfallen und einen klaren Kopf zu bewahren. Die Kabine muss in Takt sein, und ich habe den Eindruck, dass sie das ist.
Mit Michael Allendorf ist seit Februar ein Geschäftsführer Sport an Bord. Welche Rolle spielt er aktuell?
Eine sehr wichtige. Michael hat sich in kurzer Zeit einen sehr guten Überblick verschafft und bringt eine klare Linie mit. Er ist nah an der Mannschaft, nah am Trainerteam und gleichzeitig stark in den sportlichen Zukunftsthemen. Er weiß, wo wir in Sachen Kaderzusammenstellung ansetzen müssen und zukünftig hinwollen. Gerade in unserer aktuellen Situation ist es extrem wertvoll, dass wir diese entscheidende Position mit ihm im Winter qualitativ so hochwertig besetzen konnten.
Wie steht es um die Planungen über den Sommer hinaus?
Das ist aktuell Michaels Kernaufgabe. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie schwierig es ist, zweigleisig zu planen und unter diesen Voraussetzungen den bestmöglichen Kader auf die Beine zu stellen. Michael führt derzeit viele Gespräche, bringt sein Netzwerk ein und stellt wichtige Weichen, die uns zukünftig auf dem Spielfeld mehr Stabilität verleihen sollen. Wir werden schon bald die ersten Ergebnisse seiner Arbeit präsentieren können.
Auch im operativen Tagesgeschäft laufen bereits die Planung für die kommende Saison. Wie schwierig ist dort der emotionale Spagat?
Wie im Handball üblich, arbeiten auch hier sehr viele Menschen mit einem hohen Maß an Leidenschaft und Identifikation für den Klub. Deshalb möchte eigentlich niemand über die 2. Liga sprechen, aber es gehört in unserer Situation einfach dazu. Wir können es uns nicht leisten, nur von Woche zu Woche zu denken. Deshalb planen wir seit einiger Zeit zweigleisig – also für beide Ligen. Das ist kein Zeichen von Zweifel, sondern von Professionalität.
Was bedeutet „zweigleisig planen“ für die HSG Wetzlar konkret?
Es geht um Kaderplanung, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und organisatorische Themen. Wir führen die Gespräche mit Spielern, Partnern und Dienstleistern und schaffen die Grundlage dafür, in beiden Fällen handlungsfähig zu sein. Also: Wir wissen, was zu tun ist – und wir sind vorbereitet! Trotzdem ist klar, unser voller Fokus liegt darauf, den traditionsreichen Erstligastandort Wetzlar in der 1. Handball-Bundesliga zu halten!
Wie erlebst Du aktuell die Gespräche mit Partnern und Sponsoren?
Sehr positiv. Wir spüren zum sehr großen Teil eine tiefe Verbundenheit mit der HSG Wetzlar. Viele Partner-Unternehmen begleiten uns seit vielen Jahren und wissen, wofür dieser Klub steht und was hier möglich ist. Diese breite Unterstützung und der Zuspruch geben uns ein gutes Gefühl und vor allem Planungssicherheit – unabhängig davon, wie die Saison sportlich ausgeht. Dafür sind wir sehr dankbar.
Die HSG Wetzlar spielt seit 28 Jahren ununterbrochen in der 1. Handball-Bundesliga…
…und das ist eine außergewöhnliche Leistung für einen Klub, der aus einer stark mittelständisch geprägten Region kommt und seit jeher zu den finanzschwächeren gehört. Natürlich wurden in der jüngeren Vergangenheit auch bei uns Fehler gemacht – und die müssen wir uns auch selbstkritisch anrechnen. Aber gleichzeitig sollten wir uns bewusst machen, was hier über so viele Jahre hinweg aufgebaut wurde. Dass wir jetzt in dieser Situation sind, ist nicht das, was wir wollen, sondern etwas, was passieren kann und somit eine Herausforderung, der wir uns stellen.
Welche Rolle spielt in der aktuellen Situation die unternehmerische Entwicklung des Klubs in den vergangenen Jahren?
Wir haben in den vergangenen 15 Jahren hart daran gearbeitet, die schwierige Vergangenheit des Klubs aufzuarbeiten und ihn finanziell sowie infrastrukturell stabil aufzustellen. Das zahlt sich jetzt, in diesem sportlich schwierigen Moment, aus. Die Zeiten, in denen ein Abstieg die unternehmerische Zukunft der HSG Wetzlar gefährdet hätte, liegen zum Glück hinter uns.
Wie wichtig ist die Buderus Arena für den Handballstandort Wetzlar?
Die Buderus Arena ist und bleibt unser Zuhause - egal, was passiert! Sie ist die Heimat für Mannschaft, Fans und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir als Klub tragen Verantwortung für diese tolle Arena und somit auch die Sportstadt Wetzlar.
Was ist jetzt in den letzten Wochen der Saison entscheidend?
Dass wir bei uns bleiben. Wir müssen über 60 Minuten unsere maximale Leistung bringen. Entscheidend wird sein, dass wir konstanter werden, uns weniger Schwächephasen in den Spielen erlauben und die nötigen Tugenden im Abstiegskampf an den Tag legen. Wenn wir an die Leistungen aus den direkten Duellen zuletzt anknüpfen, haben wir gute Chancen, die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu holen.
Was möchtest Du Fans und Umfeld in dieser Phase mitgeben?
Wetzlar ist eine Handball-Hochburg und es sind so unglaublich viele Grün-Weiße mit ganzem Herzen bei der Sache. Dafür möchte ich allen zunächst einmal danken. Ich weiß aber auch, dass sich viele gerade Sorgen machen – und genau jetzt kommt es darauf an, dass wir zusammenhalten. Eine volle Buderus Arena, eine positive Atmosphäre und die bedingungslose Unterstützung der Menschen in Stadt und Region, die Stolz auf Erstliga-Handball in Wetzlar sind, können für die Mannschaft ein wichtiger Faktor sein. Gemeinsam haben wir es in der Hand, in der Liga zu bleiben.











